Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT men. Es ist aber durchaus nicht ausgeschlossen, daß es umgekehrt wird. Man kann es den Juden nicht verübeln, wenn sie an die politischen Konsequenzen mit Pessimismus denken. * * * Wenn man diesen Stimmungsbericht liest, glaubt man nicht, in der letzten „Stimm e" einem Druckfehler begegnet zu sein, als man dort lesen konnte, daß die englische Regierung fast auf dem Standpunkt der Balfour-Deklaration steht. Es ist wirklich heute keine Festigkeit bei ihr zu sehen. * * * Die wirtschaftlichen Folgen der Unruhen. Ein Bericht des österreichischen Konsulates. Wie das Oesterreichische Konsulat in Jerusalem dem Oesterreichischen Handelsmuseum mitteilt, ist das Geschäftsleben in Palästina seit dem Ausbruch der Unruhen am 23. August dieses Jahres nahezu lahmgelegt. Mit Ausnahme der Lebensmittelbranche sind fast alle Geschäftszweige zu einem Stillstand verurteilt, der sich bereits verhängnisvoll auswirkt und der, soweit er nicht mancherorts auf Einschränkung des Warenverkehrs infolge der noch nicht ganz hergestellten Sicherheit beruht, auf zwei Ursachen zurückzuführen ist: Den sehr scharf durchgeführten gegenseitigen Boykott und die abwartende Haltung der Konsu menten. Bis ungefähr 15. September waren sämtliche Läden teils infolge akuter Gefahr von Plünderungen und Zusammenstößen, teils infolge Ausbleibens des kaufenden Publikums geschlossen. Dieser an und für sich schon empfindliche Ausfall von drei Wochen wurde in seinen Auswirkungen durch ein von der Regierung verfügtes Moratorium etwas erträglicher gestaltet und hätte schließlich eine Episode bedeutet, die zu überwinden gewesen wäre, wenn nicht bald darauf der einsetzende Boykott eine sehr ernste Situation gezeitigt hätte, die bei längerem Anhalten unvermeidlich zu einer schweren Krise führen muß. Sehr schwerwiegend ist der Umstand, daß die von den Arabern eingeleitete Boykottpropaganda im mohammedanischen benachbarten Ausland auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Syrien allein soll Aufträge im Werte von L. P. 20.000 zurückgezogen haben. Die arabische Kaufmannschaft beschränkt sich jedoch nicht auf die negative Seite des Boykotts. Die wohlerkannte Abhängigkeit vom jüdischen Importeur und Kaufmann soll umgangen werden. Gründungen großer arabischer Importgesellschaften sind im Zuge. Die Situation für die jüdische Kaufmannschaft wird als sehr ernst bezeichnet. Besonders schwer soll bereits die Manufakturwarenbranche gelitten haben. Das Mißtrauen in die nächste Zukunft veranlaßt viele alteingesessene Kaufleute zur Auswanderung, nahezu sämtliche aber zur Verlegung ihrer Geschäfte in rein jüdische Stadtteile. Blatlügen in alter und neuer Zeit *] (Fortsetzung.) „Hat denn die Natur an und für sich uns schon zu solchen Geschöpfen gemacht, die besonders befähigt sind, Blutschande zu begehen und Menschenfleisch zu essen? Wenn Ihr aber der Ansicht seid, daß der Mensch imstande ist, solche Gemeinheiten zu begehen, so könnt Ihr selbst sie auch besehen; Ihr seid gerade solche Menschen wie auch die Christen. Wenn Ihr aber selbst nicht dazu fähig seid, so sollt Ihr auch nicht daran glauben. Die Christen sind ebenso Menschen wir Ihr." (Tertullian, a. a. O.) Der Vorwurf des rituellen Blutgebrauchs ist mehrere Jahrhunderte lang gegen die Christen erhoben worden. Es haben sich angebliche Augenzeugen für diese Verbrechen eingefunden. Christen haben unter der Folter den Ritualmo.rd eingestanden und sind daraufhin hingerichtet worden. Sonst besonnene Männer glaubten an die Wahrheit der Beschuldigung. — Heute sind wohl alle vernünftigen Menschen von der Haltlosigkeit dieser Bezichtigung überzeugt. Die Anklage hat ihren Grund nicht in Untaten der Christen, sondern in dem Aberglauben der Römer. Dieser Aberglaube entstand, weil die Christen in den ersten Jahrhunderten eine Minorität bildeten, die sowohl in ihren religiösen Anschauungen als auch in der religiösen Praxis von der großen Majorität der Römer abwich und die deshalb das Objekt von Verleumdungen wurde. II. Beschuldigungen gegen christliche Sekten. Sobald das Christentum Staatsreligion und das religiöse Bekenntnis der Majorität geworden war, verstummte der ihnen jahrhundertelang gemachte Vorwurf des rituellen Blutgebrauchs. Es ist außerordentlich interessant und für die Verbreitung der Blutlüge aufschlußreich, daß jetzt die tJlutbeschuldigung von den Christen gegen eine große Anzahl christlicher Sekten erhoben wurde. Diese Häretiker (Ketzer) waren Christen, und sie verneinten nur einige Punkte der katholischen Lehre. Aber diese Abweichung von der Ueberzeugung der Mehrheit genügte, um sie in den Verruf der ausschweifenden Laster und des Ritualmordes zu bringen. Schon bei den Kirchenvätern Irenaus, Clemens Alexandrinus und Epiphanius finden wir im frühen Mittelalter die Blutanklage gegen die christlichen Sekten der Karpokratianer und Marcioniten. Den Manichäern und Gnostikern wurde nachgesagt, daß sie alle Ausschweifungen unter dem Deckmantel der Religion verübten und Menschenblut bei ihren Zusammenkünften genossen. Von den Montanisten berichtet der Kirchenvater Augustinus (gest. 430): „Sie sollen abscheuliche Geheimnisse (sacramenta) feiern. Man erzählt nämlich von ihnen, daß sie einem einjährigen Kinde durch kleine Stichwunden, die sie seinem ganzen Körper beibringen, das Blut entziehen, und daraus ihr Abendmahl (eucharistian) bereiten, indem sie das Blut desselben mit Mehl vermischen und Brot daraus bereiten." (De haeres 26.) Während des ganzen späteren Mittelalters wurden fast alle christlichen Sekten mit diesen Beschuldigungen beglückt, z. B. die Paulicianer, die Albigenser, die Katharer, die französischen Hugenotten und viele andere. Wo immer eine religiöse Genossenschaft einen noch so unwichtigen Teil der katholischen Lehre abweichend auffaßte, wurden ihre Anhänger als moralische Ungeheuer angesehen. III. Bluthetze gegen christliche Missionare in China. Im Jahre 1891 wurde in Hankau von einem protestantischen Missionar eine Sammlung chinesischer Bilder herausgegeben und den europäischen Residenten zugesandt, um dieselben in die Lage zu versetzen, sich eine Vorstellung davon zu machen, auf welche diabolische Art und Weise von Seiten der gebildeten chinesischen Literaten gegen die christlichen Europäer gehetzt wurde. Diese Bilder stellen christliche Missionare dar, die in ihren Kapellen mit Chinesinnen Unzucht treiben, die Frauen den Bauch aufschneiden, und die einem auf dem Bette liegenden Chinesen die Augen ausstechen. Die Unterschriften der Bilder weisen darauf hin, daß diese Darstellungen wirkliche Tatsachen wiedergäben! Auch die Berufung auf wirklich stattgefundene „Ritualmorde" finden wir bei den Chinesen. In der chinesischen Schrift „Tod der Religion des Teufels" heißt es: *) Aus der im P h Ii o-Verlag, Berlin, erschienenen Broschüre „Blutlügen — Märchen und Tatsachen."