Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 KUNEROL ist f eines Kofcosnuöfctt and wird anter streng rituellerAufsidit des Herrn Bezirksrabbiners S.Ehrenfeld zu Mattersburg erzeugt. Daher kann es jeder Streng* gläubige zur Zubereitung der Speisen verwenden. unserer Hände Arbeit, mit äußerem und innerem Frieden: „Scholaum, scholaum lorochauk welakorauf!", Frieden den Fernen und den Nahen! Das ist unser Wunsch an jenem schönen Feste, das wir wie vor Jahrtausenden so auch heute zur Ehre des Allmächtigen im Angesichte des unermeßlichen Sternenhimmels in' den laubbedeckten, blumenbekränzten Hütten begehen._ Das einzig wahre Kriegsziel ist der Friede. Gedenkrede Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Prof. Dr. J. M. Bach anläßlich der Enthüllung des Kriegerdenkmals und der Gedenktafeln für die im Weltkrieg gefallenen jüdischen Helden. Eine Feier voll tiefster Trauer, aber auch voll erhebender Innigkeit hat uns heute hier zusammenberufen. . . Voll tiefster Trauer! An dem Orte, wo es gewöhnlich Abschied nehmen gilt mit frisch blutender Wunde, werden alte Wunden, kaum vernarbt, wieder aufgerissen. Wenn auch die Tage, die wir durchkämpfen, kaum dazu angetan sind, uns vergessen zu lassen, was wir schaudernd miterlebt und mitgelitten haben, so läßt uns die dahineilende Zeit mit ihrem Hasten und Jagen, das uns ganz in Anspruch nimmt, nicht immer an den tausendfach erlebten Tod denken. Hier und in dieser Stunde tritt er wieder an uns heran; und doppelt schmerzen die Narben, da wir die Wunden so sehr gefühlt. Auf Gassen und Straßen und Plätzen fällt Laub, wird zusammengetragen, Laub des Herbstes, überreif, wie es im Verblühen der Natur gefallen. Die aber, die der Tod hier zusammengebracht, sie sind im Sommer oder gar im Frühling eines frischen, frohen Lebens, ihres strebenden Wirkens gefallen. So viele Menschen, die im Donnergebrüll der Geschütze, im furchtbarsten Zusammenklingen von todbringenden Waffen ins Reich des ewigen Schweigens hinüber mußten, haben erfahren, was uns, tief gläubigen Herzens, morgen um die Mittagsstunde entgegentönt: Am Versöhnungstage, dem heiligsten des Jahres, dem erhabensten aller Tage, wird jedem das Schicksal besiegelt, wer des Lebens Ziel und Ende erreichen darf; wer sterben muß, ohne es erlebt zu haben. Und so unglaublich es dünkt, auch diese Trauer kann noch schmerzende Steigerung erfahren. Denn dort draußen, wo jene Opfer des Krieges ruhen, die Söhne unserer Stadt gewesen, jeder geehrt durch „von dem Pferd, das hinieden in Frieden geschieden von dieser Erd'." Waren die Tage heiß und schwül, so ließ es sich im Grase des der Stadt vorgelagerten Deiches gut ruhen. Der Eider Brise gab erfrischende Kühlung. Nicht ratsam ist es, diesem tückischen gelben Gewässer zu nahe zu kommen und wehe dem Unglücklichen, der hier hineinfällt! Gegen die Gewalt dieser Strömung vermag selbst der kräftigste und geübteste Schwimmer nicht aufzukommen und der schlammige Boden hält sein Opfer fest. Nur unter Aufbietung aller Kraft gelingt die Bergung des Verunglückten und dann ist es in der Regel schon zu spät. Viele tragische Fälle meldet die Chronik, und wäre die Brücke, die jetzt zum Dithmarscher Land hinüberführt, schon vor Jahrzehnten gebaut gewesen, vielen Menschen wäre ein grausamer Tod erspart geblieben. Wollte man früher nach Dithmarschen oder von dort zurück, so regelte ein Pfrahm, der an langer Kette von Ufer zu Ufer gezogen wurde, den Verkehr. Auf diesem Pfrahm hatte ein Fuhrwerk bequem Platz. Vor etlichen Jahrzehnten ereignete es sich, daß das Pferd eines Fuhrwerkes scheute, über den Rand der Fähr sprang, Wagen und Insassen nach sich ziehend. Die sofort nach Bergung der Verunglückten vorgenommenen Wiederbelebungsversuche verliefen ergebnislos und unter allgemeiner Trauer wurden die auf so tragische Weise ums Leben Gekommenen zu Grabe getragen. Auch ein braver jüdischer Bürger dieser Stadt, einer der schon erwähnten starken Männer, fand seinen Tod in dieses Stromes Fluten. Er war, wohl zum Vieheinkauf, in Dithmarschen und soll in der Dunkelheit vom Wege abgeirrt sein, oder, was allgemein behauptet wird und auch wahrscheinlich klingt, er wollte im Vertrauen auf seine enorme Körperschaft ohne den Pfrahmwärter die Fähre selbst heranziehen und mag dadurch ins Wasser gestürzt sein. Erst nach vielen langen Wochen entdeckte man die Leiche des von seiner Familie schmerzlich Vermißten, der ein aufopfernder Familienvater und ein frommer, aufrechter Jude war. Die Treene dahingegen, auf der anderen Stadtseite, bietet ein Bild voller Schönheit und Heblicher Idylle: hier wird gerudert und geangelt und manchen schmackhaften Fisch hat man dem nassen Element entzogen und nach Hause gebracht. Ein Muster gottgefälligen Lebens bot der Lehrer der Gemeinde, „Onkel Bernhard" genannt, der in einem kleinen Häuschen neben der Synagoge mit seiner alten, edelmütigen Mutter ein beschauliches Dasein fristete. Er war Chasen. Lehrer und Schauchet zugleich; den Mohul verschrieb man sich im Bedarfsfalle aus Rendsburg, Kiel oder Altona. Onkel Bernhard versah sein Amt mit einer Gewissenhaftigkeit, die ihresgleichen suchte. Vor allem war er ein vorbildlicher Chasen, wie es auch sein seliger Vater dieser Kehilla gewesen sein soll. Er verfügte über eine, wenn auch nicht umfangreiche, so aber um so mehr angenehme und modulationsfähige Stimme und seine Nigunim bildeten das Entzücken der Gemeinde. Nie wieder nach seinem Fortgang erhielt die Gemeinde einen Vorbeter, der es hierin mit ihm hätte aufnehmen können. Aber auch als Lehrer bewährte sich dieser feingebildete Mann, dem die robusten Friedrichstädter Rangen sicherlich manche herbe Stunde verursacht haben mögen. Eine schwache Seite hatte dieser Edle, und das war die Schechita. Mag es nun seine übergroße Gewissenhaftigkeit gewesen sein oder lag hier wirklich eine Unzulänglichkeit vor: es kam leider zu oft vor. daß das Vieh „treife" war und da wurden die Schlachter, diese Rauhbeine, höchst ungemütlich und gaben dem armen geplagten Manne ihr Mißbehagen recht eindeutig zu verstehen. Kam er dann betrübt nach Hause, so seufzte wohl das Mütterchen, aber es war nicht so tragisch zu nehmen, denn als sich dieser pflichttreue Mann später verheiratete und nach Süddeutschland zog, da war ein einziges Bedauern im Städtchen und die Zeit seines Wirkens blieb unvergessen bis zum heutigen Tage.