Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-10-18 · Heft 42 (18.10.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064237--17539-3087686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5eite 2 DIE WAHRHE11 Art sind und sich auf die p o 1 i t i s c h e n Verhältnisse eines Landes beziehen. Der Lulaw, der Paltnzweig ist uns das Symbol des F r i e d e n s. Nur im Frieden kann sich eine gesunde Volkswirtschaft entwickeln, während der Krieg, abgesehen von seiner Verwerflichkeit vom sittlichen Standpunkt aus, auch der größte Feind der wirtschaftlichen Entwicklung eines Volkes ist. Wenn sich endlich die Erkenntnis allgemein durchsetzen wird, daß ein Krieg mit seinen Zerstörungen und seinem gewichtigen Ausfall an wirtschaftlichen Kräften auch im Falle eines Sieges ein schlechtes „Geschäft" ist, dann wird an die Stelle des Waffenlärms, des Massenmordens und der gegenseitigen Vernichtung der friedliche Wettbewerb der Völker treten. Aber nicht allein der Krieg selbst, sondern auch die Angst vor dem Kriege ist ein schweres Hemmnis der wirtschaftlichen Entwicklung; zwingt sie doch die Völker, die produktiven Kräfte für militärische, also gänzlich unproduktive Zwecke aufzuwenden. Außerdem vermehrt sie die allgemeine Unsicherheit, führt zur Aufrichtung hoher Grenzmauern und hindert schließlich den Abschluß von Geschäftsverträgen auf lange Sicht. Der Bau von Festungen, Kriegsschiffen und Panzerwagen sowie die Unterhaltung starker stehender Heeere verschlingt einen großen Teil des Volksvermögens; das für die Kriegsführung notwendige Geld muß durch hohe Steuern und Zölle aufgebracht werden, welche die Wirtschaft schwer belasten, den Warenpreis erhöhen, die Konkurrenzfähigkeit eines Landes vermindern und den Lebensstandard seiner Bewohner erniedrigen. Neben dem äußeren Frieden ist der innere Friede eine unerläßliche Voraussetzung der ökonomischen Wohlfahrt eines Volkes. Dieser innere Seuilictcn. Die Stadt der Originale. Erinnerungen aus der Jugendzeit von Rolf Reinstein. (Fortsetzung.) Nahten die Feiertage, so trafen geraume Zeit vorher die umsichtigen Hausfrauen alle Vorbereitungen. Da wurde gesäubert, gewaschen und geputzt, und das ganze Haus wurde auf den Kopf gestellt. Für die Kleinen, bei denen der Jubet groß war, wurden neue Kleider und Schuhe gekauft, kurzum, alles geschah, um den Jomtof würdig zu empfangen. Unvergeßlich die Eindrücke, die das Kind empfing, wenn es am Vorabend des Festes mit dem Vater zur Synagoge gehen durfte, wo der Vorbeter mit schöner Stimme die alten, frommen Weisen sang. In einem Lichterglanz erstrahlte das Gotteshaus, und sogar der große Kronleuchter über dem Aimemor war entzündet. Dann ging es" nach Hause, wo am weißgedeckten Tisch im Scheine der Sabbatlichter der Vater Kiddusch machte und wo man es sich später am Dargebotenen schmecken ließ. War das eine Freude! Und ein schöner Brauch war es, und als unerläßliche Pflicht erkannte man es. daß man der Armen stets gedachte. So machten es denn die Frauen unter sich aus, daß man umsichtig an jedem Freitag oder am Erev-Jomtof des aiten Onkcis Berrisch mit seiner Familie gedachte und ihm Berchis und Speisen zutrug und auch Kleidung. Hier war das Wohltun Tradition. Gaben -doch <Ee Eitern und Vorfahren ein hehres Beispiel. Da mußte man der verblichenen edlen Tante Esther gedenken, die, selbst Mutter einer großen Kinderschar und keineswegs vermögend, ihre Mildtätigkeit so weit trieb, daß sie ihr Silberzeug versetzte, um ..Zedoke" üben zu friede wird uns durch die vierte Pflanze des Feststraußes versinnbildlicht, durch die Hadassah, die M y r t h e. Wie eine Ehe, deren Symbol gleichfalls die Myrthe ist, nur dann glücklich sein kann, wenn die beiden Ehegatten Verständnis füreinander und Vertrauen zueinander haben, so hängt die Wohlfahrt eines Staates im hohen Grade von dem gegenseitigen Verhältnis seiner Bürger zueinander ab. Vertrauen ist die erste Voraussetzung für Handel und Verkehr, für den industriellen und kaufmännischen Kredit, Vertrauen ist die wichtigste Bedingung für das Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wo das gegenseitige Vertrauen fehlt, wird sich niemals eine geordnete, planmäßige Wirtschaft entwickeln. Wer daher aus eigensüchtigen Motiven das Vertrauen zur Währung eines Volkes, zur Prosperität seiner wirtschaftlichen Einrichtungen gefährdet, wer durch Klassenkampf¬ oder Streikhetze das Verhältnis zwischen den Bürgern eines Staates verbittert oder durch politische Umtriebe den inneren Frieden bedroht, versündigt sich an seinem eigenen Staate aufs schwerste und muß als ein Schädling der Volkswohlfahrt angesehen werden. So zeigt uns der Feststrauß eindringlicher als lange staatsökonomische Abhandlungen, welches die Voraussetzungen jeder gesunden wirtschaftlichen Entwicklung sind, und gibt uns in den Tagen, wo wir zu unserer Berufstätigkeit zurückkehren, eine Richtschnur in die Hand, nach der wir das wirtschaftliche und politische Leben beurteilen können. Mögen die Symbole des Feststraußes wirksam werden innerhalb unseres Staates und auf der ganzen Erdenrunde! Möge uns der Allgütige segnen mit der Fruchtbarkeit des Bodens, mit dem Ertrage können. Besonders schön war es. wenn des Frühlings knospende Schönheit oder des Sommers üppige Pracht zum Aufenthalt im Freien einlud. Da konnte man sich im sonnigen Städtchen und in der Umgebung nach Herzenslust ergehen. Friedrichstadt feierte Jomtoi! Sogar der christliche Nachbar erklärte sich zuweilen solidarisch und sagte: „Hut is Jomtof, hüt ward nich arbeit!*) Wie es so schön in einem dänischen Nationalliede heißt, so hatten auch hier wenige zu viel und noch wenigere zu wenig, und jeder hatte sein Auskommen, um das er sich redlich mühte. Wer nun ein besonders schönes und geräumiges Haus besaß, der mochte wohl für reich angesehen werden, wie beispielsweise Onkei „Hatte", der wirklich begüterte Pferdehändler Hartwig, oder Sur Selke. der Viehhändler, oder die „Ditschen". Aber ein sichtbarer Unterschied trat nirgends zutage. Die ganze Gemeinde schien eine Familie zu sein, und wie in einer solchen feierte und trauerte man zusammen und teilte Freud''und Leid. Natürlich konnte es nicht ausbleiben, daß die bei so innigem Zusammenleben üble Begleiterscheinung, der Klatsch, zuweilen sein Unwesen trieb; dieser aber bot ein fruchtbares Gebiet der Betätigung für Selig David, der alles in Versen nach dem bekannten Modus: „Reim' dich oder ich fresse dich" auszumünzen versuchte. Wo sish etwas ereignete, da war es auch schon zur Kenntnis Selig Davids gelangt, der sein Talent daran zu erproben beflissen war. Er wurde infolgedessen bald ebensosehr gefürchtet wie gemieden. Entbehrten seine Geistesprodukte auch jeglichen Sinnes für Schönheit und Form, so waren sie dafür um so drastischer und von geradezu zwerchfellerschütternder Wirkung. Gravitätisch schritt der Gefürchtete täglich das Gebiet ab, die lange Pfeife im Munde und spähte nach „Objekten" aus. Da fiel eines Tages irgendwo ein Pierd und ging ein und Selig David machte hierzu einen Reim •*) Plattdeutsch: Heute ist Jomtof. heute wird nicht gearbeitet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.