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Die Wahrheit · 1929-11-15 · Heft 46 (15.11.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEll Worte, die nichts halfen, ebenso wenig halfen wie die untaugliche Maßnahme der Sperrung. Denn haben sich dadurch die Radaustudenten eines Besseren besonnen? Der Rektor sprach diese salbungsvollen Worte und der Herr Dekan Dr. Holdt sprach nach einem bisher unwidersprochen gebliebenen Bericht der „Neuen Freien Presse" ein — „Hoch auf die Deutsche Studentenschaft4', die die Krawalle inszeniert und restlos — bis zur Austreibung aller „lernbegierigen" Juden — durchgeführt hat. Auch diese antisemitischen Tendenzen berührte der Herr Dekan in seiner bemerkenswerten Ansprache. „Seien Sie doch nicht so u n g e s c h i c k t," sagte er, „mit Ihren Rufen „Juden hinaus!" machen Sie uns akademischen Behörden die größten Schwierigkeiten." Und die gefeierten Hakenkreuzstudenten nahmen den schweren Vorwurf der „Ungeschicklichkeit" auf sich und — randalierten weiter. Auch der Herr Minister hat — nach dem amtlichen Kommunique über die Vorsprache der Kultusgemeinde — der deutschen Studentenschaft das Lob ausgestellt, daß sie um die Ruhe bemüht war, und auch Rektor G1 e i s p a c h hat versucht, die randalierenden Studenten in Schutz zu nehmen! Wer war also doch schuld? Nun wer, die — Juden natürlich. Da man es bei uns gewöhnt ist, Sozialisten und Juden in einen Topf zu werfen, obwohl gewichtige jüdische Stimmen dieses Landes sich immer wieder gegen eine solche Gleichmacherei verwahrten, so wurden für Aktionen der sozialistischen Studenten, über deren Berechtigung man geteilter Ansicht sein kann, die jüdischen Studenten verantwortlich gemacht. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Erklärung der Leitung der Heimwehren zu den Krawallen. Es ist bekannt, daß an diesen Krawallen sich Heimwehrstudenten in sehr aktiver und nicht gerade judenfreundlicher Weise beteiligt haben. Diese Tatsache wurde von der linken Gegenseite gewaltig ausgeschrotet und dadurch erwuchsen den Heimwehren, Die Stadt der Originale. Erinnerungen aus der Jugendzeit von Rolf Reinstein. (Fortsetzung.) In einem stattlichen Hause auf dem Marktplatz wohnte der Vorsteher der Gemeinde, der alte vornehme Herr Simon Wohl, der als Stadtsekretär zu den Honoratioren zählte und das Register der jüdischen Gemeinde führte. Er war mit einer Tochter des im Anfang des 19. Jahrhunderts verstorbenen Präses der Gemeinde, eines hochangesehenen Mannes, verheiratet. Auch in diesem kinderreichen Hause war es leer geworden. Die Söhne waren in Hamburg etabliert, die Töchter verheiratet. Ein Besuch in diesem Hause bereitete ästhetischen Genuß, denn zu damaliger Zeit verstand man es noch, echte Frömmigkeit mit weltlicher Bildung zu harmonischem Einklang zu gestalten. * * „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Der Produktenhändler Michel Meier,, ein ruhiger, fleißiger Mann, schien sich nur deswegen den Spott Selig Davids zugezogen zu haben, weil sich des letzteren Riechorgan partout nicht auf Knochen und Produkten einzustellen vermochte und mußte deshalb sich „Schnadahüpferln" andichten lassen, von deren Art eines hier wiedergegeben sei: die sich nicht gerne in den Geruch der Judenfeindschait bringen lassen wollen, große Unannehmlichkeiten. So wurde also mit großem Applomb angekündigt, sie würden sich in einer Erklärung entschieden gegen den Hochschulantisemitismus wenden, den sie mißbilligen usw. Die Erklärung erschien und es stand kein Wort darin gegen den Hochschulantisemitismus, im Gegenteil, die Erklärung faselte etwas von der „immer vorhandenen leichten Erregbarkeit auf akademischem Boden" und wandte sich schließlich gegen den Terror, nicht der Hakenkreuzler, sondern der — Sozialisten. Geschwindkeit ist keine Hexerei und so terrorisiert die Minorität, nicht die deutschnationale Majorität. Deshalb bleiben wir bei dem, was wir immer wieder forderten, wenn Hochschulkrawalle auf der Tagesordnung waren: Die akademischen Behörden sind verantwortlich zu machen, denn sie haben die Macht, den Radaustudenten zu beweisen, daß auch für unsere Hochschulen, die Gemeingut des ganzen Volkes sind, die Gesetze Geltung haben! Die akademischen Behörden müssen, wenn sie diese Forderung nicht berücksichtigen, ruhig einstecken, was der preußische Unterrichtsminister Dr. Becker — kein Sozialdemokrat, sondern ein Bürgerlicher — über die Wiener Hochschulskandale sagte. Er äußerte sich zu einem Korrespondenten des Wiener „M orge n" u. a. wie folgt: An einer preußischen Universität könnten derartige Szenen, wie, sie in Wien passiert sind, jedenfalls nicht vorkommen, da es ein preußischer Universitätsrektor weder wagen könnte, noch es wagen würde, auf seinen Schulen derartige Raufhändel zuzulassen, ohne sofort polizeiliche Hilfe herbeizurufen. Gegen Radaubrüder, die den Staat herabsetzen, müsse eben die staatliche Hilfe in Anwendung kommen. Es ist die Pflicht des Staates, seine Bürger und seine Gäste gegen Angriffe auf ihre Person zu schützen. Da dies oberstes Gesetz jedes Wenn ich des morgens früh auf steh', duliö! Und Michel Meiers Haus anseh, duliö! Fegt Röschen die Treppen aus, Kriegt kaum den halben Schmutz heraus! Ratten, Mäuse, Flöhe, Wanzen, duliö! Alle durch die Lumpen tanzen, duliö! (usw.) Das focht den also Besungenen nicht an. Das Geschäft nahm dank der Unterstützung der Söhne an Umfang zu und letztere wurden in Hamburg groß und vermögend, und zwar in gleicher Branche. Unter dem Namen „Thalia" gründeten bildungsbeflissene junge Leute einen Verein, dessen Zweck es war, die Friedrichstädter durch Theatervorstellungen zu unterhalten. In der Hauptsache wurden Schwänke und Lustspiele gegeben, wie etwa das amüsante Stück „Die zärtlichen Verwandten", in denen die Tochter einer der kinderreichsten jüdischen Familien Friedrichstadts, die jugendliche Adelheid, die Hauptrolle kreierte; sie hatte entschieden Spieltalent. Auch etliche junge Damen und ältere Fräuleins unter dem Ehrenvorsitz Madame Sievers, der Schulvorsteherin, gründeten einen Lesezirkel, der allwöchentlich tagte und zu diesem erschien regelmäßig auch der Lehrer, Onkel Bernhard; es war eine der wenigen Zerstreuungen, die sich dieser bescheidene Mann leistete. An einem schönen Nachmittage saß man wieder gemütlich beisammen und da es gerade warm war und die Sonne schien, hatte man das Fenster offen gelassen; man war mitten in der Unterhaltung, da — o, Schreck, dröhnt es im gewaltigen Baß von draußen herein: „ich nabbel*), wenn du nicht gleich kommst!" und schnell emp- *) Von „Neveloh" ableitend, hier soviel wie selbstschächten.

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