Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT mrm Seite 3 Unsinn feiert jetzt, nachdem er vor einem reichlichen Vierteljahrhundert glücklich in das verdiente Kehrichtfaß gefegt wurde, eine fröhliche Urständ!" Bischoff schließt seine Ausführungen in dem erwähnten Buch mit folgenden, von ihm gesperrten Worten: „Es gibt tatsächlich im ganzen Sohar keine einzige Stelle, welche mit Recht im Sinne eines Blutrituals ausgelegt werden könnte." Nun könnte Bischoff uns erwidern, daß er diese Feststellung nur in Bezug auf den Sohar, nicht aber auch in Bezug auf den Schulchan Aruch gemacht hätte und daß er den letzteren zur Zeit dieser Feststellung nicht gekannt hätte. Er würde sich aber selbst Lügen strafen, wollte er vielleicht diese Ausrede gebrauchen. Denn abgesehen davon, daß er, wie oben erwähnt, schon damals bezüglich des „Blutrituals" im allgemeinen den Standpunkt Stracks, des heute von ihm so herablassend behandelten großen Gelehrten, zu seinem eigenen gemacht hat, beweist sein im Jahre 1903 erschienenes Buch „Die Kabbalah" zur Genüge, daß er schon in jener Zeit den Schulchan Aruch ganz genau gekannt haben mußte. In Bezug auf Rohlings Blutbeschuldigung sagt Bischoff am Schlüsse seiner Ausführungen: „Nunmehr ist es auch mit diesem Trick nichts mehr!" Ebenso rufe ich heute Herrn Bischoff zu: „Nunmehr ist es auch mit Ihrem Trick nichts mehr!" Es ist erwiesen, daß Sie das Blut aus dem Schulchan Aruch gesaugt haben, um mit Ihrem Machwerke Herrn Theodor Fritsch einen Gefallen zu erweisen oder ihre eigene Tasche zu füllen. Chajim Bloch. TEPPICHHAUS AKTIENGESELLSCHAFT 1., Bauernmarkt Nr. 10—12—14 Vll., narlahliterstraoe Nr. QA (Ecke Zieglergasse) W TEPPICHE VORHÄN0E raoBCisforrc ElMOECimi DECKEN Größte AHSwahlf Billigste Preise! Der Prozeß Halsmann. Von Landesrabbiner Dr. Link, Innsbruck. Indizienurteile befriedigen nicht, schon gar nicht, wenn sie unter dem Drucke der öffentlichen Meinung entstehen. Die Justiz kommt immer zu kurz, wenn in ihren geheiligten Bereich die Stimme der Straße hineintönt, wenn nicht bloß Recht und Gerechtigkeit in Frage stehen, sondern auch andere Faktonen in Betracht gezogen werden. Während der vielen Tage des oft dramatisch verlaufenen Prozesses hatte man wiederholt die Empfindung, daß dieses auf breitester Grundlage geführte, hochnotpeinliche Verfahren nur den Rahmen abgäbe für den Kampf der Meinungen und Weltanschauungen, der außerhalb des Gerichtssaales zur Austragung gelangte. Der Prozeß ist, wie der Verteidiger däe Situation am vorletzten Verhandlungstage treffend charakterisierte, in die Gefahrenzone der Politik geraten, deren schrilles Nebengeräusch bis an die Geschworenenbank drang und die Entscheidung der händler Selke und war bereits glückliche Mutter mehrerer Kinder. Manche dienten ihre Militärzeit ab. Durch diese allmähliche Abwanderung wurde es im Städtchen immer ruhiger und dem alten Selig David ging allgemach der „Stoff" aus. In dem Gleichmaße aller Tage brachten die Märkte und die schönen Volksfeste, wie Vogelschießen und Ringreiten, willkommene Abwechslung. Im Sommer war es der Pferdemarkt, der frohes Treiben brachte. Schon am frühen Morgen vernahm man das Pferdegetrampel. Aus der ganzen Provinz und sogar aus Dänemark trafen Transporte ein, die hier Käufer fanden. Der ganze Marktplatz stand voller Pferde und am Rande waren viele Buden, die allerlei leckere Dinge feilboten. Auf dem Hinterstadtsfeld drehten sich die Karussels, standen Schießbuden und Zelte, in denen Raritäten zu sehen waren. Abends war Tanz im „Großen Garten". Ein Gaudium war es für groß und klein. Onkel „Hatte" hatte wie gewöhnlich seinen großen Tag heute. Am nächsten Tag, wenn der ganze Spuk verflogen war, sah es hier gewöhnlich etwas verkatert aus. Damals hatte Friedrichstadt noch keinen Bahnanschluß, und man mußte an der kleinen Station „Büttel" aussteigen. August Lassen, der Fuhrmann, dem die Personenbeförderung per Omnibus oblag, trank mitunter mal einen über den Durst, wodurch dann auch der Betrieb leiden mußte. Dann durfte man froh sein, ein Fuhrwerk anzutreffen, das man besteigen durfte, um der Mühe des langen Weges enthoben zu sein. Einmal, als „Aue" mal wieder einen ..Gehörigen" geladen hatte, geschah das Wunder, daß die alte Rosinante ganz allein die Passagiere sur Stadt brachte und vor dem „Hotel Stadt Hamburg" am Markt halt machte. Abends gewöhnlich saßen die Männer beisammen mit ihrer langen Pfeife und unterhielten sich, wie immer von den Behemes oder spielten Skat, indes die braven Hausfrauen „vierkantum" gingen und sich alles nach Herzenslust vom Leibe herunter redeten. An einem solchen Abend geschah das Unglück, daß der alte Judenberg, ein angesehener Bürger der Stadt, gerp.de als er die Karten mischte, einen Schlaganfall erlitt und verschied. Deshalb sagt man noch heutigen Tags im Städtchen, und sogar nach Hamburg hat es sich übertragen, zu jemand, der recht Inage mischt, „denk' an Judenberg!" Die emsige Beschäftigung mit der Kreatur Gottes bewirkte natürlich große Sachkenntnis und schon kleine Knirpse stritten darüber, wer wohl die schönsten Pferde besitzen mochte; da meinte der kleine Max Selke, die habe Lehnsmann Tüchsen, der vor seiner Equipage ein paar prachtvolle feurige Rappen zeigte. Der kleine Otto dahingegen schwärmte für Duysens Ponygespann. Der ganz lütte Kurt, den man „Tuiti" nef, erkannte dem pyramidalen Fuchshengst Wohle Nattens die Krone zu und mag damit sogar das Richtige getroffen haben, denn dies war wirklich ein herrliches Tier. Nicht so friedlich wie bei diesen Kleinen verlief der Meinungsaustausch zwischen Peter Voss und Jan Hinrichsen, den beiden Stallburschen, die hart aneinander gerieten, denn als ersterer dem Jan zurief, „hest du överhaupt nen Peerverstand?", antwortete ihm dieser siegesbewußt: „Gott sei dank!" So erhitzten sich denn diese beiden großen Bengels bis sie sich körperlich maßen und eng umschlungen in den Burggraben rollten. Das nasse Element wurde somit zum Friedensstifter. Die Sauberkeit galt den Frauen hier als höchste häusliche Tugend und nichts vermochte sie so sehr in Harnisch zu bringen, als wenn, was leider in der Regel der Fall war, die Männer hierauf nicht genügend Rücksicht nahmen. Der alte Mützenmacher Feiwes, der Tabak in jeglicher Form zu sich nahm, also abgesehen vom Pfeifenrauchen, noch priemte und schnupfte, war zuweilen der Schrecken der Hausfrauen, denn kaum hatte man das Zimmer sauber, so gab dieser Alte seine „Visitenkarte" ab. In dieses Lebens tristen Lauf, trat plötzlich ein Ereignis, das geeignet war, diese friedliche Stadt auf den Kopf zu stellen. Friedrichstadt erhielt Einquartierung. Ein Manöver brachte Pioniere nach hier und eines schönen Tages rückte