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Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 die Wahrheit seinen (jedenkstein, alle zusammen gekrönt durch das Denkmal, dort draußen bleibet den Trauernden e i n Trost, ein armer zwar, aber immerhin das Bewußtsein, daß sie das Fleckchen Erde sehen, das ihnen birgt, was ihren Herzen so teuer. Die aber, deren Namen hier auf diesen Tafeln eingegraben sind, sie ruhen nicht hier; irgendwo, oft, wer weiß wo. Namen, Namen, Namen! Und meistens uns wohl unbekannt, unbekannt, wie jener unbekannte Soldat, vor dessen Todesmut sich sein Vaterland verbeugt. Und auch wir beugen uns vor den einstigen Trägern dieser Namen, die nicht hier ruhen, hier aber Gatten, Väter, Söhne, Brüder gewesen. Und darüber hinaus: Dort neben dem Kriegerdenkmal Gräber von einstigen Feinden, die hier als Gefangene letzte Ruhestätte in fremder Erde gefunden haben. Von einstigen Feinden! Wie furchtbar weltfremd berührt uns heute das Wort. Menschenbrüder, die jetzt so friedlich nebeneinander ruhen und einst Tod einander erdacht und gebracht. Bei der Schilderung der Erschaffung des Menschen fügen unsere Weisen hinzu, daß Gott Staub aus allen Gegenden dazu genommen; keine Gegend sollte das trotzige Recht zu haben glauben, ihre Kinder als die bevorzugten Menschen betrachtet wissen zu wollen; und wie im Tode der Große und Mächtige und der Kleine und Bedürftige gleich ist, so soll im Leben keiner sich erhaben dünken über dem anderen. Und der Name des morgigen größten Festes, der Tag der Versöhnungen, erhaben über Neid und Mißgunst, über Haß und Zwietracht, über Feindschaft und Gegnerschaft, erhält auf jenen Gräbern ein erschütternd echtes Bild. So ist es eine Feier der tiefsten Trauer, hier auf dem Orte, den der Jude mit der „Welt der Wahrheit" in Verbindung bringt, wo uns Gott, dessen Siegel die Wahrheit ist. lehrt, daß wir dem Welt- Am Freitag veränderte sich die Physiognomie dieser Stadt und es herrschte überall ein lebhaftes Treiben, denn es war nicht nur der Wochenmarkt, der dies bewirkte, sondern auch das Rüsten für den kommenden Sabbath. Da gab es einen förmlichen Sturm auf die Schlachterläden und jeder war natürlich bemüht, ein recht gutes Stück Fleisch zu Schabbos mit nach Hause zu bringen. Die Menschen waren hier sachverständig und ließen sich beileibe nichts in die Hand drücken. Das konnte dann oftmals erregte Aussprachen herbeiführen, wenn die Ansprüche der Kunden zu weitgehend waren. Jeder hatte besondere Wünsche und sogar „Selig Pott" bedang sich, das sein ..Flasch" nit so moger und ach nit zu fett" sein solle. Und jeder erhielt das Seine. Es gab aber auch manche, die kaum zu befriedigen waren wie die alte Fradje Herz, der das Fleisch immer noch nicht fett genug war; da rief ihr dann der erboste Schimon Leib zu, daß sie froh sein könnte, wenn sie nur halb so viel Fett an ihrem Körper hätte. Einer anderen Nörglerin, und zwar der als „Ruttlerin" (Klatschbase) bekannten Veilchen Hirsch entgegnete Leib auf deren Bemängelung, d3ß ihr Stück zu mager sei, bei diesen miesen Zeiten könnten die Menschen kein Fett ansetzen, weshalb man es ebenso wenig von den Behemcs verlangen könne. Am Sabbath aber hatte jeder seinen Braten und es herrschte wieder Friede und Eintracht an allen Ecken und Enden. Den Inbegriff aller Wonnen bildeten für die Jungen eine Ausfahrt aufs Land, wenn der Vater zum Vieheinkauf hinausfuhr und man mitfahren durfte. Da ging es dann hinaus in die gesegneten Gefilde der Marsch, vorbei an fetten Viehweiden, au Gehöften und an den Dörfern, bei strahlendem Sonnenglanz und jubelndem Lerchenschlag! Da gab es dann, indes der Vater mit dem Bauer unterhandelte, ein großes Glas köstlicher kuhwarmer Milch! O, du schöne, unvergeßliche Jugendzeit. — Wer einmal an schönen Sommertagen eine Landpartie in diese frische ländliche Umgebung macht, dem werden diese Eindrücke unvergeßlich bleiben. (Fortsetzung folgt.) TEPPICHHAUS AKTIENGESELLSCHAFT l., BauenraiarKf Nr. 10-12-14 vii., nariahliierstraße Nr. OA (Ecke Zieglergasse) W TEPft*lCHE VORHÄNGE raÜBEESTOFFE UMOUEUra DECKEN Größte Aiswahl! Billigste preise! geist näher stehen als sonst, wenn wir uns erheben; in diesem Sinne wird die Feier der tiefsten Trauer auch eine Feier erhebendster Innigkeit. Des griechischen Tragikers Wort hat recht: Vieles Gewaltige lebt, nichts Gewaltigeres als der Mensch. Der Mensch, der auf den Ruinen des Hasses und der Zerstörung ein Denkmal der Liebe und der Versöhnung erstehen läßt. Vieles ist umgewertet worden, im Kriege und nach demselben; aber Pietät gegen den Toten gibt uns unvermindert tröstenden Ausblick. Ist der Vater gestorben, tritt der Sohn hin vor den heiligen Schrein und nach altehrwürdiger Sitte spricht er das Kaddisch-Gebet. Es ist kein Totengebet, sondern die Betonung der Unendlichkeit der Kette, der Kette derer, die am Glauben festhalten, der Kette der Pflichtenharmonie. Und dieses Gebet sagen wir in Dankbarkeit ihnen, die gestorben sind für den Schutz der Heimat, für die Ehre des Vaterlandes, nicht zuletzt zur Ehrenrettung des Judentums, in dessen Sinne sie, den andern gleich, Gut und Blut geopfert. Sie haben durch den Tod Kaddisch gesagt, haben, echte Glieder der alten Kette, geheiligt den großen Namen des ewigen Schöpfers. Sagen wir ihnen Kaddisch des Gedenkens und der Dankbarkeit. Aber darüber hinaus soll der Augenblick erheben. Das einzig wahre Kriegsziel muß der Frieden sein, der w a h r e Frieden. Vor der Majestät des millionenfachen Todes, Schmerzes und Wehs muß der Streit verstummen- „Die auf den Morgen warten", nannte sich nach des Psalmisten Wort manch fromme Gemeinde. Auf den Morgen warten, das haben so viele Kämpfer an der Front in schwersten Nächten getan, das tun wir Juden seit Jahrhunderten, wie es die Menschheit seit einem Jahrzehnt voll Sehnsucht und Bangen tut. Beugen wir uns in Wehmut vor denen, die das Wort des großen Dulders zur Wahrheit gemacht: einen Heeresdienst hat der Mensch auf Erden, seinen Platz zu behaupten in stetem Pflichtgefühl. Und kommt einst der Tag heran, an dem des Propheten Wort in Erfüllung geht, daß man die Schwerter umschmiedet zu Pflugscharen und die Spieße zu Winzermessern, daß nicht mehr erhebt ein Volk gegen das andere das Schwert und daß man den Krieg nicht mehr lernt, dann wird man auch mit Dankbarkeit die Namen lesen, deren Schrift wir jetzt enthüllen und deren Träger in Frieden ruhen mögen zur Ehre und zum Segen! Amen.

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