Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite lb mm DIE WAHRHEIT W^KiheUmtemlSgß WffnWoekezulDocÄe Antisemitismus und Fremdenverkehr. Der „T a g" hat eine Rundfrage an seine Leser ergehen lassen: Wie haben Sie Ihren Urlaub verbracht?" Ein ihm darauf zugekommenes Antwortschreiben eines steirischcn Redakteurs ist auch nir unsere Leser, die unseren entschiedenen Kampf gegen den Sonirneririschenantiseuiitismus kennen, interessant, wenn wir auch glauben, daß sich dieser nicht auf Kärnten beschränkt, sondern auch in der grünen Steiermark, der Heimat des anonymen Redakteurs, in gleicher Weise floriert. Dieser schrieb dem „Tag" folgendes: Geradezu unerhört ist die bei allen möglichen Gelegenheiten in Kärnten angebrachte Schimpferei über die Juden. Es würde zu weit führen, all diese Hörspiele zu erwähnen, deren ich teilhaftig wurde. Durchweg muß ich aber sagen, daß dies Geschimpfe beileibe nicht von besonnenen älteren Leuten, die ja mit dem Wirtschaftsleben zu eng verknüpft sind, ausgeht, sondern von den sogenannten jungen Tuttern, den H e i m a t s c h u t z a n h ä n g e r n. Es wäre an der Zeit, im Wege der Fremdenverkehrsverbände energisch, aber schon sehr energisch darauf hinzuwirken, daß solches Geschimpfe dem Fremdenverkehr mehr als abträglich sein kann. Es wäre schließlich ein leichtes, besonders seitens der Wiener Kreise, bei weiterem Anhalten solchen Zustandes einen Boykott zu verhängen. Das scheinen die Herren in Kärnten nicht zu bedenken und stellen den Urlauber mosaischer Religion förmlich als v o g e 1 f r e i hin. Sozusagen im letzten Abdruck meiner Heimfahrt war ich Zeuge, wie ein ungefähr zwanzig Jahre alter „Bodenständiger" mit einem kleinen Rucksack in mein Abteil einstieg, gleich Krawall schlug, weil, er keinen Platz sali, und dann trotz wiederholter vorhergegangener Mahnung, ein gesittetes Benehmen an den Tag zu legen, wüst zu brüllen anfing: „Alleweil die .luden mit ihre vielen Packeln und Koffern!" Ich erachtete es als meine Pflicht, dem Mann das Wort zu legen, einzugreifen und ihm derartige „mores" beizubringen, daß er es samt einem Kameraden mit einem H a h n c n s c h w anz am Hute vorzog, den Waggon überhaupt zu verlassen. Ich bemerke zu allem, daß ich nicht mos ai s c Ii e r Religion bin, doch ebenso wie viele andere Mitreisende es gründlich satt haben, diesen für Oesterreichs Fremdenverkehr schmählichen A n p ö b e I u n g e n zuzuhören. Scheinbar hat der Jüngling, der das lümmelhafte Benehmen ohne Stahlrute einsteckte, der Vorwurf bekehrt, daß gerade die Juden he u e r am Wö rt he r s e e und anderen Kärntner Gegenden viele tausend Schilling dem Lande Kärnten zuführten. Im Prolog zur Mendelssohn-Feier der „U n i o n" des Herrn Prof. Heinrich Glücksmann soll es in der 7. Zeile heißen: „W i 11 k o m m" und im vorletzten Vers „ruhmumleuchtet". Wir stellen dies hiermit richtig. Friedenskundgebung jüdischer Frauen in Berlin. Der aus Vertreterinnen sämtlicher jüdischen Frauenorganisationen zusammengesetzte Frauenausschuß des Jüdischen P r i c d e n s b u ii d c s veranstaltete Sonntag, den 29. September, vorm. in der Hochschule für Musik, Charlottenburg, eine Friedenskundgebung von feierlichem Charakter. Nach einem L-indrucksvollen, durch Käthe Franken vorgetragenen Prolog von Frieda M e h 1 e r legte die Vorsitzende des Frauenausschusses Ernestine Eschelbach er in großen Zügen die Aufgaben des Jüdischen Friedensbundes und die besondere Friedensberufung der Frauen dar. Direktor Oscar Wassermann sprach als Vertreter des Präsidiums de „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden" von dem Verhältnis des Jüdischen Friedensbundes zur Arbeitsgemeinschaft. Im Namen des Jüdischen Friedensbundes begrüßte Dr. Alfred N o s s i g die Friedensbewegung der jüdischen Frauen als Teilerscheinung des Weltringens der Frauen um den Frieden. Das gehaltvolle Referat der Chemikerin Dr. Claudia Löwe schilderte die Schrecken des kommenden Gaskrieges und gipfelte in der Feststellung: Ein wirksamer Schutz gegen Gasangriffe ist unmöglich; die Abrüstungsbemühungen des Völkerbundes bei gleichzeitiger Vorbereitung des Gaskrieges sind eine Illusion. Rettung kann nur die Aendening der menschlichen Mentalität durch die Erziehung bringen. Das Schicksal der Welt liegt in den Händen der Mütter. Die übrigen Rednerinnen erbrachten den Beweis, daß die großen jüdischen Organisationen aller Richtungen sich auf dem Boden des Friedensgedankens vereinigen. Lina Wagncr-Tau her (Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina) beleuchtete das Friedensstreben des Judentums auf Grund der Heiligen Schrift und der letzten Ereignisse in Palästina. Margarete Fried (Frauengruppen des Centraivereins) betonte die Verantwortung des heutigen Geschlechtes für das ganze weitere Kulturleben der Menschheit. Berta Falkenberg (Jüdischer Frauenbund) forderte die Versammelten auf, sich selbst zu erziehen, um reif zu werden für die Aufgabe, das kommende Geschlecht für den Frieden zu erziehen. Orgelspiel und Chorgesänge der Vereinigung Berliner Synagogenchöre unter Leitung Alexander W e i n b a u m s eröffneten und beschlossen die Veranstaltung. Beifallsstürme weckte die Friedenskantate von Mozart in der Interpretation von Wilhelm Guttmann, Mitglied der städtischen Oper. Die imposante Kundgebung, welche vor einem bis an den Rand gefüllten Saal stattfand, hinterließ einen tiefen Eindruck. Rituelle Einweihung des Hietzinger Tempels. In einer Zeit wirtschaftlichen Niederganges verdient gegenüber den zahlreichen entmutigenden Erscheinungen des Alltags um so wärmere, Anerkennung die Opferbereitschaft für gottgefällige Werke, wie sie im Kreise des Vorstandes und der Mitglieder des Hietzinger: Tempelvereines gepflegt wird. Donnerstag, den 3. Oktober, abends, fand mit Rücksicht auf die hohen Feiertage, obwohl die Inneneinrichtung des Tempels noch nicht vollständig fertig war, die rituelle Einweihung des neuerbauten prachtvollen Gotteshauses statt. Die Mitglieder des Tcmpelvcreines haben mit Unterstützung der israelitischen Kultusgemcinde die zur Ausführung eines solchen Werkes notwendigen großen Beträge aufgebracht. Der rührige Vorstand hat Monate hindurch seine Zeit der heiligen Sache gewidmet. Alle, diese wackeren' Männer mußten sich am Abend der Einweihung beim Anblick des schönen Werkes reich belohnt fühlen. Zur Feier hatte sich eine große Zahl von Festgästen eingefunden. Die Wiener israelitische Kulrusgemeindc war durch Präsident Prof. Dr. Alois Pick, die Vizepräsidenten Dr. Jakob O r n s t e i n und Dr. J. Löwenherz und die Amtsdirektoren Regierungsräte Dr. Emil Adler und Guido F u c h s g e 1 b vertreten. Sämtliche Tempelvereine hatten Delegierte entsandt. Herr Rabbiner Dr. I. Lewin hielt die formvollendete Weiherede. Der neugewählte Oberkantor S. E i n h o r n versah die kantorale Funktion in überaus würdiger Weise. Ueber die demnächst stattfindende offizielle Eröffnung des Tempels werden wir ausführlich berichten. Einweihung der Israelitischen Zeremonienhalle in Leoben. Am 29. v. M. fand auf dem Friedhofe in Leoben die feierliche Einweihung der neuerbauten Zeremonienhalle statt. Architekt Ing. Ernst Rossmann hatte mit bescheidenen Mitteln ein vollendetes Kunstwerk geschaffen und Leoben um eine Sehenswürdigkeit bereichert. Von Nah und Fern waren