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Die Wahrheit · 1929-12-06 · Heft 49 (6.12.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 Er schloß mit den Worten: „Meine Ausführungen sollten beweisen, daß Lücken im Straf- und Preßgesetz bestehen, die es ermöglichen, die Ehre der österreichischen Juden anzutasten. Ich habe Sie vielleicht mit den Zitaten aus der antisemitischen Hetzpresse das Gruseln gelehrt, aber es ist nicht gleichgültig, wie wir Juden auf solche Lügen, Verleumdungen und Verdrehungen reagieren. Wir dürfen uns über derartige Niederträchtigkeiten nicht erhaben dünken. Wir müssen uns wehren, wenn wir unsere Stellung behaupten wollen. Wir haben einen Feind vor uns, der Zurückhaltung als Feigheit. Mäßigung als Schwäche, nachsichtiges, nobles Verzeihen als Eingeständnis auffaßt. Den Ausschreitungen und Ueberheblichkeiten eines chauvinistischen Nationalismus müssen wir im Bewußtsein allzeit erfüllter Menschen- und Staatsbürgerpflicht mit ruhiger Festigkeit, mit berechtigtem Selbstbewußtsein entgegentreten. Beschämend und zwecklos auf die Dauer ist der Versuch, den giftigen Haß des Feindes durch Anbiederung besänftigen zu wollen, beschämend aber auch, Schleppträger, Mit- oder Nachläufer von Parteien und Gruppen zu sein, die in uns doch nur den Juden sehen. Ferne sei von uns ein Schutzjudentum, in welcher Fasson auch immer!" An das mit großem Beifall aufgenommene Referat schloß sich eine Debatte, an der sich die Herren Hofrat Ing. Josef L ö w y, Moritz Spitzer und Dr. Karl Steiner beteiligten. Vorsprache der „Union" beim Justizminister. Dieser Tage sprach eine Deputation des Vorstandes der „Union deutschösterreichischer Juden" beim Herrn Justizminister Doktor Franz Slama in Angelegenheit der bekannten Eingabe der „Union" zur P r e ß r e f o r m vor. Der Minister erklärte, daß ihm Inhalt und Forderungen dieser Eingabe, die ihm durch das B u ndeskanzleramt zugekommen ist, genau bekannt seien. Der von der Deputation hauptsächlich besprochene Berichtigungsparagraph konnte wohl im Zuge der jetzigen Beratung des neuen Preßgesetzes, welches sich wesentlich als eine Strafprozeßnovelle darstellt, nicht behandelt werden, aber eine bereits für Anfang des nächsten Jahres beabsichtigte Preßgesetznovelle werde auch f ü r eine Reform des Berichtigungsparagraphen Gelegenheit bieten. Der Minister erteilte dem Präsidenten der „Union" in diesem Zusammenhange ausdrücklich die Ermächtigung, mit dem zuständigen Ministerialräte alle in der Eingabe der „Union" enthaltenen Vorschläge eingehend zu besprechen. fJmtlicke QUcudtcuungen, detkraelitistheriKidtw Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 7. Dezember 1929, findet um 3 Uhr nachmittags der Jugendgottesdienst für .die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. Predigten in den israelitischen Gemeindetempeln. Freitag, den 6. Dezember 1929, werden bei dem um 4 Uhr 10 Minuten beginnenden Abendgottesdienste in folgenden Gemeindetempeln Predigten abgehalten, und zwar: I., Seitenstettengasse 4 (Rabbiner Dr. M. Grunwald); XV., Turnergasse 22 (Rabbiner Dr. D. Feuchtwan g). Samstag, den 7. Dezember 1929, findet beim Morgengottesdienste (Beginn 8 Uhr 30 Minuten) im Gemeindetempel XXI., Holzmeistergasse 12 (Rabbiner Dr. M. R osenmann) ein exegetischer Vortrag statt. WaktikdtmTomTp^ „Dar Jud!" Wir . lebten nicht in Oesterreich, hätte man nicht den Versuch unternommen, den Prozeß Singer in eine politische Atmosphäre zu tauchen. Ein Jude hat in abscheulicher Weise ein christliches Mädchen umgebracht und die Hakenkreuzler suchen sofort nach rituellen Motiven. Eine Photographie des armen Opfers mit einer sinnigen Inschrift wird verkauft und dadurch um Sympathie für die Dahingegangene und Antipathie für den Verurteilten geworben. Aber was beweist es gegen das Judentum, wenn ein Jude auch einmal mordet? Gerade wer auf dem Standpunkte steht, daß ererbte Eigenschaften wohl nicht gänzlich dahinschwinden, daß aber über ihnen eine dicke Schichte neuerworbener Menschlichkeiten oder Bestialitäten lagert, wird sich heute über gar nichts mehr wundern. Nicht Richard Singer, der Jude, sondern Richard Singer, der Minderwertige, ist der Täter. Nicht Gemma Matyas, das Christen^ mädchen, fiel in die Hand eines Juden, sondern ein armes, verirrtes, von widerstreitenden Empfindungen durchblutetes junges Weib fiel in die Hände eines hemmungslosen Liebesparasiten. Es kann niemand, der der Gerichtsverhandlung folgte, für Richard Singer auch nur etwas übrig haben. Vielleicht gehört er ins Irrenhaus, vielleicht hätte er dieses nie verlassen dürfen. Aber das ist wahrhaftig eine ganz untergeordnete Frage. Richard Singer ist unter allen Umständen ein Abfallprodukt, der in den jüdischen Kreisen dieselbe verdiente Verachtung gefunden hat wie in den christlichen. Seine Verurteilung war eine gerechte. Endlich! Der Rektor und der akademische Senat der Universität haben beschlossen, die hiesige Hochschulgruppe des nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes wegen Beleidigungen der Universität dauernd zu verbieten. — Um Irrtümern vorzubeugen, sei festgestellt, daß sich zu dieser drakonischen, aber gerechten Maßnahme natürlich nicht der Rektor und der akademische Senat der Wiener Universität entschlossen haben. Solche Energie ist nur in — F r a n k f u r t am Platze. Eine tiefempfundene Leichenrede. Dies ist der Titel einer Notiz der „G e r e i n i gten Zeitung" (Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. Viktor Kienböck), die unlängst in der Wiener Nachmittagszeitung „D i e S t u n d e" erschienen ist. Sie sei hier zur allgemeinen Belustigung, denn die Sache ist natürlich nur satirisch gedacht, wiedergegeben: Auf dem Grabe des auf dem Felde der Bürgerkriegsehre gefallenen Heimwehrmannes hielt der Präsident des Wiener Heimatbundes eine warmherzige Rede, die Tränen in die Augen ernster Männer trieb. Er rezitierte eine Stelle aus dem Alten Testament: Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Man kann daraus entnehmen, daß die Heimwehr absolute Gegner des Antisemitismus sind, weil sonst ihr Sprecher nicht auf das Alte Testament zurückgegriffen hätte,

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