Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 UUWWMtMuiuuiHmiMuuMimMiromunMmiH^ Volksrichter, gelinde gesagt, sehr erschwerte. Das soll kein Vorwurf gegen die Geschworenen sein. Diese schlichten Menschen haben gewiß, treu ihrem Eide, Recht sprechen wollen. In einer einfachen, von keinen Imponderabilien beschwerten Verhandlung wäre ihnen das sicherlich gelungen. Denn der gesunde Instinkt dieser Leute hätte ihnen den rechten Weg gewiesen. Kann man aber einem Tiroler Bergbauern zumuten, daß er Wochen hindurch den oft verschlungenen Pfaden der Justiz folge, den Wert medizinischer, psychiatrischer Outachten ermesse, kann man von ihm verlangen, daß er in das komplizierte Seelenleben eines Philipp Halsmann, von dem das psychiatrische Gutachten behauptet, daß er „kein ohne weiteres durchschaubarer Mensch sei", eindringe? Ist aber ein größerer psychologischer Unterschied, eine weitere Spannung in Lebensweise, vielleicht auch in Lebensauffassung denkbar, als zwischen Tiroler Bauern, die hier Zeugen und auch Richter sind, und dem ostiüdischen Milieu, aus dem der Tote und der angebliche Mörder stammen? Es muß zwischen Richtern, mögen sie gelehrte Richter oder solche aus dem Volke sein, und dem Angeklagten die Möglichkeit eines gewissen Kontaktes, eines gegenseitigen SichverStehens gegeben sein. Dieser Kontakt diese Brücke von Geschworenenzur Anklagebank fehlte gänzlich und ist dem jungen Studenten zum Verhängnis geworden. Gewiß hat die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Philipp Halsmann nicht leichtfertig erhoben. Es lagen Verdachtsmomente vor, über dfie man nicht einfach hinwegsehen konnte. Aber selbst bei rigorosester Wertung aller von der Anklagebehörde ins Treffen geführten Schuldbeweise hat das Beweis verfahren nichts ergeben, was mit zwingender Kraft die Schuld des Angeklagten erwiesen hätte. Auch im Vorleben des jungen Halsmann ist nicht das Geringste zu finden, das die grausige Tat erein ganzes Regiment mit klingendem Spiel, den Major als Kommandanten an der Spitze, in Friedrichstadt ein. Auf dem Marktnetz wurde halt gemacht. Dann ging es in die Ouartfere. Den Stab erhielten natürlich die fionorationen. Selkes erhielten den strohblonden Leutnant Hopf, Tante Rike bekam den Feldwebel Staufer. Ein wirres Durcheinander herrschte, «lie ganze Stadt war außer Rand und Band. In der Hinterstadt erhielten die wackeren Pioniere Quartiere. Ueberaus interessant und spannend waren diese Trunoenübungen, sie hinterließen aber auch für lange Zeit hinaus Unterhaltungsstoff und in angesehenen Kreisen soll es sogar Ehescheidungen gegeben haben. Der schneidige Leutnant Hopf, dem es die glutvollen Augen der schönen Sitah Hecht angetan, und welch letzterer scheinbar seine Fensterpromenaden galten, gab dem Vater, Herrn Jakob Hecht, dem Inhaber eines großen Manufakturwarengeschäftes, rechtzeitig Veranlassung, Sitah auf Resuch zu Verwandten nach Berlin zu schicken, und so kam das Mädchen nlötzlich zu dieser langersehnten Reise. Wie?ber alle«; auf Erden, so fand auch diese Einquartierung eines Tac^s ein iähes Ende. Man glaube aber nicht, daß Friedrichstadt ieelichen militärischen Gepränges entbehre. An jedem Mittwochnachmittag versammelte der Kommandant, der stattliche Färbermeister Hundertmark, dessen schöner Vollbart noch zur Erhöhung seines martialischen Aussehens wesentlich beitrug, die Mannschaft der „Freiwilligen Feuerwehr" auf dem Marktplatz und alle gutgewachsenen Bürger erschienen in voller Uniform. Dann erscholl das Kommando Hundertmarks: ..Parademarsch auf der Stelle getreten!" „Feuerwehr marsch!" und unter Vorantritt der einen flotten Marsch intonierenden Snielleute setzte sich der imposante Zug, Hundertmark an der Spitze, in Bewegung. Die Leute schmissen die Beine, als ob sie vor Seiner Majestät dem Kaiser paradierten! Und die ganze .Tugend lief hinterdrein. (Fortsetzung folgt.) klären könnte. Bei Halsmanns führte man ein normales Familienleben. Die Mutter versicherte, daß er der denkbar beste Sohn sei, daß der Vater immer mit Stolz auf ihn geblickt hätte, ja, daß Philipp nicht einmal imstande gewesen wäre, Blut zu sehen. Auch die Schwester setzte sich für den unter so grauenvollem Verdacht stehenden Bruder mit Temperament ein. Niemals würde sie ihn einer Lüge für fähig halten, niemals ihm zutrauen wollen, daß er Komödie spiele. Eine Schweizerin, die Philipp Halsmann seelisch nahestand, versicherte mit Bestimmtheit, daß er viel Familiensinn besitze, daß er nie Spuren von Egoismus offenbart hätte, ,ja, daß man ihn als den ehrlichsten, aufrichtigsten Menschen bezeichnen müsse. So äußerten sich verschiedene Zeugen, so lauteten spontane Kundgebungen, die beim Innsbrucker Gericht einliefen. Der Verband der ausländischen Studenten an der Technischen Hochschule in Dresden legte für Philipp Halsmann ebenso ein günstiges Zeugnis ab wie der Verein jüdischer Studierender in derselben Stadt und andere Personen und Kreise. Der junge Mensch hat keine sorgfältige religiöse Erziehimg genossen, aber am Todestagie seines Vaters erbittet er sich die Erlaubnis, am Grabe des Vaters Kaddisch sagen zu dürfen. Er begegnet dort seiner Mutter und seiner Schwester und läßt sich an diesem Grabhügel von ihnen nochmals versichern, daß sie an seine völlige Unschuld glauben. Tränenden Auges verabschiedet er sich' von dem anwesenden Rabbiner, der den Grabgang ermöglichte. Man wird bis ins Innerste ergriffen und fragt sich: Kann dieses Kind seinen Vater ermorde* haben und noch dazu in so bestialischer Weise? Und warum sollte er den Vater aus dem Wege geräumt haben? Weder der Staatsanwaltschaft, noch der Innsbrucker medizinischen Fakultät ist es gelungen, einen plausiblen Grund für den .Vatermord geltend zu machen oder irgendein einleuchtendes Motiv vorzubringen. Ohne Motiv aber kann man keinen Mord verstehen, kann man an ihn nicht glauben. Wie soll man sich vorstellen, daß ein zweiundzwanzigjähriger Junge, diie ursprünglichsten Gefühle der Menschheit verleugnend, seinen ahnungslos vor ihm hergehenden Vater, der immer snit zu ihm war, kaltblütig und grausam niederschlägt? Wie könnte man eine solche Tat. die alles zertritt, was zwischen Menschen als natürliche Beziehung waltet, nur verstehen? PhilinDHalsmann hat vom ersten bis zum letzten Augenblick seine Unschuld beteuert und auch bei der Urteilsverkündung in der Zelle noch immer wieder und wieder betont, daß man ihn mit Unrecht verurteilt habe. Man wird1 seelisch erschüttert bei <lem Gedanken, daß d'e Betenemnwn des jungen Studenten wahr sein könnten. Keinesfalls ist der Prozeß geeignet, die Einwände des Gewissens und der Menschlichkeit zum Schweifen zu bringen. Darum ksnn das Urteil der Tnnsbrucker Geschworenen nicht aufrechterhalten bleiben. Das Gerechfisrkleitsp"efühl fordert zwar volle Sühne von Verbrechen, aber -es erbebt bei dem Gedanke^, daß ein Unschuldiger vom Blitzstrahl eines Fehlurteils niedergeworfen wird. * * * . .