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Die Wahrheit · 1929-11-15 · Heft 46 (15.11.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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rHE WAHRHEIT Seite 3 AKTIENGESELLSCHAFT I., Bauernmarht Nr. 10-12-14 Vll., raarlahiilerstrafie Nr. Oft (Ecke Zieglergaase) W ¥EPPlCHEtt fORHÄNOE rattBEisTorrE ElNOECVra DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preiset Staates sei, müsse es auch bei der Universität Anwendung finden* Daß eine Universität zum Lernen und Lehren da ist und zu sonst nichts anderem, daß von Seiten des Staates, da es sich ja um staatliche Anstalten handelt, jedem Universitätsbesucher die Möglichkeit des Lernens gewährleistet werden muß, sind Selbstverständlichkeiten. In Oesterreich müssen aber an Selbstverständlichkeiten auch die maßgebenden Herren öfters erinnert werden. * * * Der Bundesminister für Unterricht empfing Freitag, den 8. d. M. das Präsidium derisrael. Kultusgemeinde Wien zwecks einer von dieser sofort nach Ausbruch der Unruhen an den Hochschulen erbetenen Aussprache. Das Präsidium erhob schärfsten Protest gegen die an der studierenden jüdischen Jugend schon seit mehreren Tagen verübten Beschimpfungen und Gewalttaten, durch welche die jüdischen Studenten sogar gezwungen wurden, durch Spaliere völkischer Studenten unter brutaler Mißhandlungen förmlich Spießruten zu laufen, daß verhetzende Aufrufe gegen die Juden nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Hochschulen zur Verteilung gelangen und daß in den Anschlagskästen die Judenschaft schwer beleidigende Plakate, literarische Erzeugnisse u. dgl. ohne vorschriftsmäßige Bewilligung des Rektorates ausgehängt werden, durch welche der Boden für die maßlose Verhetzung der deutschvölkischen Studentenschaft in allererster Linie vorbereitet wird. Die Repräsentanz der Wiener Judenschaft erklärte, daß es ihr lebhafter Wunsch sei, daß die Sperre der Hochschulen in allerkürzester Zeit aufgehoben werde, daß aber Garantien geschaffen werden müssen, daß die staatsgrund gesetzlich gewährleistete Lernfreiheit und Gleichberechtigung auch gegenfahl sich Onkel Bernhard, dem es einfiel, daß er ja zum Schächten befohlen sei. * * Den Gipfelpunkt aller Veranstaltungen bildeten früher die Purimbälle! Da wurde etwas geleistet, von dem man lange Zeit nachher noch sprach. Eva Lipmann, die Lustigste und Ausgelassenste von allen, staffierte die Dienstmädchen aus, der lange Tobias erschien in den undenkbarsten Verkleidungen: der drollige Marcus aus Hamburg erschien als orgeldrehender Zigeuner, einige schöne Töchte der Gemedndemi'tglieder als Odalisken. Selig David kam in Holzpantoffeln zum Tanz und Schimen Holländer ärgerte sich darüber zum Platzen. So lustig ging es natürlich in den letzten Jahren nicht mehr her; waren doch schon so manche der Alten gestorben und viele nach Hamburg gezogen. Aber dennoch war es hier am Purim recht heiter. Schaje Jonas hatte vorschriftsmäßig ..einen weg", denn er pflegte zu sagen, genau so wie am Pessach die Vorschrift befiehlt, daß dem die größte Ehre zufiel, der am meisten vom Auszug aus Aegypten erzähle, ebenso genau habe derjenige sich der höchsten Auszeichnung vor Gott zu erfreuen, der es am Pürimtage diesem im Trinken gleichtue und er machte es so gründlich, daß es bis über Schuschau- Purim vorhielt. Sogar „Selig Pott" mußte ran! Dafür sorgten die großen Jungens; sie forderten ihn zum Singen auf und wahrhaftig, es gelang ihnen und „Selig Pott" begann: „Wie der Maund am Firmamente" — ..Miau"! schrien da auf einmal die Halunken; das war der Ruf, mit dem „Selig Pott" in Harnisch gebracht werden konnte, und schon stob die Bande auseinander und der Alte schlug mit dem langen Stock um sich und schimpfte, was das Zeug hielt . . . Die alte Wibke Andresen galt allgemein als Wetterprophetin. War das Wetter noch so schön, sie weissagte Regen; traf diese Weissagung nicht ein, so pflegte sie zu sagen: „töf man, morgen geit das los" und regnete es dann über der jüdischen Studentenschaft gewahrt und gehandhabt werde. Der Herr Bundesminister erklärte, daß die Regierung voll und ganz auf diesem Boden stehe und sich mit allen Kräften bemühen werde, die Gleichberechtigung und die gleich e n a k a d e m i s c h e n R e c h t e auch für die jüdischen Studenten zu gewährleisten. Diese Vorfälle, welche er ungemein bedauere, konnten in dieser Ausdehnung nicht vorausgesehen werden, denn sonst wäre die Sperre der Hochschulen, welche mit seiner Zustimmung erfolgte, schon früher verfügt worden. — Schon aushöherenpolitischenGründenseidie Erhaltung der Ruhe auf den Hochschulen dringend zu wünschen und er beklage lebhaft, daß die politische Verhetzung außerhalb der Hochschulen auch auf diese übergegriffen habe. Ueber die Verwahrung des Präsidiums, daß in diesen politischen Kämpfen die jüdischen Studenten als Prügelknaben dienen müssen, teilte der Herr Minister mit, daß er von dem Rektor der Uniwirklich, so freute sich kein Mensch mehr als diese Alte! Deshalb hielten es die Leute für ein übles Wahrzeichen, wenn sie Ausflüge machen wollten und ihnen Wibke Andresen über den Weg kam. Eines Tages saß der alte Feiwes auf der Bank und Meier Kalme gesellte sich zu ihm. Meier Kalme war früher ein recht vermögender Mann; er hatte aber das Unglück, durch Fehlspekulationen sein ganzes Vermögen zu verlieren und war jetzt arm geworden. Trotzdem blieb er fromm und gottergeben. Also Meier Kalme erzählte dem Feiwes, sein (Kalmes) Sohn könne in Hamburg eine Lehrstelle erhalten, von der in der Zeitung stand: „Sonnabend und israelitische Feiertage geschlossen"; das sei ihm aber nicht das Richtige, es müsse vielmehr heißen: „Schabbes und Jontif geschlossen" und er wolle deshalb warten, bis sich das Rechte bieten werde. Immer leerer wurde es in> den Häusern, immer ruhiger im Städtchen. Die Söhne und Töchter wuchsen heran und verließen das Elternhaus und manche Familien erwogen den Plan, nach Hamburg zu ziehen. Die Gebrüder Lipmann hatten schon lange ihre Zelte abgebrochen, nachdem auch der alte Vater heimgegangen war. So verlor denn diese Gemeinde nach und nach viele ihrer Mitglieder und die Schule wies klaffende Lücken auf und Bernhard, der liebe, edle Mensch, ging nachdenklich einher und meditierte darüber, wie es noch werden könne. Hier in dieser kleinen Welt, pflegte er zu sagen, kenne man jeden Weg und Steg und man gelange nicht auf Abwege, in der Großstadt aber, drohe diese Gefahr, aber er, der Lehrer, habe das Bewußtsein, in all den jungen ihm anvertrauten Seelen einen guten Keim gepflanzt zu haben, gebe Gott, daß er zum Guten ausschlagen möchte! (Fortsetzung folgt) _ . ........

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