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Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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DDE WAHRHEIT nninuHmimiimm Seite 15 Ari den Genossen Stalin. Brief eines alten Juden. Aus dem Russischen von Dr. Fritz Reuel. Der Uehersetzer schreibt: „Der vorliegende Brief (den wir der Berliner „C. V.-Zeitung" entnehmen) eines jüdischen Mannes an den russischen Diktator hat von Hand zu Hand in der Ukraine weite Verbreitung gefunden und ist auf diese Weise auch über großrussisches Gebiet bis nach Moskau vorgedrungen, von wo er soeben den Weg in die ..Dnjam" und die ..Rulj" gefunden hat. Ich erlaube mir, Ihnen die sinngetreue Uebersetzung des menschlich und politisch so interessanten, geschichtlich bedeutungsvollen Dokumentes zu senden." Genosse Stalin! Sie sind bekantlich ein großer Antisemit und ich nur ein kleiner Jude. Gerade deshalb, denke ich, werden wir uns gut verstehen, im Alter von 16 Jahren verabreichten mir Glaubensgenossen eine solenne Tracht Prügel. Am heiligen Sabbath war ich in der liauptgasse unseres kleinen Ortes mit einem Spazierstöckchen in der Hand auf und ab stolziert. Nachdem ich dafür besagte Hiebe bezogen hatte, lief ich spornstreichs in den einzigen christlichen Kaufladen, erstand ein Stück Schweinespeck und verzehrte es vor aller Augen. Das hatte zur Folge, daß mir schlecht wurde (denn ich war an Speck keineswegs gewöhnt) und daß ich meine Heimat Hals über Kopf verlassen mußte. Ich riß nach Kiew aus und wandte mich endgültig ab von unserem alten Judengott. Mit dem Christengott machte ich später ähnlich unliebsame Bekanntschaft, als die Mönche vom Potschaeffkloster Pogrom predigten . . . Nun zu der Moral von der Geschichte: 30 Jahre lang habe ich keine Synagoge mehr gesehen. Heute gehe ich wieder hinein. Und zwar von dem Augenblick an, als den Juden meines Stadtteils ihr altes Bethaus weggenommen wurde. Man hat sie darum gebracht unter dem Vorwand, es zu einem Vereinsliaus für jüdische Arbeiter umzubauen. Als sich der Architekt die Sachlage ansah und sagte, der Umbau sei nicht zu bewerkstelligen, da riß man Böden und Decken heraus, machte Brennholz davon und aus den stehengebliebenen vier Wänden einen Viehstall. Als unter meinen Augen Ihre Obrigkeit mit dem Viehstall fertig war, Genosse Stalin, da ging ich, der Ungläubige, der Gottlose, von Haus zu Haus und sagte: Hört mich an, Ihr Juden! Ihr müßt Euch selbst respektieren. Wir müssen Geld sammeln für eine neue Synagoge. Lederhandschuhfabrik Josef Stasliaqet L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Wir taten es. Wir haben wieder eine Synagoge, und ich gehe in diese neue Synagoge. Und wenn mich junge Leute fragen, die in dem Alter stehen, in dem ich sabbathlicherweise mit dem Spazierstückchen herumstolzierte und aus Wut Schweinespeck aß — wenn mich also die jungen Leute nach Gott fragen —, dann sage ich ihnen: Ehrt den Gott der Juden, ehrt den Gott der Christen, ehrt den Gott der Moslhn. Seid gläubig oder seid ungläubig, aber seht ein, daß man einen verfolgten Gott unbedingt v e r e h r c n muß. Ich bin ein alter Jude, ein Arbeitsmann und habe viele russische Bekannte. Viele von ihnen waren ungläubig wie ich. Sie gingen nicht ins Gotteshaus und machten sich nichts aus der Geistlichkeit. Heute gehen sie in die Kirche, wie ich in die Synagoge, geben Geld für Kirchenzwecke und begegnen den Geistlichen mit Achtung. Ein paar Worte über meine politische Einstellung. Was wird die politische Ueberzeugung des jüdischen Arbeiters sein, der Bücher und Zeitungen liest? Ich war zur Hälfte Bundist, zur Hälfte Bolschewik. Ich stand mit jedem Bein mitten auf gutem Grund, haßte die Kapitalisten. Aber Ihre Herrschaft, Genosse Stalin, zwang mich, die Kapitalisten zu bedauern und zu achten. Unter meinen Bekannten sind gebildete Leute. Ich weiß wohl, auch sie haßten schon immer die Großkaufleute und großen Bauern. Heute achten wir beide. Ich will Ihnen auch verraten, warum das so kam: deshalb, weil der Verfolgte das RechJ immer auf seiner Seite hat . . . Ich kenne Gefährten, die, wie ich es eben tue, sich schriftlich an Sie gewandt haben. Sie sitzen alle im Irrenbaus. Offenbar lautet Ihre neueste Verfügung: derartige Schreiben sind zu vernichten und ihre Verfasser ins Irrenhaus zu sperren. Deshalb werde ich dieses Schreiben nicht in den Briefkasten werfen. Ich gebe es Freunden. Sie werden es abschreiben, vervielfältigen, ihren Freunden zustecken, und so wird es bis zu Ihnen gelangen, und die ganze Welt wird wissen, was der arme alte gottlose Jude schreibt. Ich würde diesen Brief natürlich gern mit meinem Namen unterschreiben und meine Adresse beifügen, damit jeder nachprüfen kann, daß ich wirklich Jude, wirklich Arbeiter, wirklich Atheist bin. Aber lohnt es sich, für diese Genugtuung zu riskieren, wie meine Freunde ins Irrenhaus zu wandern? . . . Ein alter Jude. NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDA1KA in englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.- KEINE BANDGEBÜHRI TÄGLICHER UMTAUSCH!

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