Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 43 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064238--17568-3087716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
f Seite 10 die Wahrheit Emile Zolas „Brief an die Jugend" wurde in dem Augenblick geschrieben, als ein Haufe unbesonnenen jungen Volkes sich soeben zu einer Demonstration gegen M. Scheurer- Kestner hatte hinreißen lassen, den Manu, dessen uneigennützig rechtschaffenes Denken überhaupt erst die Wiederaufrollung der ganzen Frage zu verdanken war. — Dieser Brief, meisterhaft im Erfassen der jugendlichen Psyche, ist zugleich ein charakteristisches Beispiel für die Art von Zolas sozialer Empfindungsweise, seinen schriftstellerischen Stil und für das letzte menschliche Ziel, das er nach seinen Kräften mitverwirklichen helfen wollte. Ein im Grunde kontemplativer, dabei überaus hellsichtiger, mit feinem sozialen Verständnis begabter, unabhängiger und wahrheitsliebender Schriftsteller, wurde er plötzlich Zeuge eines offenbaren Rechtsbruches und — mußte, aus innerem Drang handelnd, in den blinden Ablauf der Geschehnisse eingreifen. Ohne für sich etwas zu begehren, ohne der über ihn verhängten Geld- und Freiheitsstrafen, ohne seiner Ausschließung aus der Ehrenlegion zu achten, unbeirrt durch die Verleumdungen des Namens seines Vaters, mit denen man wieder nur ihn selber treffen wollte, wagte er, den beiden Kammern, der zivilen, der militärischen Gewalt, wagte der Presse, der ganzen öffentlichen Meinung zum Trotz, seine Ansicht zu äußern, unbeirrbar vorwärtsgetrieben von dem Bewußtsein der Würde menschlicher Verantwortung und Liebe. Das Erlebnis, das ihn im Augenblick aus seiner Kontemplation gerissen hatte, gab ihm auch die Worte ein, die die Stunde erforderte. — In diesen Aufsätzen, Broschüren und Pamphleten ist nichts von der doch mehr bedächtigen, minutiösen, analytischen Art seiner Romane, vielmehr stets nur die mit sparsamsten Strichen vermittelte, aber kristallklare Vorstellung des wahren Sachverhalts, begleitet jedoch von dem unermüdlich leidenschaftlichen, über alle Register des Gefühls wie des Verstandes, des Ernstes wie der Ironie souverän gebietenden Appell an Urteilskraft und Freiheitsstreben, an die Fähigkeit der menschlichen Seele zu lieben und zu hassen. Es ist eine Sprache ohne literarische Ambitionen; sie will nicht Eindruck oder Erlebnis durch das Wort zur Höhe des in sich selbst ruhenden Kunstwerkes erheben. Das Wort, das zu einer namenlosen Masse gesprochene Wort soll vielmehr den Abgrund von Mensch zu Mensch überbrücken, ist selbst Handlung, Geist vom Geiste der französischen Revolutionäre von 1789, die schon einmal unter Wagnis der Freiheit und des Lebens die Abscheulichkeiten und Mißbräuche der alten Gewalten bloßgestellt und ein neues Reich verkündigt hatten. Nur weil es das in der einmaligen Situation erwartete und erlösende Wort war, vermag ein Brief von Emile Zola auf den nachgeborenen Leser doch wieder wie ein Kunstwerk zu wirken, als die Selbstdarstellung des vernünftig Notwendigen, das den rohen und trägen Stoff des wirklich Gegebenen aus eigener Kraft bezwungen und gestaltet hat. Etwas von der Art der Propheten des Alten Bundes nahm in Emile Zola von neuem Gestalt au. — Auch im Geiste dieser Männer hatte immer das einzelne Erlebnis der Rechtsbeugung die Vorstellung vom Rechte überhaupt ausgelöst und sie, dii Kontemplativen, unwiderstehlich getrieben, für das Gute, das Ewige, das Göttliche in der Welt zu zeugen. — Nicht anders steigerte sich Emile Zolas Appell, der ursprünglich der Rettung eines unschuldig Verurteilten gegolten hatte, schließlich bis zum visionären Postulat der Menschheitssendling des französischen Vaterlandes. Viele Geister, viele Herzen harrten noch der Wandlung, viele Völker der Befreiung von Gewaltherrschaft. Am Ende der Tage aber, nach der wirk- Für mein«» freund ■ i in der Schweiz wohnhaft, 37jährig, von sympathischem : 5 stattlichem Aussehen, Witwer mit älterem, schulpilich- : ■ tigern, intelligentem Knaben, selbständiger Kaufmann,;! Jahreseinkommen Fr. 15.000, Schweiz. Fr. 80.000 Ver- : : mögen suche ich eine! m ■ LdB^MMltfcanftereicSBn ■ * 5 Damen im Alter von 27 bis 32 Jahren, von flottem, hübj ■ schem Aussehen, tadellosem Ruf, gebildet, vornehmem « S Charakter, von guter jüdischer Gesinung, haus- und i 5 geschäftstüchtig, wollen sich vertrauensvoll wenden : unter Chiffre Z. R. 2942 an Rudolf Mosse A.-Q., : S Zürich. Detaillierte Angaben nebst Bild erwünscht. : 3 Vermögen Nebensache. Anonymes zwecklos. Ver- : ■ mittler verbeten. ■ liehen Vollendung des Werkes von 1789, wird das freie Frankreich als Schirmherr des Rechts und der Gerechtigkeit hocherhaben über den Völkern thronen . . . „France, ... tu es quand meme l'avenir . . .!" In der nächsten Nummer folgt der „Brief an die Jugend" in deutscher Ucbersetzung nach dem Texte der Sammlung ,.La Verite en marchc", Paris 1928, p. 37—p. 52, verkürzt um den Abschnitt p. 45—p. 47. der nur heute wenig mehr interessierende Einzelheiten bietet. Man spricht und schreibt noch heute über den „Justizmord", der vor vielen, vielen Dezennien an Calas verübt worden. Der alte Mann wurde als angeblicher Mörder seines Sohnes angeklagt, verurteilt und hingerichtet. Dank den rastlosen Bemühungen des großen Voltaire, der in jahrzehntelanger Arbeit dje ganze Welt wegen des Verbrechens, das an einem Unschuldigen begangen worden, in Bewegung setzte, wurde der Verurteilte allerdings etwas verspätet rehabilitiert. Calas ruht nun im Grabe befreit von dem Schandmal, der Mörder seines Sohnes gewesen zu sein. # Philipp Halsmann wurde in Innsbruck nun schon das zweitemal als Mörder seines Vaters angeklagt und von seinen Richtern verurteilt. Vielfach wird in der freisinnigen Presse die Ansicht verfochten, die Verurteilung des jungen Halsmann beruhe auf einen Justizirrtum, einem Unschuldigen sei, auch wenn ihm das Leben nicht genommen worden, ein nicht minder furchtbares, nicht weniger vernichtendes Brandmal auf die Stirne gedrückt worden. Und das veranlaßt viele mit der zwingenden Macht, die der Begeisterung für das Recht innewohnt, den Kampf für ihre Ueberzeugung, daß ein Unschuldiger als Mörder verurteilt wurde, fortzusetzen, solange das Gesetz hierzu ein Mittel bietet. Kein Mensch hatte jemals die schamlose Niedertracht, gegen Voltaire die Verdächtigung auszusprechen, sein Kampf für die Unschuld des alten Calas sei einem anderen Beweggrunde als dem des beleidigten Rechtsgefühles entsprungen. Die Vertreter der Ueberzeugung, daß Philipp Halsmann bislang das Opfer eines Justizirrtums sei, haben es nicht so gut. Ihnen werden ganz andere Motive unterschoben. Sie handeln angeblich rein (oder richtiger unrein) im Interesse des Judentums. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht mit einem Worte die Gründe, die für oder gegen die Beschuldigung des jungen Halsmann sprechen, erörtern oder kritisieren. Möge aber die Anklage gegen ihn, wie immer motiviert, begründet sein, sie erscheint doch wie eine Verherrlichung der heiligsten Wahrheit gegenüber der schurkischen Frechheit, die auch nur die Andeutung wagt, die Ehre des Judentums könnte irgendwie von der Frage berührt werden, ob dieser Jude einen Mord begangen hat. Man konnte dieser „Andeutung" von zarterer jesuitischer Formulierung bis zur plumpsten Eindeutigkeit entwickelt während des ganzen Verlaufes «■