Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIt i i und außerdem stehen sie auf dem Boden tiefster Religiosität, die da vorschreibt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Jede andere Interpretation der Trauerrede läuft den Tatsachen zuwider und wäre als eine Verbreitung beunruhigender Gerüchte zu ahnden. Eine interessante Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes. Der Fabrikant Gottlieb Mahler in Kemmeibach ist offener Gesellschafter der Firma Brüder Mahler, deren Zentrale sich in Kemmeibach befindet und der auch eine Fabrik, ein landwirtschaftlicher Betrieb und ein Sägewerk in Weißenberg, Gemeinde Neuhofen, gehört, welcher Ort in den Sprengel der jüdischen Kultusgemeinde Linz fällt. Mit Rücksicht hierauf vertrat die Linzer jüdische Kultusgemeinde die Anschauung, daß Gottlieb Mahler, der auch in Weißenberg eine Wohnung habe, Mitglied der Linzer Kultusgemeinde und zur Zahlung der Kultussteuer verpflichtet sei. Die o.-ö. Landesregierung entschied, daß Mahler nicht der Kultusgemeinde Linz angehöre, weil zum „ordentlichen Wohnsitz" es noch nicht genügt, wenn M. in Weißenbach ständig eine Wohnung hält und während des Jahres öfters dorthin kommt. Das Bundesministerium für Unterricht hat diese Entscheidung aufgehoben und erkannt, daß M. der jüdischen Kultusgemeinde Linz angehört und sohin gegenüber dieser Kultusgemeinde steuerpflichtig ist. Nach § 2 des Gesetzes vom 21. Mai 1890 gehöre jeder Israelit der Kultusgemeinde an, in deren Sprengel er seinen ordentlichen Wohnsitz hat. Da M. in Weißenberg eine ständige Wohnung inne hat, dort einen Teil des Jahres zubringt, überdies einen landwirtschaftlichen Betrieb besitzt und Teilhaber einer dort befindlichen Fabrik ist, treffen die Kriterien eines ordentlichen Wohnsitzes zu. Gegen diese Entscheidung brachte M. die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof ein. Dieser hat unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Schuster die Beschwerde als unbegründet abgewiesen, indem er sich der Auslegung des Begriffes „Ordentlicher Wohnsitz" durch das Unterrichtsministerium anschloß. Ueber Veranlassung des Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, hat der Rechtskonsulent der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Schenk, die Linzer jüdische Kultusgemeinde in dankenswerter Weise vertreten. Lederhandschuhfabrik 3#se4 3iadiaqet L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 VemWe&ezaWbA» 25 Jahre Merores-Waisenhaus. „Vor einigen Jahrzehnten, ja sogar noch unmittelbar vor Ausbruch des Krieges wäre der Rückblick auf den 25jährigen Bestand eines Wohlfahrtsinstitutes eine wirkliche Feier und Herzensfreude gewesen. Der übliche Entwicklungsgang einer derartigen Stiftung war früher in der Regel der, daß anschließend an den hochherzigen Stiftungsakt eines Einzelnen isäch im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer neue Gönner und Förderer fanden, die den Bestand des Werkes sicherten und seine Ausgestaltung förderten. Wie ganz anders ist es heute! Ein Rückblick von heute auf die Zeit vor 25 Jahren vermag nur traurig zu stimmen. Nicht, als ob die Menschen weniger gut geworden wären, aber die Verhältnisse wurden so viel schlechter, vor allem durch den Krieg." Fast wäre der Teilnehmer der am Sonntag, den 1. d. M. um K'll Uhr vormittags, stattgefundenen Feier anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Merores-Waiisenhauses versucht, dieser traurig stimmenden Stelle aus der schönen Festschrift des Kuratoriums zu widersprechen. Diese Veranstaltung war „eine wirkliche Feier und Herzensfreude", die besonders dadurch gehoben wuirde, daß der Minister für soziale Verwaltung, Herr Professor Doktor 1 n n i t z e r, persönlich anwesend war. Ferner waren u. a. erschienen: Der Präsident der Kultusgemeinde Professor Dr. Alois Pick, die beiden Vizepräsidenten Dr. Jakob O r n s t e i n und Dr. Josef Löwenherz, zahlreiche Kultusvorsteher, Regierungsrat Guido Fuchsgelb; vom Ministerium für soziale Wohlfahrt Hofrat Professor Dr. Hausmann; Bezirksvorsteher Lorenz; Magistratsrat Bräunlich vom städtischen Jugendamt; der Großpräsident der B.-B. Dr. Schnabel, Kommerzialrat Karl Klemperer als Obmann der Zentralstelle für jüdischsoziale Fürsorge, der Präsident des Bethausvorstandes Doktor E. Münz nebst vielen Bethausvorständen, Herr Siegmund Stiaßny, Sohn des Herrn Baurat Wilhelm Stiaßny s. A., von dem die Pläne für den Bau des Hauses stammten — Bauleiter war Architekt Ignaz Reiser —, ferner mehrere Rabbiner, Hofrat Dr. S. Frankfurter, der Vizepräsident der „Union" Hofrat Ing. Josef Löwy, zahlreiche Vorstandsmitglieder dieser Vereinigung, Sekretär O. Hirschfeld, der Obmann der Bezirkskommission VIII/IX. Baumeister Edm. M e 1 c h e r, die Witwe des ersten Kurators der Stiftung Frau Rabb. Dr. Qüdemann, sodann Frau Dozent Sofie Grünfeld und die Präsidentin des Vereines „Philanthropia" Frau Forster-Beck u. v. a. Nach einem schönen Prolog von Uriel Birnbaum hielt der Obmann des Kuratoriums Herr Präs. Dr. Jakob 0 r n s t e i n die Festrede, in der er zunächst die Anwesenden, insbesondere sehr herzlichst den Herrn Minister Prof. Doktor 1 n n i t z e r begrüßte. Er gab hierauf in anschaulicher Weise einen kurzen Abriß über die 25jährige Geschichte des Hauses und widmete besonders warme Worte dem Gedenken von Frau Charlotte Merores, geborene 11 z e 1 e s, der hochherzigen Gründerin der Stiftung, die ihr ganzes Vermögen, einen Betrag von fast zwei Millionen Kronen, zur Errichtung und Fundierung dieses ihren Namen tragenden Waisenhauses für israelitische Mädchen bestimmte. Dr. O r n s t e i n gedachte ferner des verstorbenen Kurators Oberingenieur Arthur Edler von M i s e s, der mit ungewöhnlicher Energie und Arbeitsfreudigkeit sich der Aktivierung der Stiftung mit Feuereifer annahm, und seines Nachfolgers, Dr. Felix K atz au. Auf dessen Veranlassung konstituierte sich ein Damenkomitee, an dessen Spitze die Witwe nach dem verewigten Oberingenieur von Mises, Frau Adele von M i s e s, stand, die den verwaisten Kindern eine zweite Mutter im wahrsten Sinne des Wortes wurde. Die bei der Feier anwesende Frau Adele von Mises war Gegenstand herzlicher Ovationen der Festgäste und Zöglinge, ebenso wie die rührige jetzige Präsidentin des Ehrendamenkomitees. Frau Prof. Regine Pick, deren überaus hingebungsvolle, keine Mühe und kein persönliches Opfer scheuende Tätigkeit als Freundin der Kinder der Festredner besonders lobend hervorhob. Dieser edlen Tätigkeit ist es zu danken, daß das Waisenhaus trotz der Schrecken der Kriegs- und Nachkriegszeit in fast unvermindertem Ausmaße weiter geführt werden konnte. Dr. Ornstein schilderte die großen Schwierigkeiten dieser Zeit, die beinahe befürchten ließen, das Haus sperren zu müssen. Gerade in diese Zeit fiel die hochherzige Stiftung des