Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Öifc WAHRHEIT m Seite 5 Die Erregung über das unglaubliche Innsbrucker Urteil hat noch immer nicht abgenommen. Nach wie vor wird in der Presse des In- und Auslandes der Fall von seiner juristischen und menschlichen Seite her lebhaft besprochen. Auch öffentliche Vorträge werden jetzt darüber gehalten, so fand besonderen Zuspruch das sehr interessante und eindrucksvolle Referat des Redakteurs der „Neuen Freien Presse", Dr. Emil Kläger, der — wie viele andere — dabei zu der Feststellung kam: „Ich weiß nicht, ob Philipp Halsmann unschuldig ist, ich weiß aber, daß dieser Prozeß nicht den Beweis seiner Schuld erbrachte", und insbesondere — ebenso wie viele andiere — zu einer vernichtenden Kritik der Psychiater gelangte, die er mit „Klassenvorständen" verglich. Er erntete lebhafte Zustimmung im Publikum, dem er viel Interessantes sagte. Den Höhepunkt der jetzt schwebenden Diskussion bildet ein „Offener Brief an den Präsidenten der Republik" von Jakob Wassermann, dem berühmten deutschen Dichter jüdischen Glaubens, berühmt vor allem wegen seines letzten Werkes „Der Fall Maurizius", in dem ähnliche Gewissenskonflikte wie im Falle Halsmann glänzend behandelt werden. Der Dichter stellt in seinem „Offenen Briefe", der in der „Neuen FreienPresse" vom 27. d. M. zur Veröffentlichung gelangte, einleitend fest, daß das Urteil im Falle der Schuld Halsmanns wegen seiner Milde unbefriedigend wirken muß, denn: „Wer den Vater erschlägt, der hat ihn ermordet in jedem Fall, der hat den Anspruch auf unsere Schonung verwirkt in jedem Fall, wir wollen ihn nicht nach vier Jahren wieder in unsere Gemeinschaft aufnehmen, wir weigern uns, seinen Beweggründen nur den Schein von Berechtigung, die Spur eines Notstandes 'zuzubilligen, und bei aller Gewißheit und Doppelbödigkeit unserer Psychologie, aller Schlüpfrigkeit und Wendbarkeit unserer geistigen Formulierungen wünschen wir nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Er verschwinde!" Jakob Wassermann stellt aber mit aller Deutlichkeit und Bestimmtheit, die den Dichter ehrt, fest, daß nach seiner Empfindung Halsmann unschuldig ist, und stützt sich bei diesem seinem Diktum „auf die Meinung von ganz Europa, das heißt, auf die aller anständigen, unbefangenen, klar empfindenden und von der Pestatmosphäre des Rassenhasses noch unvergifteteten Menschen dieses Erdteils, Christen wie Juden." Sein persönliches Urteil leitet er von dem Fehlen jeglichen Motives ab und kann nur in der Tatsache, daß der Angeklagte „unsympathisch" wirkte, einen Grund seiner Verurteilung sehen. Den Hauptgrund aber behandelt der Dichter in dem letzten Absatz seines „Offenen Briefes" mit diesem Appell und Bekenntnis zum Judentum, das abgesehen von dem traurigen Anlaß von schönstem Ewigkeitswert bleiben wird: „Herr Präsident, ich rufe Sie nicht um Gnade für den Verurteilten an. Es handelt sich nicht um Gnade, Sie wissen es selbst. Es ist überflüssig, zu sagen, daß es sich um das nackte, primitive Recht handelt, um die königliche, zuschanden getretene Gerechtigkeit. Das Urteil, das ergangen ist, ist nicht 31 "ä Konkurs-* ausschreiben Bei der Israelitischen Kultusgemeinde Baden bei Wien gelangt die Stelle eines Oberrabbiners zur Besetzung. Hervorragende Kanzelredner, welche die Autorisation nK"iyt rTTDÜ von drei anerkannt othodoxen, im Amte befindlichen Rabbinern besitzen, den Nachweis der allgemeinen Bildung — eventuell Doktorat — erbringen können und berechtigt sind, den Religionsunterricht in Gymnasien zu erteilen, wollen Ihre Offerte mit Angabe des Alters und Familienstandes an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Baden bei Wien richten. Gehalt nach Uebereinkommen. Der Vorstand ergangen gegen die Tat, die hat er nie und nimmer verübt, es ist ergangen gegen den Mann und seinen Stamm. Sie wissen es so gut wie ich, Herr Präsident. Sie wissen, was sich ereignet hat, Sie kennen die Katastrophe und ihren Ablauf, die Hetze und ihr Ziel. Als ich am Abend des 19. Oktober in Innsbruck war, sagte der Hotelboy, während ich im Lift stand, mit befriedigtem Schmunzeln zu mir: „Jetzt ist er zu Ende, unser Prozeß." Die Genugtuung einer Stadt lag in seinem Gesicht. Die Katze hat die Maus verspeist, sie leckt sich die Lippen. Es war kein Scherz, was ich von der wenig einnehmenden Person des Halsmann sagte; nein, dies ist eine Sache, che zu tief geht, um mit ihr zu spaßen, zum Verzweifeln tief; in einer Welt, wo die schmutzige Lüge zum unerläßlichen Handwerkzeug der Parteien gehört, verlernt sich das Lachen. Nun ist es am Tage: mißfällt mir deine Nase, so hau' ich dich tot. Herr Präsident, ich, der ich dieses schreibe, bin Jude. Ich habe zu keiner Zeit versäumt, das Visier aufzuschlagen, ich stehe da, frei auf der Brücke, im offenen Wind. Ich habe, in gefährdeter Position, manches Verdienstliche gewirkt, in beiden Lagern, hüben und drüben von der Brücke, nicht zum wenigsten, was die Idee der Gerechtigkeit betrifft. Wenn Ihnen nun jemand sagt: da sieht man es ja wieder, wie die Juden zusammenhalten, so weiß ich nichts anderes zu erwidern als: Kummer genug, daß es nur die Juden tun und nicht die Menschen. Ich lebe seit einunddreißig Jahren in Oesterreich. Ich liebe dieses Land wie meine Heimat. Es schmerzt mich, daß es mehr und mehr ein Schauplatz des Hasses, der Verfolgung und des Unrechtes werden soll. Ich bin nur eine Stimme unter vielen, die zufällig zu Ihnen dringt,