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Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Antisemitische Stimmungsmache im Halsmann-Prozeß. In wenigen Tagen wird in Innsbruck der dritte Halsmann-Prozeß hoffentlich doch abgeschlossen werden. Mit welcher Stimmung jeder Objektive dem Abschluß dieses Prozesses entgegensieht, wie sehr jedermanns „Vertrauen" in den Genius loci der Hauptstadt des „schwarzen Landls" begründet ist. beweist ein Vorfall der letzten Tage. Hakenkreuzbuben, die einen Vorwand für eine Versammlung brauchten, ließen Plakate ankleben, in denen sie den Halsmann-Prozeß als „d a s typische Beispiel für das Zusammenhalten des Judentums" bezeichneten. Diese Plakate lesen Innsbrucker Geschworene, die über Halsmanns Leben zu urteilen haben werden, diese Plakate machen Stimmung und schaffen eine Atmosphäre, die für Verurteilung oder Freispruch maßgebend sein soll. Die Staatsanwaltschaft hat das Plakat konfisziert, nicht, wie sie vorsichtig hinzufügt, weil sie an dem verhetzenden Inhalt Anstoß nahm, auch nicht, weil für Plakate ebenso ein Artikel VIII. gilt wie für Zeitungen, sondern weil der v e r a n t w örtliche Drucker auf dem Plakate nicht ausgewiesen war. Die grellroten Plakate hatten folgenden Wortlaut: ..Innsbrucker! Der Halsmann-Prozeß zeigt allen, die sehen wollen, den ungeheuren Einfluß und Zusammenhalt des Judentums. Der Jude ist Herr des deutschen Volkes! Ueber dieses Thema spricht Ernst Grimm am 12. Oktober im kleinen Stadtsaal. Antisemiten, kommt und helft uns im Kampfe gegen die jüdischen Bedrücker für ein freies deutsches Volk. Juden ist der Eintritt verboten. Spendenbeitrag 40 Groschen. Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei." Die Beschlagnahme erfolgte aus drei formalen Gründen: weil die Druck- und Verlagsfirma nicht genannt war, weil auf dem Plakat kein Verantwortlicher angeführt war, und weil die Verbreiter es unterlassen haben, vor Veröffentlichung des Plakates der Staatsanwaltschaft ein Pflichtexemplar zu überreichen. Das Stadtpolizeiamt wurde von der Staatsanwaltschaft verständigt und verfügte, die Beschlagnahme sofort durchzuführen und zu überwachen. Einem Kriminalbeamten gelang es, noch einen kleinen Vorrat der Plakate im Lager des Plakatierungsinstitutes zu beschlagnahmen. Die bereits affichierten Plakate wurden von der Polizei zum Teil überklebt und teils entfernt. Das Bezirksgericht hat die Anordnung der Staatsanwaltschaft auf vorläufige Beschlagnahme bestätigt. Gegen den noch unbekannten Drucker ist das Strafverfahren bereits eingeleitet. Die Tiroler Landesregierung hat ferner die angekündigte Versammlung verboten mit der Begründung, daß die Gefahr der Beeinflussung des Gerichtes gegeben erscheine. WevbdJlbcniwttenjür^ Das Kriegerdenkmal für tausend gefallene Juden. Die Enthüllungsfeier auf dem Zentralfriedhof. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien, welche während des Weltkrieges bemüht war, die Not jener Familien zu lindern, die mittellos von Haus und Hof geflüchtet, in des Reiches Hauptstadt Zuflucht suchten, sich aber auch der Familien Eingerückter annehmen mußte, war in den Nachkriegsjahreu zunächst bestrebt, den Witwen und Waisen der auf dem Felde der Ehre Gefallenen hilfreich beizustehen. Dann erst konnte daran gegangen werden, dem Andenken jener Angehörigen dieser Gemeinde, die ihr Leben dem Vaterland geopfert haben, ein dauerndes Denkmal zu setzen. Inmitten der Heldengräber auf der Israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes wurde von Künstlerhand das Denkmal aufgerichtet, welches die Namen jener jüdischen Helden verzeichnet, die durch den Krieg dahingerafft, auf den Wiener Friedhöfen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. G edenk tafeln, die in der Zercmonicnhalle an würdiger Stelle angebracht wurden, verzeichnen die Namen jener Gemeindeangehörigen, welche vor dem Feinde gefallen, fern von der Heimat zur ewigen Ruhe gebettet worden sind. Pietätvoll wurden aber auch die Gräber jener Glaubensbrüder mit Denksteinen versehen, welche, nachdem sie in treuer Pflichterfüllung auf der Seite unserer damaligen Feinde gekämpft, in Gefangenschaft geraten und hier den Kriegsverletzungen erlegen waren. An dem Vortage des Versöhnungsfestes, an welchem es dem alten jüdischen Brauche entspricht, die Gräber teuerer Dahingeschiedener zu besuchen, wurde nun in diesem Jahre in feierlicher Stunde die Enthüllung und Weihe der Kriegerdenkmäler auf der Israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes in Wien vorgenommen. Die meisten Reden betonten den Geist der Kameradschaftlichkeit, der alle verband, *die auf dem Felde der Ehre ihren Mann stellten, der alles Trennende überbrückte und keinen Unterschied sozialer oder konfessioneller Natur aufkommen ließ. Sie bildeten aber auch die beste Widerlegung der häßlichen Angriffe und Verdächtigungen, die von gewissen Schürern der Zwietracht herrühren und die gegen die jüdischen Bürger die völlig unberechtigte Anklage erheben, daß sie in den Schicksalsstunden für Staat und Volk nicht den anderen gleich ihre Pflicht erfüllt hätten. Diese schändlichen Angriffe wurden allerdings längst auf Grund der Statistik entkräftet, allein wenn es eines weiteren Beweises für die Unstichhältigkeit bedürfte, dann erbringt ihn sicherlich die stumme Sprache der Gräber. Sie kann nicht verfälscht und nicht mißdeutet werden. * * V Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde hat durch die ernste, würdige Feier, die sie am Sonntag Vormittag ihren im Weltkriege gefallenen Helden widmete, sich selbst geehrt. Oer Vortag des Jörn Kippur. an dem die Juden nach alter Vater Sitte dem Besuche der Gräber obliegen, galt diesmal dem Gedenken der vielen jüdischen Opfer des Weltkrieges, die mit ihrem Blute die Treue zum Vaterland bewiesen haben. Oesterreich, das diesen Helden große Dankesschuld zollt, vertrat denn auch sein Regierungschef Bundeskanzler Hans

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