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Die Wahrheit · 1929-11-01 · Heft 44 (1.11.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 44 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 wir nicht aussteigen, weil dieses Oesterreich unser Vaterland ist (Lauter Beifall.) Der zweite keferent, Herr Maximilian S t i g 1 i t z, beschäftigte sich an Hand von interessanten Beispielen eingehend mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, dieser schleichenden Krankheit, gleichend dem Zustande nach dem Weltkriege, die ihren Urgrund in den leidigen politischen Verhältnissen unserer KepuDiik hat. in der sich jetzt, da in allen Kultursiaaten Ruhe herrscht, Volksgenossen mit aller Erbitterung gegenüberstehen. Redner behandelte interessant die Ereignisse seit dem Umstürze, als die eiserne Not die beiden großen Parteien zu einer Koalition zusammenschweißte, die dann zersetzende Elemente rechts und links vernichteten; sprach vom unseligen 15. Juli 1927, seit welchem Tage die Heimwehrbewegung an Kraft gewann, die, wenn auch — übrigens das erstemal in der Geschichte österreichischer Bewegungen — aus der Provinz, nicht aus Wien kommend, nur ein getreues Spiegelbild der Sozialdemokratie bietet. Jetzt wird man die Geister, die man selbst rief, nicht los. Friede kann nur dann eintreten, wenn von der Sozialdemokratie nicht zu große Opfer des Intellekts verlangt werden, wenn die Verfassung mit Hilfe der Sozialdemokraten trotz Steidle und Pfrimer, die kaum Männer nach demokratischem Geschmack sind, durchgeht. Der ewige Kriegszustand ist unhaltbar; wenn das Kompromiß nicht durchgehen sollte, dann stehen wir vor einem Rätsel. Fascismus, Diktatur, Bürgerkrieg, wer kann das voraussagen? Schober will wohl legal verhandeln lassen, auch Seitz zieht jetzt endlich den längst geboten gewesenen Trennungsstrich, aber noch immer sind Hetzer am Werke, die die notwendige Verständigung unmöglich machen. Wir österreichischen Juden, unauflöslich an das Staatsschiff gekettet, wünschen, daß diese Krise endlich überwunden wird, denn dieser unleidliche Zustand kann nicht länger andauern ohne Schaden für die Volkswirtschaft, an deren Gedeihen wir in den verschiedensten Formen lebhaft interessiert sind. Wenn wir auch die Verfassungsreform, von der Dr. S t i g 1 i t z einige Details besprach, nicht restlos akzeptieren, dürfen wir doch nicht Opposition um jeden Preis machen; das Schlechte wird abfallen, das Gute kommen. Und vor allem: Wir stehen hinter Schober, zu dem wir unbegrenztes Vertrauen haben. (Beifall.) Hofrat Ing. Josef L ö w y entwickelte noch seinen persönlichen Standpunkt, der dahin geht, daß es angesichts der längst von ihm vorausgesehenen Reaktion tief bedauerlich ist, daß Juden, ihre Abstammung vergessend, bei der Sozialdemokratie in der vordersten Reihe der Hetzer stehen, und empfahl diesen einen Anschauungsunterricht bei der englischen Sozialdemokratie, die vor allem das Staatsganze im Auge hat Diese Hetze gereicht dem Judentum in seiner Gesamtheit zum Schaden, da die Juden dafür von der autochthonen katholischen Bevölkerung verantwortlich gemacht werden. Inmitten der jetzt tobenden Volksbewegung kann es nur das Bestreben der Juden sein, aus diesem Anprall zweier Gewalten heil herauszukommen; wir müssen uns deshalb neutral verhalten, denn wir wollen nichts als Ruhe in diesem Staate, Wie wir schon heute mitteilen können, wird die Versammlung, die wegen vorgerückter Stunde geschlossen werden mußte, in kürzester Zeit, wahrscheinlich schon in der nächsten Woche, ihre Fortsetzung in Form eines Diskussionsabends der „Union" mit der gleichen Tagesordnung finden. Tag und Ort dieses Abends sind bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt; es werden Einladungen auch in den Tageszeitungen ergehen. Lederhandschuhfabrik Josef,dtasiutqet L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 biC WAHRHEIl WcdtthtitmvcniTag* In hoc signo ... Das Jahr fängt gut an. Die Herren Hakenkreuzstudenten haben neuerlich den unstillbaren Drang empfunden, zu krawallisieren und so ihre Mannbarkeit zu manifestieren. Das Objekt ihres Tätigkeitsdranges waren wieder einmal — die Juden. Die sind nämlich die Hauptschuldigen an der Hetze gegen den Bürgerkrieg. Damit hat bekanntlich die Sache begonnen. Ein Anschlag der Sozialisten, der diese ruchlosen Bestrebungen bekundete und in gehässiger Weis© Schober karikierte, mißfiel den Deutschnationalen und sofort kam es zu Ausschreitungen gegen die — Juden an Technik und Universität, die mit Schließung der ersteren und ruhmreichen Besetzung der Universitätsrampe endeten, nachdem man schon in den Hörsälen sein Mütchen an jüdischen Studierenden gekühlt hatte. Wir müssen nun die Frage aufwerfen: Was gehen harmlose jüdische Lernbeflissene Anschläge der Sozialisten an, die wir selbst verurteilen? Aber wir hörten bisher nie vom hohen Senat ein Wort der Verurteilung der abscheuliehen antisemitischen An schläge, die anscheinend straflos sind. Das Symptomatische an den diesmaligen Krawallen war, daß sie im Zeichen des Hahnenschwanzes gestanden sind, welches Symbol auch auf der Alma mater nun seine jugendlichen Bekenner, organisiert in der „Akademischen Legion der Heimwehren", gefunden hat. Die Burschen scheinen von ihren Führern, die jetzt so judenfreundlich sind, schlecht beraten zu sein. Man müßte ihnen doch von dieser Seite etwas energischer sagen, daß der Zeitpunkt 7 um Losschlagen, noch dazu gegen die „heimattreuen Juden" (was sagt der Heimwehr-Hitschmann dazu?), falsch gewählt ist. Wenn Dr. Seipel auf der Universität über den Frieden Vorlesungen hält, sollten doch sie, getreu ihren Schutzherren, Mund und Faust in Zaum halten. Daß sie es nicht getan haben, verrät ihren wahren Willen, der in dem neuerlich laut gewordenen Schrei der Rowdies Ausdruck fand: „Juden hinaus!" Ehrt eure großen Meister! Die Gemeinde Wien hat sich in einer sehr merkwürdigen Weise an der erhebenden Mendelssohn-Feier der „Union deutschösterreichischer Juden" beteiligt; zwar nicht persönlich, dafür mit materiellen Forderungen für eine Feier, die, da dem Gedenken eines großen Philosophen geltend, bei freiem Entree stattfand. Wir haben nämlich in Wien, das nicht mehr wie früher die frohe Stadt der Lieder ist, noch immer eine famose Einrichtung, die L u s t b a rk e i t s s t e u e r, die für Tanzkränzchen, Boxmatche, Fußballspiele u. dgl. eingehbben wird. Warum nicht auch für eine Mendelsso hn-Ge- Als Mitbewohnerin i wird eine Studentin oder intelligentes Fräulein von einer alleinstehenden intelligenten Israelitin gewünscht Rosa Heller, Wien XIX., Weinberggasse 2 j

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