Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer SO Groschen «dt d«a Veräffentikhungcn der „Union deufschösferr. Juden0 and den „AmtficheH Verlautbarungen der Israelirischen Kultusgemeinde Wien" (!H!!t!!!:;!immi!;n!iii;!:ti!i»iH;!!iiniiiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 8. November 1929 Nummer 45 Offener Brief an Jakob Wassermann. Ein großer Kreis jüdischer Leser Ihres ,.Ü f f enen Briefes an den Präsidenten der R e p u b l i k" hat mich mit einer ehrenvollen Autgabe betraut, der ich mich um so lieber unterziehe, als ich seit vielen Jahren schon zu den eifrigsten Verehrern Ihrer edlen Dichtkunst und damit Ihrer hervorragenden Persönlichkeit zähle: der Aufgabe nämlich, Ihnen, hochgeschätzter Herr Wassermann, für Ihr in diesem „Offenen Briefe" bekundetes, mannhaftes Eintreten für das Judentum innigen Dank zu sagen. Sehen wir von dem traurigen Anlasse ab, der Sie, den Dichter, der sonst mit Recht abseits von dem leidigen Parteiengetriebe steht, die Feder zu einem persönlichen Bekenntnis ergreifen ließ! Sicherlich, es ist schwer, diesen Anlaß, das unglaubliche Urteil im Innsbrucker Halsmann- Prozeß, hier ganz auszuschalten. Aber wir wollen es versuchen, nicht nur weil die Nichtigkeit sbesch werde allen, die mit Ihnen von der U nschuld Halsmanns überzeugt sind, neue Hoffnung gibt, daß diese Unschuld auch im Oerichtssaal manifestiert werden wird, sondern weil wir — vielleicht auch mit Ihnen — der Meinung sind, daß die Diskussion um Halsmann allzu leidenschaftliche Formen angenommen hat. die bei den bekannten, gerade von Ihnen mit solcher Wucht gegeißelten Tendenzen in Oesterreich nur zu leicht zu weiterem Schaden für den jungen Studenten gereichen könnten. Wir glauben z. B. kaum, daß es der Sache besonders förderlich gewesen sein konnte, daß einen Tag nach Ihrem „Offenen Brief ein bekannter Wiener jüdischer Journalist die unierhörte Wirkung dieses Ihren Briefes durch öffentliche Kundgebung setner Ansichten, die mit den Ihren nicht übereinstimmten. — gewiß nicht in böser Absicht — abzuschwächen versuchte, ein Versuch, der unseres Erachtens schon wegen Ihrer überragenden Persönlichkeit kläglich scheitern mußte. Wenn wir also von dem Anlasse abzusehen versuchen, so bleiben in diesem Ihren „Offenen Briefe" Worte stehen, die uns alle erschütterten, uns österreichische Juden und hoffentlich auch zahlreiche vorurteilsfreie österreichische Christen, die hier von eines Dichters Hand das furchtbare Unrecht aulgezeigt finden, unter dem wir Juden trotz allen Fortschrittes der Kultur noch immer zu leiden "h&z.. ben. Es bleiben da mit Wirkung für die Ewigkeit die Sätze der schwersten Anklage stehen: „Ich lebe seit einunddreiRig Jahren in Oesterreich. Ich Hebe dieses Land wie meine Heimat. Es schmerzt mich, daß es mehr und mehr ein Schauplatz des Hasses, der Verfolgung und des Unrechtes werden soll." Herr Wassermann, wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß dieser Aufschrei aus der Seele eines edlen Dichters und Denkers in uns allen mittönte, weil hier Form und Ausdruck gewann, was unser aller Herzen schon die längste Zeit bewegt. Wenn wir fast täglich mitansehen müssen, wie Haß und Mißgunst uns Juden immer mehr verfolgen, wenn wir in den letzten Tagen Zeugen davon sein konnten, wie die akademische Jugend, die „Blüte des Volkes" genannt, eines nichtigen Anlasses wegen gegen unschuldige jüdische Kommilitonen losging, wenn wir alle dieses gewaltige Unrecht betrachten, das ergreifend zu schildern nur die Kunst eines Wassermann vermag, dann mag man es uns glauben, daß sich in uns, den Wehrtosen und Schutzlosen, die Wut aufbäumt und wir dankbar d'.ni gewaltigen Meister des Wortes sind, der hier für 'jus, die wir diese österreichische Heimat trotz allem lieben, die furchtbarste Anklage gegen die Beuger des Rechtes und jene, die es straflos beugen lassen, erhob. Sie, Herr Jakob Wassermann, durften diese Anklage erheben. Gewiß, wir warten noch alle auf dem gerechten Andersgläubigen, den die Empörung über dieses augenscheinliche Unrecht zum Handeln drängt, und müssen mit Ihnen sagen: „Kummer genug, daß es nur die Juden tun, und nicht die M e n s c h e n!" Aber die Menschlichkeit ist nun einmal — nicht nur in Oesterreich nicht so Oemelugut aller und so begrüßen wir es, wenn der Jude Jakob Wassermann aufsteht, der mit Fug und Recht „hüben und drüben" viel gilt, und die stolzen Worte spricht: „Ich, der ich dieses schreibe, bin Jude. Ich habe zu keiner Zeit versäumt, das Visier aufzuschlagen, ich stehe da, frei aui der Brücke, im offenen Wind. Ich habe, in gefährdeter Position, manches Verdienstliche gewirkt in beiden Lagern, hüben und drüben von der Brücke, nicht