Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite II „Die christliche Sekte zerhackt die Geschlechtsteile der Knaben; groß ist die Zahl der Kinder, die auf diese Weise zu Tode gehackt wurden. Mögen daher alle Kinder auf ihrer Hut sein, da sie sonst durch einen Schnitt des Messers in die Unterwelt befördert werden können." Um zu beweisen, daß die Blutlüge immer in denselben Formen auftritt und daß die Verbreiter des Märchens immer dieselben „Beweismethoden" benutzen, sei noch der Bericht des Barons Hübner über die Ursache der Christenmetzeleien in Tientsin vom 21. Juni 1870 „Promenades au tour du monde, 11 Paris 1873. 385 bis 455) wiedergegeben: „Mitte Mai wurden alarmierende Gerüchte verbreitet, Kinder seien verschwunden. Sie seien von Leuten im Auftrage von Missionaren gestohlen worden. Die katholischen Missionsschwestern hätten sie getötet und ihnen Augen und Herz ausgerissen... Es war nicht das erstemal, daß solche Absurditäten verbreitet wurden. Die Anklagen verdoppelten sich. Man zitierte Tatsachen und glaubte daran... Im Juni wurden zwei fremde Chinesen verhaftet, die einen Sack auf der Schulter und zwei Kinder an der Hand führten. In ihren Säcken fand man mexikanische Dollars und einige Schachteln Arzneimittel. Unter der Folter erklärten die Verhafteten, sie hätten tatsächlich mittels dieser Arzneien die Kinder willenlos gemacht. Die Dollars seien ihnen von den Schwestern als Bezahlung des Verbrechens gegeben worden. Die Männer wurden auf ihr eigenes Geständnis hin wegen des auf Anstiftung der Schwestern begangenen Verbrechens zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das kam einer Verurteilung der Schwestern und einem Mordbefehl gegen die Europäer gleich. Man grub Leichen aus und untersuchte sie. Bei einigen fehlten die Augen; diese natürliche Folge der Verwesung wurde als ein überzeugender Schuldbeweis gegen die Schwestern und Missionare gedeutet." Also auch die Chinesen konnten sich auf angebliche Tatsachen, Prozeßergebnisse, „.Geständnisse", für die Wahrheit ihrer Anklagen berufen? Und dennoch — wer wird auch nur einen Augenblick an das grausige Märchen glauben? (Schluß folgt.) Oflcr^etv. Der Gerichtshof im Holsteinischen, der einige Bauern, die angeklagt waren, die deutsche Republik als eine „Judenrepublik" beschimpft zu haben, freisprach, hatte — wie schon in der vorigen Nummer der „Wahrheit" erwähnt wurde — so manches über mäßige Weisheit und bescheidenes Rechtsgefühl zu »hören bekommen. Nun aber ist diesen Richtern eine hohe Genugtuung zuteil geworden. Die „Reichspost" spricht ihnen in schmeichelhaftester Weise ihre Anerkennung für den tiefen juristischen Scharfsinn aus, der ihrer Rechtsbegründung innewohnt. „Warum" — ruft die „Reichspost" mit dem ihr eigenen Brustton ehrlicher Ueberzeugung aus — „warum braucht „Judenrepublik" eine so schreckliche Beschimpfung zu sein, da doch auch das Wort „Jude" kein Schimpfwort, sondern eine legitime Bezeichnung ist, die am allerwenigsten ein Jude als Kränkung empfinden kann?" Da sieht man, wie nur ein braves, biederes Gemüt sich so ganz in die brave, biedere Seele holsteinischer Bauern hineindenken kann, denen bei ihrer bekannten und bewährten philosemitischen Gesinnung bei dem Worte „Judenrepublik" sicherlich jeder beleidigende Gedanke ferne liegt! Ja, ja, der biedere brave Mann der „Reichspost", der dies in der Einfalt seines frommen Herzens niederschrieb, hat eben noch nie von dem animus injurandi gehört, der es zuwege bringt, daß ein Jude, der stolz auf seine Abstammung ist, den Zuruf „Jude" unter Umständen doch als eine nichtswürdige Beschimpfung empfindet. Wenn es der frommen „Reichspost" einfach unfaßbar ist, daß es solche gemeine Leute geben könnte, die einen Juden durch den schlichten Hinweis auf seine Stammeszugehörigkeit kränken wollten, dann darf man ihr wirklich glauben, daß sie auch niemanden für so niederträchtig hält, er denke auch nur im Traume daran, mit der Bezeichnung „Judenrepublik" die Republik zu beschimpfen. * Was Karl Samuel G r ü n h u t, der im Alter von 85 Jahren aus dem Leben schied, während einer fast fünf Dezennien umfassenden Lehrtätigkeit und in einer nahezu sieben Jahrzehnte füllenden Forscherarbeit als Lehrer und Gelehrter geleistet, ist von den berufendsten Federn geschildert worden. An dieser Stelle soll aber doch noch mit einem Worte darauf hingewiesen werden, daß der Heimgegangene, mancher an ihn herangetretenen Versuchung trotzend, mit unerschütterlicher Treue an dem Glauben seiner Väter festgehalten, daß er es, zum Unterschiede von so vielen Strebern nach äulieren Ehren, als eine stolze Ehre empfand, aus dem Judentume hervorgegangen zu sein. Karl Samuel Grünhut, der seinen Weltruf insbesondere durch seine Leistungen auf dem Gebiete des Wechselrechtes, vor allem durch das Werk erworben hat, in welchem er seine berühmte „Redlichkeitstheorie aufstellte, hatte nur ein Lächeln der Geringschätzung für jene, die, wenn es ihr Vorteil erheischt, den — Wechsel des Glaubens sogar als ihr Recht proklamieren. * * * Das leuchtende Bespiel, das der berühmte Rechtslehrer an der Wiener Universität als Jude bot, verdient namentlch in unseren Tagen Beachtung, wo die Skrupellosigkeit der Renegaten eine Unterstützung in der zarten Nachsicht findet, mit der die Fahnenflucht beurteilt wird. Die echten Christen machen kein Hehl aus den Gefühlen, die sie im Herzen für jüdische Renegaten empfinden. Müssen es da glaubenstreue Juden nicht schmerzlich bedauern, diesen Gefühlen nicht gelegentlich auch lauten und unzweideutigen Ausdruck verleihen zu können? * * Man kann leicht ermessen, wie peinlich namentlich die berufenen Hüter unserer Religion oft die notgedrungene Unterdrückung solcher Gefühlsäußerungen empfinden. Wie oft ereignet sich der Fall, daß der Rabbiner erschüttert an der Bahre treuer Juden H KLEIDERHAUS SCHACHTER XII..MEIDL. HAUPTSTR.26-TEL.R313 76 Größte Auswahl in fertigen Herren- und Knabenhleidern in besterQuahtät JbF~ Eigene Werkstatte für feine Maßarbeit.-^C_