Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-10-25 · Heft 43 (25.10.1929) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064238--17567-3087715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

DIE WAHRHEIT m m Seite 9 menschliche Jude, Rabban Qamliel, ist — im Innern — Christ. Christi Fehler war einzig der, „das Gesetz zu früh erhellt" zu haben. Sein Tod bedeutet ein „Fehlurteil in Israel". Er selbst scheitert daran, daß er in Christus nicht den „Messias, die leibgewordene Schekina, Gottes Sohn" zu erkennen vermag. Der Zweifel zerbricht ihn. Ganz folgerichtig nach bewährtem Rezept bilden diese „Gesetzesmenschen, die finsteren, spitzfindigen, listigen Schriftgelehrten" die Folie zu den Nazaräern. In deren Wesen ist „eine lichte Verklärung, ein Abglarfz göttlicher Berührung und der Vorschein eines unsterblichen Schicksals", sie sind „brave Arbeiter, verlegen wie alle kleinen Leute, die zu einer Führerrolle ausersehen sind". Sie geben ihr ganzes Geld, das sie redlich und schwer erworben, für die Armen. Christus wollte ja im Gegensatz zur Umwelt, einer „Welt der Reichen, der Unterdrücker, der Priester", eine Welt „der Armut, der Gleichheit und des Geistes" bringen. Er „hat nie eine Münze berührt, schon im Blick von Geburt an seine Göttlichkeit bekundet und ist tatsächlich, leiblich auferstanden". So spricht Werfel, der Jude, über Juden und Christen zu Christen und Juden von jenen Brettern herab, die, nach dem alten Heiden Aristoteles, Leidenschaften läutern sollen. Auch für Paulus hat Werfel so viel übrig, als ihm für die Juden fehlt. Gamaliel nennt ihn „den verkörperten Selbsthaß Israels". Nach diesem Paulus hat Jesus „seine Rolle als Christus selbst nicht ganz erfaßt", d. h. zutreffend mit anderen Warten: Paulus machte aus dem Jesus, wie er ihm überliefert war, was Clemenceau aus Wilsons 14 Punkten gemacht hat. Fein beobachtet ist dieser Römer; „ein blonder Athlet" natürlich der Germane. „Jeder Germane wird als Judenfeind geboren." Unser Publikum schlürft all das mit Wonne, wie schon Shakespeare seinem „Zeitgeist" einen Leckerbissen hinwerfen, im Shylock Geschichte fälschen mußte. Aber besteht dieses „Muß" noch heute? Besteht es für einen Juden? Für Werfeis Juden gibt es eine Entschuldigung, nämlich die, daß sie nie existiert haben. Aber welche gibt es für ihn selbst? Wenn die heutigen Juden ohnehin durch Hetzlegenden über die alten Zeiten schwer genug leiden müssen, müssen diese alten Juden auch durch solche JudeH von heute leiden? Dieses Stück ist in Wahrheit eine „geschichtliche Tragödie". Es zeigt wieder einmal die Tragik der Geschichte unseres Volkes, daß solche Geister „der verkörperte Selbsthaß Israels" sind. Werfel hat also wohl nur folgerichtig gehandelt, wenn er, „der verkörperte Selbsthaß Israels", nun auch von diesem verhaßten Judentum Abschied nahm. Wir weinen ihm keine Träne nach. Alfred Dreyfus - 70Jahre alt. Am 10. Oktober wurde Capitain Alfred Dreyf u s, dessen „Affäre" einst die Welt erschütterte, 70 Jahre alt. Er lebt jetzt als Oberst im Ruhestand in Paris. Im Oktober 1894 wurde der französische Hauptmann Alfred Dreyfus, Sohn eines reichen jüdischen Kaufmannes in Mühlhausen, wegen Spionageverdachtes zugunsten Deutschlands verhaftet und im Dezember 1894 vom Militärgericht zur Degradation und lebenslänglicher Verbannung nach der Teufelsinsel verurteilt. Das Beweismaterial gegen ihn stand auf sehr schwachen Füßen, allein unter dem Kriegsruf: „Der Jude ist ein Verräter!" sammelte sich die Reaktion zum entscheidenden Angriff auf die Republik. Der jüdische Schriftsteller Berand L a z a r e trat als erster für die Unschuld Dreyfus' ein, ihm folgten der berühmte Romanschriftsteller Emile Zola, Anatole France, Joseph R e i n a c h, Clemenceau, Jaures, Senatsvizepräsident Scheurer-Kestner und andere hervorragende republikanische Politiker. Zolas offener Brief „J'accuse" (Ich klage an) brachte den Stein ins Rollen. Der Retter von Dreyfus wurde Oberst P i c q u a r t, der 1897 zum Leiter der Spionageabteilung des Qeneralstabes ernannt wurde und beim Studium der Prozeßdokumente auf Beweise stieß, die den Major Esterhazy gravierend belasteten. Picquart wurde, nachdem er hierüber Bericht erstattete, von den antisemitischen Militärbehörden zu einer Expedition nach Tunis abkommandiert, er hörte aber nicht auf, für Dreyfus' Unschuld einzutreten. Fünf aufeinanderfolgende Kriegsminister und die Chefs des Qeneralstabes sträubten sich gegen eine Revision des Prozesses. Schließlich wurden mit Hilfe der Freunde Dreyfus' hohe französische Offiziere, unter ihnen Oberst Henry, als Fälscher von Dokumenten zu Ungunsten von Dreyfus entlarvt. Henry wurde verhaftet und beging Selbstmord. Nachdem Dreyfus vom Militärgericht in Rennes zum zweitenmal verurteilt wurde, hob der Kassationshof im Juli 1906 das Urteil von Rennes auf und setzte Dreyfus in seine früheren Rechte wieder ein. Emile Zolas „Brief an diejugend"' Eingeleitet und übersetzt von Dr. Hanns R e i ß n e r. Vor etwa dreißig Jahren, am 14. Dezember 1897, erschien in Broschürenform Emile Zolas „Brief an die Jugend". Es war die Zeit, als der Dreyfus-Prozeß die Gemüter in Frankreich, und über Frankreich hinaus die ganze zivilisierte Welt erregte. — Ein französischer Hauptmann war des Landesverrats angeklagt und aui Grund zunächst für echt gehaltener Dokumente verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt worden. In der Folge aber hatten sich einsichtige Männer zu der Ueberzeugung durchgerungen, daß hier ein Justizirrtum vorlag. Man hätte nunmehr also die Wiederaufnahme des Verfahrens, Kassation des ersten Urteils, Rehabilitierung des Unschuldigen und einen Prozeß gegen den erwartet, der in Wahrheit dem deutschen Militärattache in Paris die inkriminierten Urkunden verkauft hatte. Das Gegenteil schien jedoch zunächst eintreten zu wollen. Die für das Urteil Verantwortlichen, weit davon entfernt, ihren Irrtum zuzugeben, entfesselten vielmehr alle trüben Volksinstinkte, wühlten gegen das siegreiche feindliche Deutschland, sprachen von einem Komplott der internationalen jüdischen Großfinanz und lenkten die Wut der Massen auf die wenigen, die „zweifelos vom bösen Feinde bestochen*', ihre Stimme zugunsten des „mit vollem Rechte Verurteilten" zu erheben wagten. — So war aus einem bloßen Kampfe um die Wiederaufnahme eines Verfahrens ein Waffengang geworden, den unter atemloser Aufmerksamkeit aller zivilisierten Länder das Frankreich der „Menschenrechte" gegen die vornehmlich in Kirche und Heer beheimateten, vereinten reaktionären Gewalten der Vergangenheit zu bestehen hatte. KLEI DERNAUS SCHACHT ER XII., MEIDL. HAUPTSTR. 26-TELR 313 76 Größte Auswahl in fertigen Herren* und Knabenkleidern in besterQuaiität JR?T Eigene Werkstatte für feine Bfafi arbeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.