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Die Wahrheit · 1929-11-08 · Heft 45 (8.11.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 45 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ÖIE WAHRHEIT «a««»^^ ■iteauatmuni Anlasse die genannten Juden in eiruem speziellen Falle oder überhaupt wegen genannter Bezichtigungen behellige oder ihnen diesbezüglich irgendeine Beleidigung oder einen Vorwurf mache". Aehnliche Verordnungen erließen die deutschen Kaiser Rudolf 1. von Habsburg, Friedrich III., Karl V. und viele andere. Luther nennt die Blutanklage „eine Lügenzeitung und ein Narrenwerk". — Aus der großen Zahl hervorragender Christen, die gegen die Beschuldigung Stellung genommen haben, seien noch angeführt Fürstbischof Dr. Kopp, Bischof Reinkens, die Professoren M. Baumgarten, Franz Delitzsch, Nöldecke, Bernhard Stade, Hermann L. Strack, Aug. Wünsche und Ernst Enau. — Paul de Lagarde erbot sich am 7. Oktober 1882 in irgendeiner gerichtlichen Verhandlung als Zeuge dafür aufzutreten, „daß nach seiner festen Ueberzeugung das Judentum, wie es in der Bibel, der Halacha und Hagada amtlich anerkannt vorliegt, und wie es in einer umfänglichen Literatur zum Ausdruck gebracht ist, niemals Menschenblut für religiöse Zwecke zu verwenden verlangt habe". - * * * Es ist wegen Raummangel nicht möglich, an dieser Stelle größere Abschnitte der wichtigen Broschüre ,.B l u tlügen — Märchen und Tatsache n" abzudrucken. Jeder unserer Leser, der die ganze Schrift kennenlernen möchte, erhält sie zugesandt, wenn er seine Adresse dem Philo-Verlag, Berlin SW 68, Lindenstraße 13, mitteilt. Religion und Weltfriede. Das Judentum innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen iür den Frieden. Die jüngst gegründete „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden*" veranstaltete vor kurzem in Berlin ihre erste öffentliche Kundgebung, die dem Thema „Religion und Weltfriede" gewidmet war. Das Hervortreten der Arbeitsgemeinschaft weckte einen ungewöhnlich starken Widerhai!. Man darf es als einen Erfolg bezeichnen, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus von nachhaltiger Wirkung sein dürfte. Das „Berliner Tageblatt" nennt es „eine imposante Kundgebung, die sich zu einem mächtigen Appell der Kirchen an das Gewissen der Staaten gestaltete". Die katholische „Germania" schreibt: „Dieses erste Hervortreten der Arbeitsgemeinschaft bedeutet nicht nur für sie selbst, sondern für die Idee des Friedens schlechthin einen ungemeinen Erfolg." Innerhalb des zum erstenmal herbeigeführten Zusammenschlusses des Katholizismus, Protestantismus und Judentums für praktische Friedensarbeit fällt dem Judentum, als der Mutterreligion der beiden christlichen Bekenntnisse, eine bedeutsame Rolle zu. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Ehrenpräsident des evangelischen „Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen". Dr. theol. h. c. S p i e c k e r, daß die Arbeitsgemeinschaft auf dem Boden der Bibel fuße und sich unter den Segen stelle, durch den Gott Abraham und seine Nachkommen zur gedeihlichen Friedensarbeit für alle Völker berufen habe. Den Vorsitz der Versammlung führte Oscar Wasserm a n n, Direktor der Deutschen Bank. Präsident des „Jüdischen Friedensbundes". In seiner Rede führte er aus, daß ungeachtet aller Unterschiede die Religionen auch ein Gemeinsames haben, das geeinte Arbeit ermögliche. Angesichts der Vernichtungsgefahr, die die neue Art der Kriegführung iür die ganze Menschheit bedeute, ist es Pflicht aller Bekenntnisse, sich in entschiedenster Weise für den Frieden einzusetzen. Die Religion übersieht nicht die Bedeutung der politischen und wirtschaftlichen Momente; sie selbst aber appelliert in erster Linie an das Herz und das Gewissen. Unter den Rednern, die die Stellung der einzelnen Bekenntnisse zum Weltfrieden beleuchteten, wie Prälat Lichtenberg, der Dominikanerpater Franziskus Stratmann und Pastor Dehn, trat Rabbiner Dr. Leo Bacck als erster mit einem Referat „Das Judentum und der Weltfriede" auf. Wenn die Friedensliebe heute im Wesen des Judentums unlösbar wurzelt, so ist das ein Ergebnis jahrtausendelanger Erziehung. Für das Judentum war der Friedensgedanke nicht eine bloße Schwärmerei, ein Ziel ohne Weg, eine „Musik ohne Worte". Es war eine Verheißung, aber gleichzeitig ein Gebot, eine sittliche Aufgabe. Der Friede ist für das Judentum ein Weg der Opfer, der Hingebung um des Zieles willen, daß die Menschheit die höchste ihr vorgezeichnete Entwicklung erreiche. Dr. Alfred Nossig, der Vorsitzende des Arbeits- Ausschusses des Jüdischen Friedensbundes, entwickelte in seinem Referat „Religion und Politik" das praktische Arbeitsprogramm der neuen iriterkonfesionellen Organisation. Der Weg für die praktisch-politische Betätigung der Religion ist heute frei. Ihre Aufgabe ist es, den Dauerfrieden herbeizuführen durch Erziehung der Erwachsenen und der Jugend, durch bildung einer weltumspannenden Arbeitsgemeinschaft der Völker für den Frieden, durch Ausübung eines unwiderstehlichen moralischen Druckes auf Parlamente und Regierungen, durch Schaffung nicht zu erschütternder moralischer Sanktionen für den Frieden. Als eines der Ziele der praktischen Friedenstätigkeit der Religionen bezeichnete der Redner die Lösung des Palästina-Problems. Das Heilige Land dreier Bekenntnisse muß ein ewig neutrales Gebiet werden, das von niemandem angegriffen werden kann und in dem keine inneren Waffenkämpfe stattrinden dürfen. Ein Reich Gottes wird es sich als stärkster Hebel des Weltfriedens betätigen. Der mächtige Eindruck, den die Kundgebung hervorrief, erklärt sich vor allem durch die Tatsache, daß während des ganzen Verlaufes derselben ein vollkommen harmonisches, ja herzliches Verhältnis der drei Bekenntnisse zutage trat. Das Motto der Arbeitsgemeinschaft „Durch den inneren Frieden zum äußeren" hat sich hier in eindrucksvoller Weise bewahrheitet. Emile Zolas „Brief an die Jugend." Uebersetzt von Dr. Hanns R e i ß n e r. Wohin eilst du, junges Volk? Wohin des Wegs, ihr Studenten? Gewiß lauft ihr in Scharen durch die Straßen, urn eure Empörung oder eure Begeisterung durzutun, gewiß glaubt ihr, öffentlich iür eure beleidigten Gewissen zeugen zu müssen. Wollt ihr gegen einen geschehenen Machtmißbrauch protestieren, beleidigte man das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit in euren empfänglichen Seelen, die von politischen „Geschäften" und den Niedertrachten des Alltags noch so ganz unberührt sind? Wollt ihr ein von der Gesellschaft begangenes Unrecht wiedergutmachen, wollt ihr den Einspruch eines jugendlichen Mitempfindens in die Wagschale werfen, die das Schicksal der Glücklichen wie das der Enterbten dieser Welt derart verfälscht? Wollt ihr um der Sache der Toleranz, der Unabhängigkeit des Menschengeschlechtes willen einen der sonderbaren Heiligen auspfeifen, die, selber von engem Verstand, den Bankerott der Erkenntnis verkünden und so euren freien Sinn in den alten Irrwahn zurücklocken möchten? Wollt ihr einem feigen, heuchlerischen Menschen laut eurem unbesieglichen Glauben an die Zukunft in die Ohren gellen, an dies bevorstehende Jahrhundert, das ihr aus der Wiege hebt und das uns im Zeichen der Gerechtigkeit und der Liebe den Frieden auf Erden bringen soll? Nein, nein! wir wollen gerade einen Mann verhöhnen, einen alten Mann, der nach einem langen, arbeitsreichen und redlichen Leben gemeint hat. er könne ohne Harm für eine edle Sache eintreten, auf daß es Licht werde und der französische Name nicht weiter mit dem Makel ienes Fehlurteiles behaftet bleibe! Oh! in meiner Jugend sah ich noch ein Quartier Latin im Aufruhr jugendlicher Leidenschaften, spürte lebhaft die Liebe zur Freiheit und den Haß gegen brutale Gewalt, die die Hirne zerquetscht und die Seelen unterdrückt. Ich sah es unter dem Kaiserreich in tapferer Opposition, zwar ungerecht manchmal, aber immer in überströmendem Verlangen nach Freiheit des Menschengeschlechts. Das pfiff in den Tuillerien die gefälligen Autoren aus; das spielte den Professoren ühel mit, die im Unterricht anscheinend nicht den Mut zu entschiedener Stellungnahme aufbringen konnten; das war der geschworene Feind der Dunkelmänner und Gewaltmenschen. In ihm brannte das heilige Feuer des fröhlichen Ueberschwanges der Zwanziger, da alle Hoftnungen Wirklichkeiten sind und der morgige Tag wie der sichere Triumph der vollkommenen Gesellschaft erscheint. Wie weit man auch in dieser Geschichte edler Leidenschaft zurückgeht, die die Jugend der Hochschulen auigewühlt hat, immer sieht man sie, empört über geschehenes Unrecht und voll Mitgefühl sich einsetzen für die Bedrängten, di»

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