Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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üttiimumii^ Sehe Ü Teiles des deutschen Volkes" hinzu. Diese Worte bildeten für die Studenten den Anlaß zu lärmenden Kundgebungen. Einige Studenten besetzten die Ausgangstüren des Hörsaales und verhinderten, daß die jüdischen Hörer sich entfernen konnten. Die Prügeleien pflanzten sich im Hause fort. Insbesondere kam es zu Tumulten in der Aula, wo hochschulfremde Personen jene Hörer, welche die Technik verlassen wollten, überfielen und verprügelten. Rektor Professor Dr. Ing. Schaffernak verfügte sofort den L e g i t i m at i o n s z w a n g. — Beim Leichenbegängnis des Professors der Hochschule für W e 11h a n d e 1, Dr. Ludwig Strauß, hielt der Rektor der Hochschule Prof. Dr. Beutel eine ergreifende Trauerrede. Wiederholt mußte der Redner innehalten, um Herr über seine Erschütterung zu werden. Er erinnerte daran, daß wir in S t r a u U einen Begründer der Hochschule für Welthandel beklagen und daß er es war, der durch die Tiefgründigkeit und gleichzeitige Faßlichkeit seines Vortrages Generationen von Kaufleuten herangebildet hat. Sonntag noch Trauer im Welthandel, Montag Sturm auf der Technik, Dienstag auf der Universität usw. ohne Ende unter stillschweigender Duldung der Universitätsbehörden; man sage noch, wir leben nicht in einer ergötzlichen Zeit. Kleine Episode von den Stitdentenkrawallen. „Studio auf seiner Reis'", auf seiner Krawallreise nämlich. Er hahnenschwänzt gerne die Vorlesungen. Die Stationen Universität und Technik waren bereits erledigt, ohne daß der Tatendrang der jugendlichen Demonstranten erschöpft gewesen wäre. Wenn an der Technik ein überflüssiges Plakat angeschlagen wird, so dürfen auch an der Hochschule für Welthandel Juden nicht lernen. Sollte je- Ein garstig Lied. Wir erhalten folgende Zuschrift: Auf Grund des § 23 des Bundesgesetzes vom 7. April 1922, B.-G.-BI. Nr. 218, über die Presse, verlange ich die Veröffentlichung der nachstehenden Berichtigung zu dem in Nummer 35 des XLV. Jahrganges vom 30. August 1929 der Zeitung „Die Wahrheit" auf Seite 12 unter der Ueberschrift „Ein garstig' Lied!" gebrachten Aufsatze, und zwar ohne Einschaltungen und Weglassungen, in der ersten oder zweiten nach dem Einlangen dieser Berichtigung erscheinenden Nummer, in demselben Teile der Zeitung und in der gleichen Schrift wie die zu berichtigende Mitteilung: Es ist unwahr, daß ich bei einer Versammlung in Purkersdorf am Sonntag, den 18. August 1929, von einem jüdischen Sommerfrischler, der der Versammlung als Zuhörer beiwohnte, wegen einer Aeußerung, die ich in meiner Rede gemacht hätte, zur Rede gestellt worden wäre und mich mit den Worten: „Politisch Lied, ein garstig' Lied!" verantwortet hätte. Wahr ist vielmehr, daß ich bei der erwähnten Versammlung von niemanden in wie immer gearteter Weise zur Rede gestellt wurde und daß ich die Aeußerung: „Politisch Lied, ein garstig4 Lied!" über- haupt nicht gemacht habe. Julius Deutsch. mand die zwingende Logik nicht begreifen, die darin gelegen ist, dann wäre ihm wirklich nicht zu helfen. Die Ruhestörer haben die Tür eines Hörsaales, in dem die Vorlesung stattfand, immer aufs neue aufgerissen, um sie dann wieder mit aller Kraft zuzuschmettern. Sie taten dies in der Voraussetzung, daß dem Manne auf dem Katheder schließlich die Oeduld reißen müsse, daß er seinen Hut nehmen und die Vorlesung abbrechen würde. Es ist ja tatsächlich nicht jedermann gegeben, unter solchen Umständen wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Man wird vielleicht finden, daß dieses Vorgehen nicht gerade auf eine glücklich bestandene Reifeprüfung schließen läßt, daß es sogar eher taferlklaßmäßig als hochschulmäßig ist. Aber das nur nebenbei bemerkt. Der Professor fühlte sich zu det rhetorischen Frage veranlaßt: „Wollen Sie den Unterricht stören?" Und als darauf ein frischfröhliches „Ja!" ertönte, replizierte er mit den Worten: „Ich fürchte mich nicht vor Ihnen! Ich bin im Krieg Offizier gewesen!" Ob die Demonstranten in sich gingen und auf das weitere Türzuschlagen verzichteten, ist nicht bekannt. Jedenfalls hätte aber jene Bemerkung des Gelehrten den jungen Herren mit dem Abzeichen des Heimatschutzes einiges zu denken geben sollen^ DeT Professor, der seinerseits auf das Heimatschutzzeichen verzichtete, scheint, genau genommen, das Recht auf die Behauptung zu haben, daß er desgleichen die Heimat geschützt habe. Dies vielleicht sogar unter größeren Opfern und Gefahren als jene Jünglinge, die ja glücklicherweise noch nicht in die Lage gekommen sind, ihre löblichen Schützerabsichten in die Tat umzusetzen. Er wollte den Ruhestörern zu verstehen geben, daß man ihm vermöge seiner kriegerischen Vergangenheit keinen feldgrauen Dunst vormachen könne, daß er an ganz andere Aufmärsche gewöhnt sei und daß er über erprobte und gesunde Nerven verfüge. Bombeneinschläge und das Feuer von Maschinengewehren verursachen noch größeren Lärm als eine ins Schloß geworfene Tür. Auf die Nerven kommt es ja überhaupt an. Die hat man in den gegenwärtigen österreichischen Zeitläuften im höchsten Grade nötig. Nicht allein im Verkehr mit demonstrierenden Studenten. Für die Leute mit den eisernen Stirnen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, gehören wirklich eiserne Nerven. Walther Rathenaus Bekenntnis zum Deutschtum und Judentum. In kurzem erscheinen W a 11 h e r Rathenaus „Politische Briefe", die sein gesamtes politisches Wirken umfassen. Die Sammlung enthält auch einen Ende 1918 datierten Brief an einen holländischen Freund, der das folgende Bekenntn i s enthält: „Sie wissen, ich bin Jude, und habe in unserem Lande, das von der Regierung zur Abwendung des Volksinteresses immer wieder auf Antisemitismus eingestellt wurde, aufs schwerste unter den Verfolgungen und Zurücksetzungen gelitten, die man mir und vielen anderen tüchtigen Deutschen angedeihen ließ. Auch hierin könnte der leidende Teil eine Schuld oder einen Fehler erblicken und sich erzürnen oder abwenden. Niemals ist mir das in den Sinn gekommen, niemals habe ich mich enger mit dem Lande verbunden gefühlt und so vollständig meine Empfindungen in denen meiner Landsleute aufgehen sehen, wie in dieser Zeit."