Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 43 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 «rirdiiimmrauHiiniiiimii^ DIE WAHRHEIT Sachen, die zur Erklärung des Verdiktes der Geschworenen herangezogen werden können. Z w e ifellos, daß es unzählige andere noch gibt, die verborgen blieben oder die nicht nachweisbar sind." Hanns Marguli es schließt seinen Artikel mit diesem Appell für Recht und Gerechtigkeit: „Der Kampf um Halsmann hat begonnen. Es handelt sich heute nur noch in zweiter Linie um das Schicksal dieses tragisch verketteten jungen Menschen. Es handelt sich vor allem um das Recht, um die Rechtssicherheit, um die Justiz, und das Ansehen der Justiz, das in größter Gefahr ist. Philipp Halsmann will keine Gnade haben. Er will sein Recht. Sein Recht aber ist unser aller Recht, und das zu erkämpfen gilt es." Prof. Dr. Alois Pick 70Jahre. Mittwoch, den 16. Oktober d. J. hielt der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in dem mit Blumen und Blattpflanzen geschmückten großen Sitzungssaale eine Festsitzung ab, zu welcher nebst den Familienangehörigen des Jubilars die Obmänner der Bezirkskommissionen und der Bethausvorstände der Kultusgemeinde, sowie der „Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge", des Rabbinerverbandes und der Angestelltenverbände der Kultusgemeinde, der Vorsitzende des Verbandes der Tempel- und Bethausvereine, der Vize-Groß-Präsident der B'nai Brith und die Präsidenten anderer großer Körperschaften sich eingefunden hatten. Von den Mitgliedern des Kultusvorstandes, Vizepräsident Dr. J.Löwenherz und Dr. Josef T i c h o, aus seinem Amtsraume feierlich eingeholt, betrat der Jubilar unter nicht endenwollenden Hochrufen der Versammlung den Sitzungssaal. Unter die Leitung des Chordirektors Z e 11 n i k brachten die auch dem Staatsopernchore angehörenden Mitglieder der Tempelchöre Beethovens „Die Ehre Gottes" glänzend zum Vortrage. Hierauf begrüßte der Vorsitzende, Vizepräsident Doktor Jakob 0 r n s t e i n, die Erschienenen, besonders den Jubilar, dessen edelgesinnte Gattin und die Familienangehörigen. In seiner geistvollen Rede führte er unter anderem aus: stellte unter Beweis, daß seine Frau durch Krankheit gezwungen sei, sich in frischer Luft aufzuhalten, und Coiien und Maquia fiel es nicht schwer, nachzuweisen, daß ihre Sommerhütten schon früher errichtet waren und jetzt im Herbst mit einem frischen Laubdach geschmückt wurden. Nach langen Beratungen und einer eingehenden Untersuchung endete die fürchterliche Angelegenheit mit einem Freispruch sämtlicher Angeklagter. Die Richter waren sich wohl des Zusammenhanges dieser Hütten mit den jüdischen Glaubensvorschriften bewußt, aber in ihrer Begründung sagten sie kurz und bündig, daß die Errichtung solcher Hütten sogar unter sardinischer Herrschaft gestattet war, trotzdem es den Juden verboten war, die Zahl ihrer Bethäuser oder Schulen zu vermehren oder mit überlauter Stimme innerhalb der Mauern der bereits bestehenden Synagogen zu beten. Wenn auch die Cabanes „äußere Zeichen" im Sinne des Gesetzes wären, so sind sie dennoch, wie es das Gesetz ausdrücklich verlangt, nicht für jeden anderen Bürger ersichtlich, denn man könne dem Bürger nicht zumuten, einen Turm zu besteigen, und so wie es die Polizei getan hat, mit großer Anstrengung Umschau zu halten. So endete dieses kleine Drama ausnahmsweise fröhlich und heiter und die Juden von Nizza konnten sich ungeachtet aller Ausspähungen der Freude der schönen Tage des Laubhüttenfestes hingeben. „In diesen vielen Generationen der Wiener Judenschaft so lieb und so vertraut gewordenen, in diesen historischen Sitzungssaal, in welchem Sie kraft des Willens der Kultuswählerschaft und des Kultusvorstandes berechtigt sind, als unser freigewähltes Oberhaupt, als primus inter pares zu schalten und zu walten, haben wir, verehrter Herr Präsident, Sie heute als unseren liebwerten Ehrengast geladen und wir, die Ihnen allezeit getreuen Vizepräsidenten, die wir am heutigen Abend verantwortlich zeichnen, wollen Ihnen, als dem berufenen, eifervollen Hüter des Statuts und der Geschäftsordnung bekennen, aber durchaus nicht reumütig, daß die Einberufung der heutigen Vollsitzung an manchen Verletzungen des Statuts und der Geschäftsordnung krankt. Das Statut der Israelitischen Kultusgemeinde enthält die Bestimmung, daß Personalangelegenheiten nur in nicht öffentlichen Sitzungen zu erörtern seien. Diesmal wurde das. Statut durchbrochen. Diesmal wird eine Peirsonalangelegenheit, allerdings die — um das bekannte Wort Friedrich des Großen zu variieren — des Ersten Dieners der Gemeinde in öffentlicher Sitzung behandelt werden. Aber diese Angelegenheit ist wegen Ihrer prominenten Stellung im Wiener Judentume und Ihrer von uns allen verehrten Persönlichkeit nicht nur Ihre eigene oder Ihrer und Ihrer verehrten Frau Gemahlin persönliche Angelegenheit, sie ist vielmehr eine Herzenssache der weitesten Kreise, die mit Ihnen, verehrter Herr Präsident, im Laufe Ihrer langen Lebensarbeit, als dem obersten Verweser des Sanitätswesens unserer alten Armee, durch Ihre Berufsausübung, durch Ihre hervorragende wissenschaftliche und insbesondere durch Ihre Lehrtätigkeit, durch Ihre führende Stellung im Judentume und nicht zuletzt durch Ihr edles Menschentum in freundschaftliche, verehrungsvolle Beziehungen getreten sind. Darum ist es ein Herzensbedürfnis des Wiener Judentums, Ihnen an dem Tage, an welchem Sie wohl nicht in das Greisenalter, aber doch in einen neuen, bedeutungsvollen Abschnitt Ihres Lebens eintreten, zu sagen, was Sie uns sind und welche heißen, innigen Wünsche wir Ihnen widmen; wir haben dies an dem für uns Juden heiligsten Tage, am Jörn Kilppur, getan, indem wir in der alt-heiligen Sprache unserer Väter in unseren Andachtsstätten in einem Mischeberach unter dem eindrucksvollen, ehrerbietigen Schweigen der versammelten Gemeinde den Segen des allmächtigen Gottes über Ihr und Ihrer Gattin teueres Leben erflehten und nun haben wir uns in diesem Saale versammelt, der groß ist durch die Geschichte des Wiener Judentums, aber räumlich zu klein, um die Tausende und Tausende, die am heutigen Abende im Geiste bei uns weilen, zu fassen, um Ihnen durch unsere Sprecher im Namen der ganzen Gemeinde zu sagen, wie wir uns mit Ihnen eins fühlen, wie Ihr Freudentag auch ein Festtag deT ganzen Gemeinde ist, und in diesem Saale, der so oft vom Hader der Parteien widerhallt, wird es heute, um ein viel zitiertes, oft mißbrauchtes und doch sehr tiefes Wort zu gebrauchen, nicht Parteien geben; nur eine einzige Partei Ihrer Arbeitsgenossen, Ihrer Freunde und Verehrer, die alle von dem einen Gedanken beseelt smd, ihren Präsidenten zu feiern und zu ehren, hat sich heute in diesem Saale vereint. Ich darf Ihnen namens der ganzen Festversammlung die Grüße wahrer Freundschaft und tiefer Sympathie entbieten und ich darf diese Grüße auch Ihrer Frau Gemahlin widmen, die das Wort des Dichters Terenz zur Wahrheit gemacht hat, nil humani a me alienum puto, kein Werk der Humanität, des Wohltuns soll mir fremd sein; so gelten ihr, der wahrhaften, treu besorgten Mutter unserer Waisenmädchen unsere ehrerbietigen Grüße." Vizepräsident Dr. Ornstein ließ nun durch Amtsdirektor Reg.-Rat Fuchsgelb aus der Fülle der eingelangten Gratulationen jene zur Verlesung bringen, welche Bundeskanzler Schober als Bundeskanzler, im Namen des Bundesministeriums für Unterricht und im eigenen Namen an den Herrn Präsidenten gerichtet hat, ferner das Schreiben des Handelsministers und Altbundespräsidenten Michael Hainisch, des Ministers für soziale Verwaltung Prof. I n n i t z e r, des Dekanates der medizinischen Fakultät, des Amtsführenden Stadtrates der Verwaltungsgruppe II Hugo B r e i t n e r und des Ersten Sektionschefs im Unterrichtsministeriums Dr. Egon Loebenstein. Hierauf erteilte der Vorsitzende dem Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz das Wort, damit dieser namens des gesamten Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien die Glückwünsche zum Ausdrucke bringe. Vizepräsident Doktor Löwenherz führte unter anderem aus: