Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen maJ4 Vergffenflidmiigcn der „Union dentsdrifeterr. Jaden" «od de» JkudBÜ&e* Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42*2-16 XLV. Jahrgang Wien, 18. Oktober 1929 Nummer 42 Sukkoth. Während wir Juden uns am Neujahrs- und Versöhmmgstage mit den höchsten Gütern beschäftigt haben, welche uns unsere Religion bietet, kehren wir am Laubhüttenfeste zur realen Wirklichkeit zurück und vollziehen in jenen Tagen gleichsam den Uebergang von der innigen Verbundenheit unserer Seele mit Gott zu der Welt des Alltags. Unsere Gedanken weilen nicht mehr in den hohen Regionen der religiösen Erkenntnis, sondern sie wenden sich dem irdischen Leben zu und suchen dieses mit jenen Idealen zu durchdringen, die wir an den vergangenen hohen Feiertagen in ihrer Absolutheit erfaßt haben. . Denn das Judentum ist zum Unterschied von seinen Tochterreligionen eine Religion der Wirklichkeit, eine trotz ihrer unerreichten sittlichen Höhe durchaus diesseitige Welt- und Lebensauffassung. Das Diesseits mit dem Geiste Gottes zu durchdringen und ohne Rücksicht auf Lohn oder Strafe im Jenseits Gutes zu scharfen um des Guten willen, ist jüdisch im wahrsten Sinne des Wortes. Und so kehren wir, den Feststrauß in der Hand, freudigen Herzens ein in die laubbedeckten Hütten, wie das Gesetz es befiehlt: „Denn sieben Tage sollt ihr in Laubhütten wohnen, damit eure Nachkommen wissen, daß ich die Kinder Israels habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus Aegypten führte, ich, der Ewige, euer Gott." (3. B. Mos. 23, 42—43.) Die Hütte, die wir am Sukkothfeste beziehen, hat aber nicht allein religiöse Bedeutung, sie soll uns nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern sie besitzt auch einen auf die Gegenwart bezüglichen Sinn. Sie ist das Symbol des Hausstandes, der geordneten Wirtschaft, sie ist die Voraussetzung der Wohlfahrt des Einzelnen und der Familie. Was eine Behausung, und sei es auch nur der einfachste Unterstand, für den Menschen bedeutet, können wir heute in der Zeit der bittersten Wohnungsnot schaudernd miterleben. Haben wir uns nun in unseren Wohnungen häuslich eingerichtet, dann tritt an uns mit gebieterischer Notwendigkeit die Forderung heran, unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Sorge um das tägliche Brot nimmt daher im Leben der einzelnen wie in dem (ier Völker einen so breiten Raum ein und ist von einer so ungeheuren Bedeutung für-die Gesamtheit, daß die planmäßige Beschali für den Unterhalt Notwendigen, also die wklsTfiaitliehe Tätigkeit der Menschen das Fundament bildet, auf welchem sich die gesamte Kultur aufbaut. Vier verschiedene Voraussetzungen nun müssen gegeben sein, damit sich eine gesunde Volkswirtschaft entwickeln kann, vier Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Volk zu ökonomischem Wohlstand gelange. Diese vier Voraussetzungen werden in wunderbarer Weise durch die vier Pflanzenarten versinnbildlicht, welche sich im Feststrauß vereinigen. Der E t h r o g ist das Symbol der Fruchtbarkeit. Die Güte und sonstige Beschaffenheit des Bodens bildet die primäre Voraussetzung für die allgemeine Wohlfahrt. Wo die fruchtbare Ackerkrume fehlt, müssen andere Bodenschätze, Kohle, Erze, Erdöl usw. den volkswirtschaftlichen Ausfall ersetzen, wofern die ökonomische Grundlage für die Existenz eines Volkes gegeben sein soll. Wir sehen also, daß durch die äußere Natur, die Beschaffenheir des Bodens, Konsignation des Landes usw. die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit, eines Volkes entscheidend beeinflußt wird. Zu dieser Voraussetzung, welche einen für die Wirtschaftslage des betreffenden Volkes bzw. Landes konstanten Faktor darstellt, tritt eine zweite, ebenso wichtige Voraussetzung, welche sich von Jahr zu Jahr ändert. Diese wird uns durch die Awodoh, die Bachweide versinnbildlicht und stellt den Wasserreichtum eines Landes dar. denn die Regen- und Bewässerungsverhältnisse eines Gebietes sind von fundamentaler Bedeutung für die Volkswirtschaft. Nicht mit Unrecht sagten die alten Griechen: „to hydor ariston!" und wollten damit ausdrücken, daß das Wasser das wichtigste Moment im Leben aller Geschöpfe, der tierischen sowohl wie der pflanzlichen ist. Daher beten die Juden am Schlußfeste zu Gott, er möge uns Regen spenden, auf daß die Saat des kommenden Jahres gedeihe. Die angeführten Faktoren beziehen sich also auf die n a t ü r 1 i c h e n Verhältnisse eines Landes. Sie sind aber nicht die einzigen Voraussetzungen einer gesunden Volkswirtschaft. Vielmehr treten zwei weitere Momente hinzu, welche ganz anderer