Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 fUiumoammBi mm*- D|£ WAHRHElf und ich erhebe sie in der höchsten Not, denn ich und meinesgleichen, wir haben allmählich die Vergeblichkeit des Redens begriffen, obschon uns die Bitterkeit des Schweigenmüssens langsam zerstört. Verhindern Sie, Herr Präsident, als Oberhaupt dieses Staates mit allen IVLitteln, die zu Ihrer Verfügung stehen, dieses eine beispiellose Unrecht, und Sie werden es in tausendfacher Weise verhindert haben, da doch jede Tat ihre ungemessene Befruchtungstriebe in sich trägt. Wir warten. Ich warte." Mit Stolz kann das österreichische Judentum auf diesen seiner Besten blicken, der — über den Tag Mnaus — hier stolze Worte gesprochen, die menschlich und jüdisch sind. =? * * Stimmen zum Prozeß. Hinter den Mauern des Innsbruckler Gefangienenhauses sitzt nun seit über einem Jahre Philipp Halsmann, dessen Prozeß zur Sensation für alle Welt geworden ist. Ueberzeugt von der Unschuld Halsmanns, dem die Verteidigung durch die Nichtigkeitsbeschwerde zu seinem Rechte verhelfen will, die dieser Tage eingereicht wird, ist Rechtsanwalt Dr. Paul Mahler, der Verteidiger Halsmanns, der sich mit den beredtesten Worten für seinen Klienten einsetzt: „Das Urteil beruht auf einem furchtbaren Irrtum, ist auf eine absolut nicht geschlossene Kette von Indizien hin gefällt worden. Denn es sprechen mindestens eben so viele für Halsmann wie gegen ihn. Er ist sicher unschuldig. Ich habe ihn in der Zeit meiner Verteidigung kennen gelernt und studiert und behaupte, daß er einer solchenTat absolut unfähig wäre! Ich werde nicht ruhen, bis seine Unschuld bewiesen i s t." Daß die ganze Stadt Innsbruck, ja das ganze Land Tirol vom Falle Halsmann spricht, ist selbstverständlich. Der Bürgermeister von Innsbruck, Franz Fischer, (christlichsozial), ist gar nicht so entzückt davon und sagt darüber: „Ich habe überaus lebhaft bedauert, daß djer Prozeß solche Formen angenommen hat, weil man versuchte, ihn vom rein rechtlichen Standpunkte ins Politische zu ziehen. Deshalb wird er für das Land1 Tirol auch in keiner Weise von Vorteil sein. Es wäre für uns das Beste gewesen, wenn der Prozeß in Halsmanns Zuständigkeitsland verlegt worden wäre. Es gibt viele Tiroler die behaupten, diaß der Fall Halsmann im Zillertal eine beträchtliche Abnahme des Fremdenv e r ke hres und das Ausbleiben der mosaischen Gäste zur Folge gehabt habe. Der Grund dafür ist der, daß die Juden glauben, T irol sei antisemitisch eingestellt, während unsere Bevölkerung nicht die Konfession, son- Ungarische Mastgänse s 3'60 Mährische Lebergänse „ 3*90 Gansfett kg •■ 4 50 Stadtu. Provinzversand pr. Tel. A14-4-87 Karl Faludi, XIX., Döblinger Hauptstraße 88 dem nur den anständigen und angenehmen Reisenden sucht!" Wir glaubten gerne, daß dem christlichsozialen Bürgermeister dieser leider ins Politische gezerrte Prozeß vom Standpunkt des Fremdenverkehrs des Landes Tirol unangenehm geworden ist. Wir müssen aber darüber hinaus feststellen, daß schon früher Tirol gerade nicht im Rufe besonderer Judenfreundlichkeit gestanden ist. Dieser mehr oder weniger berechtigte Ruf wird durch den großen Prozeß nicht gebessert sein, bei dem sogar nach Ansicht eines Jakob Wassermann der Rassenhaß eine gewichtige Rolle gespielt haben mag. Aus dem folgenden sehen die Tiroler, wohin dieser Haß führt. Unsere Stellungnahme zum Halsmann-Prozeß ist nach den wiederholten Aufsätzen, die wir dieser traurigen Affäre gewidmet haben, sicherlich eindeutig genug, als daß wir in den Ruf kommen könnten, in dieser Sache einen Standpunkt einzunehmen, der nicht dem aller vorurteilsfreien Menschen — Christen und Juden — entsprechen könnte. Um so mehr haben wir das Recht, vor Uebertreibungen in diesem Falle zu warnen, unsere Stimme dagegen zu erheben, daß der wenn auch symptomatische Einzelfall verallgemeinert wird. Wir Juden wissen am besten, welch große Gefahren die Verallgemeinerung in sich birgt, und wir können es aus eigener trauriger Erfahrung verstehen, daß solche untunliche. Verallgemeinerungen nur zu bösen Folgen führen. Deshalb vermögen wir, die auch mit Jakob Wassermann der Ansicht sind, daß bei der Verurteilung Philipp Halsmanns sein Judentum eine gewisse Rolle gespielt hat, es absolut nicht gutheißen, daß ein zionistisches Blatt Deutschlands, die Breslauer „Jüdische Zeitung für Ostdeutschen d", aus dem Prozesse folgende Schlußfolgerung zieht: „Es bleibt uns nur eines übrig, festzustellen, daß es in Europa noch Länder gibt, in denen ein Jude sein Recht nicht finden kann, in denen die Mehrheit der Bevölkerung dumpf und unwissend jedes antisemitische Märchen glaubt. Warum aber fahren Juden in Länder, deren Einwohner meinen, daß er die Weltherrschaft begehre, gelegentlich Ritualmord begehe und ständig christliche Mädchen schände? Schon um der eigenen Sicherheit willen kann die Folge des Halsmann- Prozesses nur darin bestehen, daß man sagt: Juden, meidet die österreichischen Alpen!" Es ist völlig untunlich und der jüdischen Sache sicher nicht förderlich, wenn solche Forderungen in einer Zeit gestellt werden, da die Boykottbewegung in den österreichischen antisemitischen Sommerfrischen, gewiß nicht zuletzt durch die energische Abwehrtätigkeit, im Abflauen begriffen ist. Wenn so den Antisemiten, nur gestützt auf ver¬ Zwei prominente Wiener Kantoren, welche demnächst eine Konzert-Tournee in der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Deutschland und Rumänien zu absolvieren beabsichtigen, suchen einen hierfür besonders versierten Impresario. Gefällige Zuschriften unter „Konzert- Tournee" an die Administration dieses Blattes.