Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 BKirnnnniiinmiimunBiismnn DIE WAHRHEIT zum wenigsten, was die Idee der Gerechtigkeit betrifft." Wir können uns nicht vorstellen, daß diese Sprache eines Jakob Wassermann ganz eindrucksios bleiben soll, unser jüdischer Optimismus zwingt uns, anzunehmen, daß ein solches Bekenntnis, wahr in jedem Wort, auch den Haßbetörten zu denken geben muß. Das ist hoffentlich die bleibende Wirkung Ihres „Offenen Briefes". In dieser Zeit tiefer Depression ob des uns tausendfach zugefügten Unrechtes beruhigt uns doppelt der erhebende Gedanke, daß Sie, Herr Jakob Wassermann, der Dichter der Gerechtigkeit, unser sind, unser trotz ailer Anfeindungen, auch jener, deren Sie leider manchmal von Juden ausgesetzt waren. Ein radikaler J üdischnationaler hat vor einiger Zeit, da Sie nicht in seinem Sinne von den „Ostjuden" sprachen, Sie angegriffen; jetzt wird er wohl schweigen, wenn er sieht, wie mannhaft Sie, der deutsche Jude, sich für den Ostjuden Halsmann einsetzten. Wir haben immer an Sie geglaubt und Ihr „Offener Brief hat unseren Glauben nur noch bestärkt. Dafür sei Ihnen herzlicher Dank gesagt von Ihrem ergebenen Oskar Hirschfeld. Zur „Erklärung deutscher Juden". Die in unserer vorletzten Nummer veröffentlichte „Erklärung deutscher Juden" hat, wie wir schon damals mitteilten, in der deutschen jüdischen Presse eine lebhafte Diskussion hervorgerufen, zumal die Unterzeichner dieser Erklärung von zionistischer Seite in heftigster Weise angegriffen wurden. Auch Rabbiner Weis sie, der der jüdischen Mittelpartei angehört, fand an der Kundgebung manches auszusetzen. Ihm antwortete im Hamburger „Israelitischen F a - m i 1 i e n b 1 a 11" einer der Unterzeichner, Herr Kammergerichts rat Leo Wolf f. Sein den Standpunkt der Unterzeichner präzisierender Artikel sei hier im Auszug veröffentlicht: Niemand von den Unterzeichnern blatte nach den traurigen Ereignissen in Palästina daran gedacht, den gesinnungsmäßigen Gegensatz zum Zionismus und zum nationalen Judentum gerade jetzt öffentlich zu betonen. Ich, für meine Person, hatte gehofft, daß mir nunmehr die lange vermißte Gelegenheit gegeben werden würde, als religiöser Jude meine Verbundenheit mit Palästina, dem Lande der Väter und der heiligen Ueberlieferungen, zu zeigen. Denn ich zweifelte nicht daran, daß der Schrei der Entrüstung, der durch die ganze Welt ging, zur schleunigen Einleitung von Hilfsaktionen für die bedauernswerten Opfer und ihre Hinterbliebenen führen und daß ich so in die Lage versetzt werden würde, eine Spende nach Palästina zu schicken, die nicht den meiner Ueberzeugung widersprechenden nationalen Bestrebungen zugute kommen würde. Da geschah etwas für mich Unbegreifliches. Es wurde keine Hilfsaktion eingeleitet. Es wurde vielmehr erklärt, daß zwar Gelder gesammelt, daß diese aber nicht zur Unterstützung der Opfer verwendet werden sollen, sondern daß Seuille&cto, Die Stadt der Originale. Erinnerungen aus der Jugendzeit von Rolf R e i n s t c i ti. (Fortsetzung.) Die Tage wurden kürzer und kühler und die Frauen nahmen ihre Umschlagtücher, wenn sie abends auf dem ..grünen Markt", so wurde der von Bäumen bestandene Teil des Marktplatzes genannt, promenierten. Gab es doch übergenug des Erzählens. Da galt es zunächst der the des alten Fabrikanten, der sich im späten Witwerstande noch eine blutjunge Frau genommen, die jetzt dem eleganten Regimentsad'utanten nach Berlin gefolgt war; man sprach auch von dem Falissement eines auswärtigen Großkaufmannes. eines Sohnes dieser Stadt, und. von der jungen Tochter eines hohen Beamten, die mit einem Kommis durchging und von sonstigen interessanten Dingen. Selig David erzählte seine „Döntjes". Er sprach von dem langen Tobias, der einmal von der Leiter fiel, und von der großen Blutlache, die dieser Fall zur Folge hatte, so daß alle glaubten, das sei wohl das Ende. Als man ihn aber aufhob, siehe da. — da war es eine mächtige Tüte Kirschen, die den roten Saft hergab und auf die Tobias, der nicht ganz nüchtern war. gefallen war. Selig David hatte auch seine guten Seiten. Einen jungen Mann, der sich die Untreue seines Mädchens so sehr zu Herzen nahm, daß er Selbstmordgedanken äußerte, tröstete er und deklamierte ihm vor: „Wer wird sich um ein Mädchen grämen. Und sich das Leben deswegen nehmen!" Und so gelang es ihm, den jungen Mann aus seiner Herzensnot zu befreien. Ein Original war auch der Uhrmacher Doli. Blieb irgendwo eine Uhr stehen oder versagte sie den Dienst, so schickte man zu Meister Doli, der sofort kam. Streikte aber ein solcher von der Hand Dolls „reparierter" Zeitmesser zum zweiten Male, so wurde dieser „Uhrendoktor" ärgerlich und er pflegte zu sagen: „Gif ehr en lütten Schubs, dann geit se wedder!" (Platt: „Gib ihr einen kleinen Stoß, dann geht sie wieder!") In großer Verlegenheit war einmal die „Kille", denn Schuster Hansen, der in Schul die Lichter auslöschte und solcherweise als „Schabbesgoi" funktionierte, war erkrankt und das kam daher, weil dieser genügsame Mann nebenamtlich als Depeschenträger weite Wege macheu mußte und wenn ihn unterwegs der Durst plagte, so nahm er seine Mütze vom Kopf und schöpfte seinen Labetrunk aus dem nächstliegenden Graben. Da packte es ihn eines Tages und der Doktor verordnete ihm strengste Diät. Casper Dirks, ein langer unbeholfener Mensch, übernahm vertretungsweise das Amt und man war froh, als Schuster Hansen wieder soweit hergestellt war. daß er seine gewohnte Tätigkeit wieder ausüben konnte. Die hohen Feiertage nahten und viele Familien erwarteten ihre Söhne, die Urlaub erhielten. Das brachte wieder viei Arbeit für die Hausfrauen. Viel Arbeit hatte auch Onkel Bernhard, der den Kindern das Glückwunschschreiben diktierte und den größeren Knaben eine dem Roschhaschonofeste angemessene Rede einübte. Bis auf den letzten Platz gefüllt war das Gotteshaus und des Begrüßens und Glückwünschens war kein Ende! Und am Jörn Kippurtage, welche Hingabe und welche Inbrunst! — „Langenacht" nannten es die Leute im Städtchen und konnten es nicht verstehen, daß man einen ganzen geschlagenen Tag ohne Speise und. Trank leben konnte! Dann aber kamen die Sukkothtage und entschädigten reichlich für alle Entbehrungen. Man ging von Sukkoh zu Sukkoh und am Simchas-Thora-Tage kannte der Jubel der Kinder keine Grenzen. Da durften sie mit Fähnchen den weiten Raum der Synagoge umkreisen und es prasselten Bonbons und Süßigkeiten aus allen Ecken hervor. Schnell waren die Festtage dahingegangen und es ging an ein großes Abschiednehmen. Auch der Sommer hatte Abschied genommen und der Herbst kam mit seinen Regenschauern und Stürmen, denen diese Stadt von Nord und Süd ausgesetzt ist. Wollte Meier Kalme verreisen, so pflegte er