Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ölte WAHRHEIT Seite 9 Die „Völkische Arbeitsgemeinschaft" hat mit der Herausgabe dieses „Univ-ersiiätsführers" eine Erweiterung des Betriebes geplant, der bisher nur auf Boykottierung der Studenten mit „bemakelter'* oder „dubioser"' Abstammung zielte. Man könnte die Erregung der Professoren und Dozenten, die durch diese Rassenschnütieki getroffen werden sollen, nur berechtigt finden und man würde es auch nur begreiflich finden, wenn ihre von Geburt aus „unbemakelten'' arischen Kollegen dieses Gefühl vollauf teilen. Und wie erst - - so denkt man — müßte sich der Rektor der Universität, der in seiner Person die vornehmste Repräsentanz der Wissenschaft bedeutet, zu diesem schmachvollen „Führer" in die Niedrigkeiten des Rassenvorurteiles und des Rassenhasses stellen? Nun, wie sich Herr Horrat Professor Gleispach zu ihm verhielt, erfährt man ganz genau aus dem — „Berliner Tageblatt". Dort war zu lesen, was man sich in Wien vielleicht schämte mitzuteilen, daß das Vorwort zu diesem „Führer" kein Geringerer als Hofrat Professor — Gleispach geschrieben hat. Endlich dämmert ein Hoffnungsschimmer, daß Oesterreich einem messianischen Zeitalter entgegengehen wird. Die radikalsten Marxisten und die extremsten Heimwehrleute begegnen sich bereits in einem Wunsche, dem Wunsche nämlich, daß dem Terror ein Ende gemacht werde — im Lager des Gegners. Obwohl sich bisher schon tatsächlich viele Nichtjuden für die Schuldlosigkeit Halsmanns einsetzten, beharren die antisemitischen Blätter bei der Behauptung, daß die Juden nur dämm für den Verurteilten einstehen, weil er — Jude ist. Man sollte es den Juden doch wirklich glauben, daß sie ein von der Konfession eines Angeklagten unbeeinflußtes Entsetzen bei dem Gedanken der Möglichkeit eines Justizmordes empfinden. Den Verteidigern Philipp Halsmanns und dem Innsbrucker Landesrabbiner ist es richtig gelungen, Philipp Halsmann zu der Erkenntnis zu bringen, daß er seiner Sache mit der Weigerung, Nahrung aufzunehmen, keinen guten Dienst leiste. Halsmann hungert und dürstet aber weiter nach — Gerechtigkeit. Ego. Namen machen Leute. Im „Morge n" schrieb Alfred P o I g a r: Unter diesem iitel erschien in den „Hamburger Nachrichten". Abendblatt vom 21. September, eine Betrachtung über Pseudonyme Der Betrachter zeichnet O. H. Er enthüllt Interessantes. Zum Beispiel, wer Ferdinand Bruckner ist. ..Ferdinand Bruckner, diese ganz geheimnisvolle Persönlichkeit, ist identisch mit Otto Kraus." in Klammer iügt. mit leichter Ruhmredigkeit, der Verfasser hinzu: „(was hier zum erstenmal "TOS MODERNST EINGERICHTE VE DAMPFBÜCKEREI Jäter Aufsicht des ehiw. Rabbinates d. ADAS JISROEL (Schiffacbul) Spezialltat: Ung. Welzenu. Kornbrot unter dem Namen WR W Hm* flk. - HL Wm A V sowie weiss-, fein- M* n «em MM K MM M und milchgeback Bestellungen für Sudes und Hochzeiten werden entgegengenomm u. bestens ausgeführt LEDERER & KOHN, Verkaufslokal: II . Große Schiffgasse 16 Telephon A41-7-45 — Betiieb: 11., Hollandstraße 7, Telephon R47-4-95 veröffentlicht wird)". Clou, es hat schon einmal jemand eine Originalnachricht gehabt! Mehr Grund, sich patzig zu machen, gäbe dem Mann von den Hamburgern eine andere Neuigkeit, die er als erster mitteilen kann: „Moissi heißt eigentlich Moses." Auch du. Alessandro?'. Ach. um vieles besser verstellen wir nun plötzlich das wehe Flackern im Aug' des Sängers, die Leidensspur, tief eingeälzt um den bittersüßen Mund: tausendjähriger Schmerz schnitt da seine Runen. Aber welche Ungeschicklichkeit auch, sich Moissi zu nennen, wenn man Moses heißt, auf der Flucht aus dem Namen gerade die kompromittierende Silbe mitzunehmen, eine Klangspur zu hinterlassen, die schlauen Köpfen die Verfolgung der Wahrheit so sehr erleichtern muß. Anderseits ... Otto Kraus nannte sich Ferdinand Bruckner: was hat es ihm genützt? Kr ist doch von den Hamburger Nachrichten erwischt worden. Freilich nur von diesen. Aus den Mitteilungen O. H.'s geht hervor, daß man von den meisten bekannten Leuten der Literatur im zweifachen Sinn des Wortes sagen darf, sie hätten sich einen Namen gemacht. Knapp formuliert: in den seltensten Fällen sind die Namen der Leute von Namen die Namen der Leute. Und wenn man schärfer auf ihre Namen sieht, als was entpuppt sich fast jeder dieser Leute? Als einer von unseren Leuten. Dabei ist die erschreckend lange Reihe getarnter .luden der Literatur, die die Hamburger Nachrichten aufzählen, noch immer sehr lückenhaft. Es fehlen so große Nummern, wie zum Beispiel .laques Perles, der sich als Shakespeare Weltruhin erlistet hat. Fs fehlen die zahllosen drastischen Beispiele aus der Antike, der gerissene Herz Fleckel, der seine öden Oden unter dem Pseudonym Horatius Fiaccus lancierte. Livius. durch den deutlich genug der Löwi schimmert, oder Ovidius Naso. hinter dem -- keinem, der sein schmutziges Buch „ars amandi" gelesen hat, wird das überraschen —' ein sicherer David Naß steckte. Von den deutschen Klassikern heißen manche auch recht dubios. Sollte, um nur einen fragwürdigen Fall herauszugreifen, das Ei, aus dem „Herder"' geschlüpft ist, nicht vielleicht ein „Herzfelder" gewesen sein? Schiller, Charakter auch hier, blieb tapfer bei seinem verdächtigen Namen: Schiller. Den Beschluß der aufregenden Pseudonyme-Zertrümmerung in den Hamburger Nachrichten macht ein charakteristisches Geschichtchen: „Alfred Polgar, Egon Friedell und Heinz Pol saßen, jeder für sich, in der Halle eines Berliner Hotels. Ein Page erscheint und ruft unter die wartenden Gäste: „Ein Herr Polhik aus Wien wird am Telephon verlangt!" Wie von der Tarantel gestochen fuhren alle drei -- Alfred Polgar. Egon Friedeli und Heinz Po! — hoch aus ihren Träumereien und liefen straks zur Telephonzelle. Sie hatten sich an den neuen Namen noch nicht gewöhnt." Ich entsinne mich des Vorfalls in der Holelhalle noch ganz genau, sehe es, als ob es gestern gewesen wäre, wie wir, jeder für sich, dasaßen, in Klubsessel und Träumereien versunken, und wie wir, als der Ruf erscholl: „Ein Herr Pollak aus Wien wird verlangt", von etwas gestochen wurden. Es war die Tarantel. Die Beschämung dann beim Telephon, wo wir mit noch ein paar verschieden heißenden Herren, die gleichfalls auf den Ruf des Pagen hinzugeeilt waren, zusammenstießen, kann man sich denken. Friedell machte ein so leidvolles Gesicht, wie Alexander Moses als Fedja im letzten Akt des „Lebenden Leichnam". Ihn wird es wohl von uns dreien auch am meisten kränken, jetzt in den erbarmungslosen Hamburger Nachrichten lesen zu müssen, daß er Pollak heißt (was dort zum erstenmal veröffentlicht wird). KLEIDERHAUS SCHACHTER XII.,MEIDl. HAUPTSTR.26-TEl.R31 3 76 Größte Auswahl in fertigen Htenrem- und Knabenkleidern in bester Qualität jmr- Eigene Werkstätte für feine Mafiarbelt. ymmz