Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 u■mam—mm—mmamm—^^ Verlassenen, die Verfolgten, wider die Grausamen und Mächtigen. Diese Jugend hat zugunsten der bedrückten Völker manifestiert, sie ist für Polen, für Griechenland gewesen, sie ist stets für die Leidenden eingetreten, stets dort zu Hilfe geeilt, wo Menschen sich unter der Roheit einer Masse oder eines Einzelnen kraftlos am Boden wanden. Wenn es hieß, das Quartier Latin fange Feuer, konnte man gefaßt sein auf einen Akt jugendlicher Justiz, die nicht allzu behutsam vorzugehen pflegt, aber aus Begeisterung eine Herzenssache macht. Und dann diese Ursprünglichkeit, dieser Strom, der sich, alles überflutend, durch die Straßen ergoß! Ich weiß wohl, daß man auch heute wieder die Heimat nls bedroht, Frankreich, als durch eine Bande von Verrätern dem siegreichen Feinde ausgeliefert, hinstellt. — Nur, so muß ich fragen, wo hofft man eigentlich die klare Erkenntnis der wirklichen Lage der Dinge, bei wem das gefühlsmäßige Erfassen des Wahren und Rechten zu finden, wenn nicht hier in diesen unbefleckten Gemütern, bei diesen jungen Leuten, die in das öffentliche Leben hineinwachsen und eine dementsprechend ungetrübte, gerade und gute Urteilskraft einzusetzen haben sollten? Wenn durch Jahre der Intriguen verdorbene Politiker oder durch berufliche Unsauberkeiten rückgratlos gewordene Journalisten imstande sind, die schamlosesten Lügen aufzugreifen und vor ganz durchsichtigen Verhältnissen die Augen zu verschließen, so ist das noch erklärlich und zu verstehen. Aber auch die Jugend muß doch wohl im Kerne schon zu sehr verdorben sein, wenn selbst sie trotz ihrer ursprünglichen Reinheit und Redlichkeit sich nicht mehr auf der Stelle inmitten unannehmbarer Irrtümer zurechtzufinden und geradewegs auf das augenfällig und deutlich im vollen Tageslicht Stehende zuzusteuern vermag. Dabei ist der Sachverhalt so einfach wie nur möglich. Ein Offizier ist verurteilt worden, und niemandem fällt es ein, die guten Gründe der Richter anzuzweifeln. Sie glaubten nach bestem Wissen und Gewissen Recht gesprochen zu naben, auf Unter Ingen fußend, die sie für schlagend hielten. Bis eines Tages erst einem, dann mehreren Männern Zweifel aufstiegen und sie sich endlich davon überzeugen, daß eines der Beweisstücke, das wichtigste, das einzige jedenfalls, auf das die Richter sich, soweit erkennbar, gestützt haben, dem Verurteilten fälschlich zur Last gelegt wird, vielmehr zweifellos von der Hand eines anderen stammen muß. Und sie sprechen es aus. und dieser andere wird, wie es Pflicht und Schuldigkeit geboten, von dem Bruder des Gefangenen angezeigt; und so beginnt zwangsläufig ein neuer Prozeß, der die Revision des ersten Prozesses bringen muß. wenn anders es überhaupt noch eine Rechtsprechung gibi. — Ist das nicht alles ganz klar und richtig und verständig? Ist darin irgend eine Machenschaft oder eine dunkle Verschwörung zur Rettung eines Verräters zu erblicken? Daß einer Verrat geübt hat, soll gar nicht geleugnet werden: nur soll der Schuldige und nicht ein Unschuldiger das Verbrechen büßen. Ihr werdet ihn allemal bekommen, euren Verräter: wir wollen euch aber den stellen, der es auch wirklich gewesen ist. Eigentlich sollte schon eine Spur gesunden Menschenverstandes dazu ausreichen! — Wie müssen also diejenigen handeln, die den Dreyfus-Prozeß wieder aufgerollt wissen wollen? — Da hat zunächst der dumme Antisemitismus aus dem Spiele zu bleiben, der in seiner gräßlichen Verbohrtheit hier eine Verschwörung der Juden wittert, jüdisches Gold, das den Juden in der schimpflichen Gefangenschaft gerne durch einen Christen ersetzen möchte. Die Darstellung ist denn doch zu platt, die Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten schlagen einander tot: alles Gold der Erde vermöchte nicht bestimmte Ueberzeugungen zu kaufen. — Man muß vielmehr dazu gelangen, die Wirklichkeit so zu betrachten, wie sie ist, als die natürliche, schrittweise, unaufhaltsame Entwirrung jedes Justizirrtums. So liegen die Dinge. Der Justizirrtum selbst erzeugt also die Macht, die ihn wieder vernichtet: Menschen mit Gewissen sind ergriffen, fühlen sich bedrückt, verbeißen sich immer hartnäckiger darin, setzen Vermögen und Leben aufs Spiel, bis da wieder Recht geschaffen ist. — Eine andere Erklärung für die heutigen Geschehnisse gibt es nicht; was darüber hinaus noch bleibt, sind abscheuliche politische und religiöse Fieberschauer, reißende Hochwasser von Verleumdungen und Beleidigungen. (Schluß folgt.) Uhi'hdJ^bcnitmtmßurDk Waktkzitl immimmnmmwmnmmimmmmhmmmmmummum fyif* WAHRHEi f Qlcrret*. Der neue Rektor der Universität, Hofrat Prof. O 1 e i s p a c h, hat selbstverständlich Stellung zu den letzten, oder sagen wir vorsichtiger zu den jüngsten hakenkreuzlerischen Exzessen an der Universität genommen, deren Opfer selbstverständlich wieder jüdische Studenten waren. Der Herr Rektor konstatierte in seiner offiziellen Kundgebung, daß die Ruhestörungen in der Universität ihren Ausgang eigentlich von der — Technischen Hochschule genommen hatten. Kr hätte sogar der Wahrheit gemäß hinzufügen dürfen, daß sie ihren Ausgang von einem außerhalb der Technischen Hochschule befindlichen Kiosk hatten, in welchem sozialistische Studenten einige das Mißfallen der Hakenkreuzler erregende Karikaturen ausstellten. Auch wer dieses Mißfallen im vollsten Maße teilt, wird sich noch immer fragen, ob sich die Erregung über diesen außerhalb der Technischen Hochschule gelegenen Kiosk in den Räumen der Hochschule selbst derart austoben durfte. Und noch unbegreiflicher mag es manchem erscheinen, daß diese Erregung sich unter den Rufen „Juden hinaus!"' sogar bis in die Lehr- und Bibliotheksäle der Universität fortpflanzen mußte. Herr Rektor Gleispach verweilt jedoch in seiner Kundmachung nicht bei diesen Nebensächlichkeiten, er spricht nur von der ihm „begreiflichen heftigen Erregung" an der Technischen Hochschule, „die leider zu Ruhestörungen an der Universität durch Studenten geführt, die ihr nicht angehören". Dieses „leider" ist das schärfste Wort der Brandmarkung, das der Herr Rektor für bübische Skandalmacher aufbrachte, die fleißige, beim Studium im Bibliotheksaal Überfallene jüdische Studenten unter Mißhandlungen auf die Straße trieben. Diese nicht die geringste Erregung verratende Sanftmut des Herrn Rektors wird „leider" mancher vielleicht weder „begreiflich noch berechtigt" finden- Bei Gelegenheit dieser Universitätsskandale wurde in den Wiener Tagesblättern auf eine andere „Unbegreiflichkeit" hingewiesen, die sich dank der Duldung der Universitätsbehörden in den Räumen der Universität dem verblüfften Besucher aufdrängen darf. Die sogenannte „Völkische Arbeitsgemeinschaft", die ihre Tätigkeit in einem ihr vom akademischen Senat eingeräumten Lokal im Universitätsgebäude selbst ausübt, verbreitet daselbst eine Boykottliste, in der Professoren und Dozenten auf ihre Abstammung geprüft und an den Pranger gestellt werden. Die „Neue Freie Presse" bemerkte mit Recht, es bedeute ein Unikum im deutschen Universitätsleben, daß unter Patronanz von Universitätsbehörden ein „Universitätsführer" verteilt werden kann, der der blutrünstigen antisemitischen Propaganda dient. Und da soll ein vernünftiger Mensch darüber staunen, daß unreife, wenn auch von der Matura kommende Jünglinge von dem Kiosk außerhalb einer Hochschule sofort den Weg zur Besudelung der inneren Räume Wiener Hochschulen finden.