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Die Wahrheit · 1929-11-08 · Heft 45 (8.11.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 45 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Hilfe lediglich durch Förderung des von den Zionisten begonnenen nationaljüdischen Aufbaues zu leisten sei. In demselben Augenblick also, in dem die Zionisten es erreicht haben, daß an ihrem Aufbauwerk auch Nichtzionisten sich beteiligen, stoßen sie die große Masse der Nichtzionisten vor den Kopf, indem sie sich weigern, Gaben entgegenzunehmen, die zur Hilfe für die Geschädigten Verwendung finden sollen. Wir Nichtzionisten, die wir dem nationalen Aufbau ablehnend gegenüberstehen, denen aber ein neutraler, auf philanthropischem Grunde beruhender Aufbau jüdischer Siedlungen auch in Palästina von jeher sympathisch war, wir mußten diesen Aufruf als eine Provokation empfinden, durch düe die Zerrissenheit unter den Juden aufs neue deutlich zur Schau gestellt wurde. Wir hätten auch diese Provokation ruhig hingenommen, weil es uns schließlich gleich sein konnte, was in einem Aufruf gesagt wird, für den wir nicht verantwortlich sind. Die Fassung des Aufrufs mußte aber den Anschein erwecken, als ob alle deutschen Juden seinen Inhalt billigten. Es heißt darin, daß zu der Jewish Agency, von der der Aufruf ausgeht, „neben den Vertretern der zionistischen Organisationen die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Lände r" gehören. Das ist, soweit Deutschland in Frage kommt, unrichtig. Die deutschen nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency haben nicht das Recht, irgend einen anderen deutschen Juden außer sich selbst zu vertreten, denn keine deutsche jüdische Gemeinschaft hat in die TEPPICHHAUS S* SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT I.. nmienunarlft Nr. 10-12-14 ¥11., narKMIlterstraße Nr. QA (Ecke Zieglergasse) ¥EI»I»1CHE VORHÄNGE raoBEisforrE EINOECDFI DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! Jewish Agency einen Vertreter abgeordnet. Der Inhalt der „Erklärung deutscher Juden" ist somit in allen Punkten richtig. Es ist richtig, daß der Aufruf „Hilfe durch Aufbau" Irrtümer enthält und daß in ihm die tief betrüblichen Vorkommnisse in Palästina zur Agitation für das zionistische Partei werk ausgenutzt werden. Dies auszusprechen war Riecht und Pflicht derjenigen deutschen Juden, die den jüdischen Nationalismus ablehnen und sich als Mitglieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes fühlen. Wenn dadurch in der Oeffentlichkeit die Verschiedenheit der Anschauungen unter den Juden hervorgetreten ist, so trifft die Schuld hieran jene, welche die Erklärung provoziert haben, nicht ihre Unterzeichner. Verehrter Herr Rabbiner, ich erkenne den versöhnlichen Ton Ihres Aufsatzes an und gfaube, daß \orlier fürsorglich den Himmel zu betrachten und sah dieser bedenklich aus. so verschob dieser vorsichtige und überaus fromme Mann die geplante Reise. Einen ständigen Sommergast hatte Friedrichstadt in der Person des Herrn Doktor Denzel, eines jovialen trinkfesten Herrn, der seinen Studiengenossen, den Amtsrichter Volkers, zu besuchen pflegte. Der Termin seiner Abreise rückte näher. Vorher aber wurde Abschied gefeiert, und zwar im „Holsteinischen Hause" auf dem sogenannten Eiland, das man als eine Vorstadt des Ortes ansehen konnte. Eine Brücke führte über den Burggraben zum eigentlichen Städtchen. Der Herr Doktor, der seinen Schwips weg hatte, begab sich in später Nachtstunde nach Hause. Die Stadt lag schon in tiefem Schlaf und er sang das schöne Lied: „Will mich einmal ein guter Freund besuchen. Dann soll er mir höchlich willkommen sein; Dann setzen wir uns hin wohl auf das Kanapee Und singen: Drei mal hoch--" Da auf einmal — plumps! lag der kleine feiste Herr Doktor im Wasser und wäre nicht Jan Rahn. der bärenstarke Fischer, zufällig des Weges gekommen, so hätte die Sache einen bösen Ausgang nehmen können. Der lustige Doktor war abgereist und mit ihm alle Urlauber und es herrschte wieder alltägliche Ruhe im Städtchen. Der lang aufgeschossene Abraham Berrisch, ein harmloser und gutmütiger Mensch, der aber etwas „zurückgeblieben" war, pflegte stets auf Filzschuhen einher zu gehen, so daß man sein Kommen nicht gewahr wurde. Da passierte es eines Abends, daß der kleine Emil von Hofmanns schreiend und an allen Gliedern zitternd aus der elterlichen Wohnung lief mit dem Ruf, ein Gespenst sei bei ihnen im Zimmer. Als man nachsah, war es Abraham, der sein Pfeifchen schmauchend, ruhig am Ofen saß. Der Kleine hatte dessen Kommen nicht gehört und hielt Abraham, da es dunkel war, für ein Gespenst. Eine einheitliche Schule gab es damals noch nicht in Friedrichstadt. Die Kleinen kamen in die Vorschule, die Fortgeschrittenen zur Mittelschule, die Lehrer Sieden leitete. Die älteren Knaben kamen zum Kantor Johannsen, der sich mit den großen Jungens herumschlug und das in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn diese Rangen machten ihm oft genug das Leben sauer und. wenn sie. was hier recht oft vorkam, gemaßregelt werden sollten, so stopften sie sich Bücher und dicke Tücher unter dem Buckel und der kurzsichtige „Herr Kantor" wunderte sich nicht wenig über seinen starken Verbrauch an „Retstöcken". Es gab unter diesen großen Bengels sogar einige, die nicht nur persönlichen Widerstand leisteten, sondern sogar eine drohende Haltung annahmen und der Herr Kantor soll in späteren Jahren wohlweislich von dieser ultima ratio der Erziehungsmethode abgegangen sein. Höhere Schulen befanden sich im nachbarlichen Husum, wohin die Schüler mit der Bahn reisen mußten. Die Mädchenschule leitete Herr Nomensen, die höhere Mädchenschule, auch wohl „Institut" genannt, Madame Sievers. Zu jener Zeit hatte sich die Unsitte eingebürgert, daß man die Kinder damit neckte, indem man sagte, man wolle ihnen „Hamburg zeigen": dann faßte man den Knirps am Kopf und hob ihn hoch. Das hatte einmal zur Folge, daß man dem Sohne eines angesehenen Fabrikanten die Wirbelsäule ausrenkte, so daß der bedauernswerte junge Mensch Zeit seines Lebens ein steifes Genick davontrug. Die Jugend hier war recht kriegerisch gestimmt und lieferte sich zuweilen ..Schlachten" mit der dörfischen Umgebung. Gelegentlich einer solchen geschah es. daß der zwölfjährige Fite Jansen, ein für sein Alter ungemein langer Junge, durch einen Steinwurf am Kopf verletzt wurde. Da brüllte er: „En Loch in de Kopp, en Loch in de Kopp, to Hus, to Hus!" und die ganze Hinterstadt war in heller Aufregung. Es war aber nur eine kleine Hautabschürfung, um die der Junge einen solchen Alarm hervorgerufen hatte. Oft sah man einen ganzen Rudel Jungens die Stadt durchlaufen und eine alte Frau hinterherhumpeln: das war .Stine Poch", die es nicht vertragen konnte, daß man sie so nannte. Sie pflegte zu sagen, sie hieße „Frau Wulf", die Jungens aber brüllten: „Stine Poch!" und rannten in wilder Flucht davon. Auch der milde Onkel Bernhard hatte zuweilen seine Plage mit seinen Schülern. War er schließlich einmal genötigt, wegen besonderer Renitenz Arreststrafe verhängen zu müssen, so brachen die Schlingel einfach aus. Am nächsten Tag erschienen die Gemaßregelten mit der unschuldigsten Miene der

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