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Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Schober. An der Feier nahmen weiters Vertreter der Regierung, des Bundesheeres, viele hervorragende Persönlichkeiten der Gemeinde und die Familien der Hinterbliebenen teil. Der erste Teil der Feier spielte sich im Zeremoniensaal ab. Vor dem Verwaltungsgebäude war eine Ehrenkompagnie mit Fahne und Musik des Infanterieregiments Nr. 3 mit Sturmhelmen gestellt. Der Saal selbst trug Trauerschmuck. Hier hatten sich eingefunden: In Vertretung des Vizekanzlers und Bundesministers für Heerwesen Stadtkommandant General W i e s i n g e r, in Vertretung des Bundesministeriums für Unterricht Ministerialrat Dr. Fohr mit dem Konsulenten Hofrat Professor Dr. Frankfurter, in Vertretung des Bundesministeriums für soziale Verwaltung Ministerialrat Doktor Schauer-Schoberlechner, in Vertretung des ungarischen Gesandten Legationsrat Jobb, in Vertretung des polnischen Gesandten Konsul Jan Chesmirski, der rumänische Miltärattache, in Vertretung des Bundesministeriums für Heerwesen GM. Bauer, Stabschef Oberst Mater na, Oberst Ingenieur Pummerer und Oberstleutnant Dr. Regele, in Vertretung des Leiters der Polizeidirektion Dr. Pamer Ober- Polizei rat H o s c h e k, Zentralinspektor der Sicherheitswache Hof rat Dr. S k u b 1, dann Sektionschef H o r i c k i, der altkatholische Bischof T ü c h 1 e r, in Vertretung des Deutschmeisterbundes Präsident Major S e i f f e r t mit den Stellvertretern Oberst O d e 1 g a und B a 1 i s c h und Vorstandsmitglied H o f b a u e r, der Gemeinde Wien Stadtrat B r e i t n e r, Oberstadtbaurat Ing. Karl Abel, Oberinspektor Pomeisl, Abordnungen der Brigade-Artillerie Nr. 2, der Feldjäger zu Rad, des selbständigen Artillerie-Regimentes Nr. 3, der Dragoner-Schwadron Nr. 2, des Infanterie-Regimentes Nr. 1, der Lehrabteilung Nr. 1; Professor Oskar Strnad; für das Kuratorium der Kriegsgeschädigten-Fonds Hofrat Baudirektor Ing. Eugen M ü 11 n e r, die Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, die dienstfreien Gemeinderabbiner und Kantoren, das Präsidium des Verbandes der türkischen Israeliten, sämtliche Obmänner der Chewra-Kadischas und der Bezirkskommissionen, für den Bethausvorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Präsident Dr. Münz, und für die Oeganisation der Wiener Tempelvereine Präsident Börserat Glück. Um halb 10 Uhr fuhr Bundeskanzler Schober vor und wurde vom Präsidenten Prof. Dr. A. Pick und Stadtkommandanten General W i e s i n g e r empfangen. Er schritt die Front der Ehrenkompagnie unter den Klängen der Bundeshymne ab und begab sich dann in die Zeremonienhalle. Das Präsidium der Kultusgemeinde nahm die Begrüßung der Festgäste vor, die in der schwarz dekorierten Zeremonienhalle Platz nahmen. Die Ehrenwache zu beiden Seiten der Estrade stellten jüdische Studenten mit Kappe und Band. Oberkantor Fischer intonierte mit großer Chorassistenz einen Trauerpsalm; hierauf betrat Rabbiner Prof. Dr. M. J. Bach die schwarz verhüllte Kanzel und hielt die von uns an anderer Stelle vollinhaltlich wiedergegebene meisterhafte Gedenkrede, die auf alle Anwesende tiefen, nachhaltigen Eindruck machte. Nach der Rede fielen die Hüllen von beiden in der Zeremonienhalle angebrachten künstlerisch ausgeführten mächtigen Votivtafeln aus Carrara-Marmor, die etwa 400 auf dem Felde der Ehre gefallenen Gemeindeangehörigen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde verewigt, die außerhalb Wiens ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Hebräische und deutsche Inschriften in ornamentalen Lettern über den Namen bekunden die Widmung der Gedenktafeln, deren Inschrift lautet: „Ihren auf diesen Gedenktafeln verewigten und allen ihren anderen im Weltkrieg gefallenen und in fremder Erde ruhenden Söhnen gewidmet von der israelitischen Kultusgemeinde Wien." Während Oberkantor Fischer den Sulzerschen Trauerchoral anstimmte, ertönte vor der Halle das Signal zum Gebet und die Ehrenkompagnie marschierte durch die große Allee zum Kriegerdenkmal; der unübersehbare Zug der Festgäste folgte ihr in lautloser Stille. Die Feier beim Kriegerdenkmal. Architekt Leopold P o n z e n, der Schöpfer des Denkmals, übergab dem Präsidenten der Kultusgemeinde das Denkmal mit folgenden Worten: „Hochverehrter Herr Präsident! Die Israelitische Kultusgemeinde Wien hat mir den ehrenvollen Auftrag übertragen, den im Weltkriege gefallenen und hier zur letzten Ruhe bestatteten jüdischen Kriegern ein Denkmal zu erbauen. In treuem Gedenken an meine toten Kameraden widmete ich mich mit ganzem Herzen der Aufgabe, dieser erhabenen Idee eine würdige Form zu geben, der Idee, die Erinnerung an selbstloses Heldentum und treueste Pflchterfüllung gegen das Vaterland zu verewigen. Im Bewußtsein, mein Werk in ehrlichstem Bemühen geschaffen zu haben, danke ich Ihnen Herr Präsident für das mit geschenkte Vertrauen- und bitte Sie, das Denkmal in Ihre Obhut zu übernehmen.'* Präsident Prof. Dr. Alois Pick erwiderte wie folgt: „Namens des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien übernehme ich von Ihnen, sehr geehrter Herr Architekt, dieses Denkmal in die Obhut unserer Gemeinde; ich danke Ihnen, der Sie das Denkmal geschaffen sowie all den Mitarbeitern, welche an diesem schönen Kunstwerke mitgewirkt haben, im eigenen Namen und im Namen unserer ganzen Gemeinde. Wenn wir erst heute die Dankesschuld abstatten, die dem Andenken jener Angehörigen unserer Gemeinde, die ihr Leben dem Vaterlande geopfert haben, gebührt, so ist dies durch den Umstand begründet, daß wir in der schweren Zeit der Nachkriegsjahre zunächst bestrebt sein mußten, den Witwen und Waisen vieler auf dem Felde der Ehre Gefallenen hilfreich beizustehen. Dieses Denkmal, von Künstlerhand geschaffen, verzeichnet die Namen jener jüdischen Kämpfer, die, durch den Krieg dahingerafft, auf den Wiener Friedhöfen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Gedenktafeln, die heute in der Zeremonienhalle dieses Friedhofes enthüllt wurden, verzeichnen die Namen jener Gemeindeangehörigen, die vor dem Feinde gefallen, fern von der Heimat zur ewigen Ruhe gebettet worden sind. Aber nicht nur unserer teueren Angehörigen, auch der Kriegsgefangenen, die in treuer Pflichterfüllung gegen ihr Vaterland, in Gefangenschaft geraten sind und hier den Kriegsverletzungen erlegen sind, haben wir pietätvoll gedacht und ihre Gräber mit Denksteinen versehen. Möge unsere Ehrung, die wir dem Andenken unserer Brüder, die ihr Herzblut für das Vaterland hingegeben, erwiesen haben, möge dieses Denkmal auch der Nachwelt künden, daß die Söhne des jüdischen Volkes getreulich ihre Pflicht erfüllten, als es galt, das Leben für das Vaterland zu opfern. Wir haben heute unter der Teilnahme der Vertreter der Regierung und der Behörden unseres Staates das Andenken unserer Brüder geehrt; in tiefer Dankbarkeit wird unsere Gemeinde eine dauernde, ehrende Erinnerung all jenen bewahren, die in dem großen Völkerringen ihr Leben dem Vaterlande geopfert haben." Hierauf sprach in Vertretung des Vizekanzlers und Bundesministers für Heerwesen Vaugoin Stadtkommandant General W i e s i n g e r, der an die alte Ueberlieferung der Heldenehrung anknüpfte. Jedes Volk ehre die Helden, die mit Einsatz ihres Lebens, ihrer ganzen geistigen und körperlichen Kräfte zum Schutze und zur Ehre ihres Volkes ruhmvolle Taten vollbracht. Drei mächtige Triebfedern wohnen dem Gedanken der Heldenehrung inne: die Dankbarkeit für den Opfergeist derer, die ihr Leben für das Vaterland hingaben, die Treue, die in der Errichtung des Kriegerdenkmals verkörpert ist. Die Kameraden israelitischen Glaubensbekenntnisses, die wir heute ehren, erfüllten treu ihre Pflicht zu Volk und Heimat bis zum letzten Herzschlag; sie vollbrachten ihre Pflicht nicht aus gepflogenem Brauch, sondern aus dem Gedanken felsenfester Treue. Jedes Kriegerdenkmal ist aber auch eine Mahnung zum sittlichen Kampf für Heimat und Volk. Es soll Schwung zu hohen Taten geben, uns helfen, sittlich starke Charaktere mit tiefernster Edelgesinnung, unbeugsamer Willenskraft und uneigennützigem Opfergeist heranzuziehen. HeldenehTung ist heilige Pflicht, Soldatentod heiliger Tod. Er bricht jedes Gefühl des Hasses, Freund und Feind, vom Schlachtengott dahingerafft, sind der gleichen Liebe und Ehre wert. Es war ein für alle ergreifender Augenblick, als die Deutschmeisterkapelle, während General W i e s i n g e r einen prächtigen Kranz aus Lorbeer mit der Schleifenwidmung „D e n Helden der Pflicht — das österreichische Bundesheer" am Denkmal niederlegte, das Lied vom guten Kameraden intonierte. Dann sprach im Namen der wehrhaften jüdisch-akademischen Verbindungen Schriftsteller Rudolf B e r d a c h und schließlich sprach im Namen des „Deutschmeisterbundes" Präsident Major S e i f f e r t den Abschiedsgruß, in dem er ausführte!, daß die 7000 Männer, die sich im Bund zusammengefunden, heute mit Trauer und mit Stolz ihrer jüdischen Kameraden gedenken, denen dieses Denkmal für ihre Treue und Tapferkeit errichtet wurde.

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