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Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 13 ercffentlichunaeti der UnicitdtutrchcftevveicKifcKei- Ouclet* JfeWdt WienIX. Ueeogarsv 4 <r,U/c*: 19 *2-77 Die gerechte Strafe. Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat an die Staatsanwaltschaft Wiener-Neustadt eine Anzeige gerichtet, deren Tatbestand jedem Kulturmenschen die Schamröte in die Wangen treiben muß. Die Anzeige hat folgenden Wortlaut: Auf dem Hause des Arztes Dr. Romanovskv in Hollabrunn. Bisniarckstraße. ist ein Anschlag des nationalsozialistischen Verbandes angebracht, der in schwarzer Umrandung das Bild eines e rstochenen Rabbiners darstellt und die Ueberschritt: „Die gerechte Strafe" trägt. Wir erblicken in dem Anbringen und öffentlichen Zurschaustellen dieser Tafel mit dem erwähnten Bild und der Ueberschrift: ..Die gerechte Strafe" den Tatbestand des Vergehens nach § 302 St. G. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Täter dieser Handlung hiedurch zu Feindseligkeiten wider eine — nämlich die jüdische — Religionsgesellschaft auffordern, aneifern oder zu verleiten suchen, und daß dies auch in ihrer Absicht gelegen ist. Jedenfalls begründet aber die zur Anzeige gebrachte Handlung den Tatbestand des Vergehens nach § 305 St. G,. denn es wird in ganz eindeutiger Weise auf die im 8 303 St. G. bezeichnete Weise — öffentlich vor mehreren Leuten, in einer verbreiteten bildlichen Darstellung — zu einer durch die Gesetze verbotenen Handlung — Tötung von Juden — aufgefordert, angeeifert oder zu verleiten gesucht, oder zumindest eine solche durch die Gesetze verbotene Handlung angepriesen oder zu rechtfertigen versucht. Durch die erwähnte bildliche Darstellung mit der bezeichneten Ueberschrift wird klar gesagt: Wenn ein Jude — und durch die Gestalt des Rabbiners soll ia der Jude allgemein gekennzeichnet sein — getötet wird, so verhangt damit der Täter nur eine gerechte Strafe über den Getöteten. Es wird daher direkt zur Tötung von Juden — also einer gesetzlich verbotenen Handlung — aufgefordert, angeeifert oder zu verleiten versucht, oder aber es wird zumindest die Tötung eines Juden angepriesen oder zu rechtfertigen versucht, indem eine solche strafgesetzlich verpönte Handlung als eine gerechte Strafe hingestellt wird. Wir erstatten hiermit die Anzeige mit dem Ersuchen, die notwendigen Vorerhebungen führen zu lassen und uns von dem Ergebnisse zu verständigen. Diese Anzeige der „Union", die eine skandalöse Infamie unserer Hakenkreuzler zum Anlasse hat und von der Staatsanwaltschaft hoffentlich mit der nötigen Energie betrieben wird, wurde in den Wiener Tageszeitungen vielfach besprochen. So schrieb der „T a g": Ein Kulturdokument. Nicht etwa deshalb, wen ein Arzt solch ein Bild in einem Anschlagkasten duldet, der an seinem Hause angebracht ist. Denn nach dem Wort: „Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein", muß diese Billigung einer dummen Niederträchtigkeit einen solchen Patientenschwund zur Folge haben, der die gerechte Strafe für diesen Teutonen wäre. Empörend und unbegreiflich ist nur, daß es überhaupt nötig ist, daß sich eine Körperschaft mit Manifestationen beschäftigen muß, deren Behandlung eigentlich dem Irrenarzt überlassen werden sollte. - Gesetzt den Fall, es würde jemand auf offener Straße eine Höllenmaschine mit einer Zündschnur auslegen und sie in Brand setzen wollen, müßte da erst ein Passant eine wohlgeformte, mit Paragraphenzitaten gespickte Anzeige verfassen, um zu erreichen, daß die wahnwitzigen Verbrecher hinter Schloß und Riegel kommen? Wohl kaum! Eher ist anzunehmen, daß Bombe und Urheber von den Behörden unschädlich gemacht sind, ehe noch der Passant etwas bemerkt hat. Sicher haben nicht nur Juden diesen verbrecherischen „Anschlag" in dem hakenkreuzlerischen Affichenkasten gelesen, sondern andere Personen, die sonst auf Zucht und Sitte achten, auch wenn sie augenblicklich nicht im Amte sind. Aber man hat das nicht bemerkt oder höchstens belächelt. Die Anzeige an die Wiener-Neustädter Staatsanwaltschaft wird hoffentlich zur Folge haben, daß aus dem schmutzigen Beifallsgrinsen ein verlegenes Lächeln der Scham wird! Mein Weg von Ost nach West*) Von Prof. Jehudo Epstein. Inmitten der fortschreitenden Zeit eine scheinbar zeitlose Insel, auf der ein uraltes Volk unberührt sein legendenhaftes Dasein führt, — so erscheint uns das Ghetto, in dem Jehudo Epstein seine Jugend verlebt. Jehudo Epstein, — heute ein weit über die Grenzen Polens und des alten Oesterreich berühmter Maler in Wien, damals ein armer Judenjunge in einem schmutzigen Nest Russisch-Polens. Ungeheuer, wie über Jahrhunderte hinweg gebogen, erscheint der Weg, den er aus jener dumpfen Enge künstlich erhaltenen Mittelalters zu seiner Kunst und in die Freiheit und Helle einer modernen Großstadt des europäischen Westen findet. „Aus ältestem Israel macht sich ein Kind auf den Weg und findet nach harter Wüstenwanderung sein gelobtes Land" — so charakterisiert Ernst Barlach den Weg Epsteins in einem schönen Gleichnis. Und doch: Wieviel Interessantes, wieviel Entzückendes weiß Epstein aus seiner Jugend zu schildern, die er in behaglicher Rückschau neu ejstehen läßt! Dieses liebenswürdige, von echten». Humor überglänzte Buch ist ein selten aufschlußreicher Bericht über Sitten und Gebräuche des orthodoxen Judentums. „Mein Weg von Ost nach West" ist charakteristisch für die Entwicklung eines ganzen Volkes; daß er diese im allgemeinen auf Ge- *) Erinnerungen. Stuttgart 1929. J. Engelhorns Nachf. ..Broschiertes Billig-Bnchk' (BBB) Rm. 3.—. Büchereiausgaben aui holzfreiem Papier: Leinen Rm. 7.50, Halbleder Rm. lu.50.

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