Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-11-08 · Heft 45 (8.11.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 45 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064240--17596-3087746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seit** 4 i«::«:«««:'»»««»«!!«*"™^^ DIL WAHRHf! t ich den gleichen Ton angeschlagen habe. Wir sind wohl beide der Meinung, daß in diesem Kampf der Geister alles Persönliche' ausscheiden sollte, da es uns allen doch nur um die S a c h e geht, nämlich um die gemeinsame Sache des Judentums. Ihr wollen auf der einen Seite die Zionisten und auf der anderen wir Gegner der Zionisten dienen. Wir werden auch künftig, wie es unser gutes Recht ist, unseren Standpunkt vertreten und uns von persönlichen Angriffen fernhalten. Wenn solche von der anderen Seite gegen uns geschleudert worden sind, so berührt uns das nicht. Wir glauben nicht, die Liebe zum deutschen Vaterlande für uns gepachtet zu haben, und es liegt uns fem, sie zur Schau zu tragen. Wir wollen uns auch bei niemandem anbiedern. Das haben wir nicht nötig, und unser Gefühl für unsere Würde und für das Judentum ist stark genug, um jede Anbiederung zu unterlassen. Was wir getan haben, mußte aber geschehen, wenn anders der Eindruck vermieden oder, soweit er bereits entstanden war, wieder beseitigt werden sollte, daß große Teile der deutschen Judenheit sich auch national als Juden betrachten. Wir wir erfahren, hat in den letzten Tagen kein Geringerer als der Dichter J a k o b W a s se r - mann nach Rückkehr von einer längeren Reise seine Zustimmung zu der E r k 1 ä r u n g gegeben. „Die Stimme4' wird jetzt wohl ihre Ansicht revidieren müssen, daß unter den Unterzeichnern „nicht ein einziger Jude Deutschlands von größerem Format enthalten ist." Oder spricht sie vielleicht auch Jakob Wassermann das ..größere Format" ab? Welt und auch der gutmütige Lehrer sah ein. cbß es das Beste sei. gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Man darf woh! behaupten, dieser Lehrer teilte seine Zeit zwischen seinen Schülern und den Bohemes. wenn er nicht für gottesdienstliche Funktionen in Anspruch genommen wurde und weilte er irgendwo zu Besuch, so mußt er gewärtig sein, daß man ihn jederzeit zum Schächten rief. Der Herbst machte hier kurzen Prozeß und leitete schnell zum Winter über. Dann war es besonders eintönig hier und nur der Wintersport brachte ein wenig Leben. War starker Frost, so daß der Bursgraben und die Treeue gefror, dann sah man die .fugend auf dem Eise. Man lief Schlittschuh und es herrschte ein fröhliches Treiben. Besonderes Interesse erweckte das „Boseln". ein bekannter Sport, der darin besteht, daß man auf dem Eise faustgroße eiserne Kugeln weitab schleuderte. Der weiteste Wurf, der sogenannte Äicisterwurf. wurde prämiiert. Es bosehen Ortschaften gegeneinander und der Sieger erhielt die goldene Kugel als Ehrenpreis. Besondere Freude herrschte am St. Nikolastage. Da wurde bei Kauflenten und bei den Bäckern ..gedreht", und zwar auf einer uhrähulichen Scheibe und die höchste Zahl brachte Gewinn in Gestalt von Kuchen. Pfeffernüssen oder sonstigen Gaben. Im Hause wurde „Schlick" gekocht: das ist eine Malzmasse, in der Mandeln gerührt wurden, und man sang: ..Süiicrklasobeu Daun get wie na hoben Dann dansen de Müs In Großvater sin Hüs.'* Da war es recht heimisch und gemütlich im warmen Zimmer und man besuchte sich, wie immer bei solchen Anlässen, und besonders schön war es, wenn zugleich die Chanukkahliehter ihren milden Glanz verbreiteten. Da röteten sich, die Wangen der Kleinen und die Augen leuchteten ob der vielen guten Dinge und es lag ein eigenartiger Reiz über diesen wchiigeu Stunden: dann kam wehl ein jeder und holte sich seineu Anteil und niemand ging fort mit leeren Händen. Man spielte Lotto und Trändelchcn und das traute „Moaus zur" wurde zur Freudeshymne im ganzen lieben Städtchen. (Fortsetzung folgt.) Das tschechoslowakische Wahlresultat. Von Civis Judaeus. Die Wahlen in das Abgeordnetenhaus und den f Senat der tschechoslowakischen Republik sind am 27. Oktober bei starker Wahlbeteiligung aller Parteien vor sich gegangen. Von jüdischer Seite wurde entgegen allen Erwartungen in den letzten Tagen der Wahlpropaganda ein sehr heißer Kampf um die Stimmen geführt, allerdings mit sehr ungleichen Waffen. Auf der einen Seite standen die Zionisten und die von ihnen seit zehn Jahren immer wieder mit neuen Schlagworten in die politische Arena geführten jüdischen Gruppen. Diese Partei wird von Prag und Mährisch-Ostrau unter dem Namen „J ü d is c Ire Partei" dirigiert. Sie dient in der Hauptsache ihrer Grundrichtung nach politisch zionistischnationalen Tendenzen und erblickt in dem Bestände einer sich politisch und kulturell auswirkenden jüdischen „Minderheitsnationalität" ihr höchstes Ideal. Sie lehnt sich dabei an die anderen „Minderheitsnationalitäten" in der Republik an und nimmt auch international an den gemeinsamen Bestrebungen der nationalen Minderheiten Anteil. Ihr gegenüber steht die prinzipiellbewußte Orthodoxie der Slowakei mit dem Hauptsitze in Bratislava, die aus religiösen Gründen den Zionismus, einen jüdischen politischen „Nationalismus" grundsätzlich ablehnt. Ihr angeschlossen sind alle jene in starkem Anwachsen begriffenen jüdischen Gruppen, bei denen nach den ersten Jahren der politischen Verwirrung und Desorientierung sich allmählich der Gedanke Bahn bricht, daß die Juden in der tschechoslowakischen Republik keinerlei Sonderpolitik zu verfolgen, sondern im Rahmen der bestehenden allgemeinen Parteien für ihre Rechte und ihre wirtschaftlichen und sozialen Interessen politisch einzutreten haben. Sie gründeten die „J ü d i s ch e W i r t s c h a f t s p a rt e i" als organisatorisches Instrument, deren Programm ihnen als Verhandlungsbasis bei Abkommen mit gleichorientierten politischen Parteien dient. Ihrer politischen Richtung entsprechend, knüpften diese beiden Parteien für die Wahlen Verbindungen mit anderen Wahlparteien an. Die nationalistische „Jüdische Partei" schloß sich mit der polnischen Mindjerheitsnationalität' zu einer Wahlgemeinschaft zusammen, während die „Jüdische Wirtschaftspartei", bzw. die orthodoxe Judenschaft sich der „Gewerbe- und Handelspartei" anschloß. War solchergestalt die Wahl theoretisch ein Gradmesser für politische Reife und klare Einsicht in die politischen Bedürfnisse der jüdischen Wähler, so entwickelte sich der Wahlkampf in der rauhen Wirklichkeit abermals zu einem anwidernden Tummelplatz des Hasses und der demagogischen Hetze gegen alles, was der zionistischen Phrase von der nationalen Einheitlichkeit und der politischen Selbständigkeit der Juden die Huldigung versagte. Was da wieder an scheußlichen Verdächtigungen, an groben Fälschungen und absurden Verdrehungen d'em nationalen Zwecke zuliebe geleistet wurde, übersteigt vielleicht noch das Maß des bisher Dagewesenen. Daß solchen Kampfmethoden gegenüber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.