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Die Wahrheit · 1929-12-06 · Heft 49 (6.12.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Trotz erlangt haben, ausschließlich auf ihre materielle Macht zurückführt. Der große Hohenstaufenkaiser Friedrich II. (1197—1250) hätte für die Mentalität der modernen Numerus clausus-Vorkämpfer kein Verständnis gehabt. Er hat jüdische Gelehrte gern zu wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen, und sie haben ihm mit der Entdeckung des Aristoteles, den sie aus dem Arabischen übersetzten, für die christliche Welt gedankt. Die orientalischen Märchenschätze wurden durch jüdische Uebersetzer der europäischen Kultur einverleibt, an den kühnen Entdeckungsreisen, die die neue Aera der Weltgeschichte einleiten, haben Juden teilgenommen, und es ist eine gerade in unseren Tagen oft diskutierte Frage, ob nicht auch Kolumbus, wenigstens der Abstammung nach, zu ihnen zu zählen ist. Es ist daher auch kein Zufall, daß gerade in den Blüteperioden der deutschen Qeisteskultur um 1200 und um 1800 Toleranz den Juden gegenüber von höchster literarischer Warte — von Walter v. d. Vogelweide, dessen 700. Todestag, und von Lessing, dessen 200. Geburtstag Deutschland jüngst feierte — verkündet wurde. Der große Literaturhistoriker Wilhelm Scherer wertet es als ein Zeichen des Verfalls, im Mittelalter wie in der neuesten Zeit, wenn die Fanatiker auftreten, die den Antisemitismus auf ihr Banner geschrieben haben. Es kann auch leider nicht bestritten werden, daß Deutschland seit dem Weltkrieg eine Periode kulturellen Niederganges durchmacht. Wenn ihm wieder ein Aufblühen beschieden sein wird, dann wird es auch die Kulturarbeit der Juden wieder besser zu schätzen wissen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Diese allgemeine richtige Betrachtung der Kulturschande unserer Zeit, des Hochschulantisemitismus, stellen wir dem folgenden Bericht über eine Sitzung des Finanz- und Budgetausschusses des aus Polen stammten und sich im Besitze der früheren Herrscher im Auslande befanden. Als später in der Krakauer „Illustrierten Zeitung" ein Artikel des Rektors der Krakauer Akademie für bildende Künste, Graf Micielski, sich mit der im Wiener Hofmuseum befindlichen Thorakrone der Brodyer Synagoge, die durch ein silbernes Schildchen als Geschenk der Juden von Brody an das Hofmuseum gekennzeichnet ist, eingehend befaßte und den Seltenheits- und Kunstwert dieses Stückes auseinandersetzte, wandte sich die Vertretung der Brodyer Kultusgemeinde an die polnische Liquidationskommission mit dem Ersuchen, unter anderen rückzustellenden Kunstgegenständen auch die Herausgabe der Thorakrone der Brodyer Synagoge anzusprechen. Seltsamerweise versuchte die polnische Liquidationskommission, sich diese Sache vom Halse zu schütteln. Aber sowohl die eindringliche Mahnung der Kunsthistoriker, als auch die unausgesetzten Interventionen des Kultuspräsidiums von Brody bewogen schließlich die Liquidationskommission, die Rückstellung der Thorakrone an die Brodyer Judengemeinde ernster zu betreiben. Und als schließlich die Thorakrone freibekommen werden konnte, verlangte die polnische Liquidationskommission, daß die jüdische Gemeinde von Brody die Kosten der Transportversicherung des „unschätzbaren Wertes" selbst trage. Es handelte sich um eine riesige Versicherungsprämie, die durch die Spende eines in Berlin lebenden reichen Juden aus Brody aufgebracht wurde. Vor einiger Zeit nun konnte der Sohn des Brodyer Rabbiners Steinberg diese nunmehr auch kriegshistorisch berühmt gewordene Thorakrone, die jetzt unter dem Namen die „Karlskrone" bekannt ist, unversehrt in die Synagoge von Brody zurückbringen. D. N. W. (Allgemeines jüdisches Familienblatt, Frankfurt a. M.) österreichischen Nationalrates voran, in der es bei der Behandlung der Kapitel „Unterricht", „Kunst" und „Kultus" zu einer eingehenden Debatte über die Zustände an den Wiener Hochschulen kam. Dabei leistete sich Herr Dr. Jerzabek wieder eine seiner tiefstehenden Hetzreden, die beweisen, wessen man sich von einer Partei zu versehen hat, die diesen traurigen Helden noch immer in ihren Reihen duldet. Da steht dieser öde Schwätzer auf und erzählt in einem wichtigen Ausschuß des österreichischen Nationalrates, die nicht arischen Studenten an der Wiener Universität seien einGesindelausdem Osten und es geschähe ihnen recht, wenn sie ordentlich verprügelt werden. Wieder eine gehässige Fälschung durch vernunftloses Geschwätz, eine schwere Schädigung der Gemeinschaftsinteressen. Die Partei des Abgeordneten Jerzabek, die Wiener Universität und nicht zuletzt die österreichische Wirtschaft werden für den gemeinschädlichen Hetzer büßen müssen. Die Debatte wurde vom Abg. L e u t h n e r eröffnet, der an die Versammlung anknüpfte, die die sogenannte „Deutsche Studentenschaft" in den letzten Tagen an der Universität abgehalten, und an die Rede, mit der der Rektor der Universität Dr. G1 e i s p a c h diese Versammlung eingeleitet hat. Diese „Deutsche Studentenschaft", so wies Abg. Leuthner nach, ist nicht einmal nach dem Vereinsgesetz aufgebaut, sondern lediglich eine Vereinigung von Menschen, denen vom Senat und Rektor gewisse Vorrechte, sozusagen das Recht mitzuregieren, eingeräumt wurde und die an den Kämpfen, die sich an der Universität abspielen, einen sehr tätigen Anteil nahmen. Zur Zeit der Inskription verteilten sie an der Universität Aufrufe, die die Aufforderung zum Boykott jüdischer und sozialistischer Professoren enthalten, aber auch solcher Professoren, die das Verbrechen begehen, nicht völkisch zu sein. Man hat an der U n iversität zwar nicht genug Räume für Lehrzwecke, dafür aber genug Räume für die Heimwehrbestrebungen der Professoren und Studenten. Der Unterrichtsmi nister hat seinerzeit den Vertretern der jüdischen Kultusgemein de beruhigende Erklärungen über die Haltung der Professoren und der Hochschulbehörden in der Judenfrage gegeben. Dabei hat der Minister offenbar übersehen, daß Prof. Gleispach als Universitätsrektor mit seinem Vorwort eine Schrift eingeleitet hat, die sich ausdrücklich zum Antisemitismusbekennt, und in der erklärt wird, daß die Juden nicht zum deutschen Volke gehören. Er richtet an den Minister die Anfrage, ob seine Erklärung mit diesen Tatsachen im Einklang steht. Es wäre hoch an der Zeit, die Rechtsverhältnisse an den Hochschulen klarzustellen. Die Autonomie der Hochschulen, von der so viel gesprochen wird, kann nicht so weit gehen, daß aus den Hochschulen eine aus allen Gesetzen herausgehobene Körperschaft wird, wie dies im Mittelalter möglich war. Die Hochschule hat eine Freistatt de« Geistes, aber nicht eine Freistatt von Uebergriffen und Bübereien zu sein. Nach Abg. G1 ö c k e 1 ergriff der Hetzredner Jerzabek das Wort. Er erklärte, daß an den Hochschulen die Vorschrift bestehe, daß Ankündigungen und Plakate nur von der Studentenschaft angebracht werden dürfe, die nicht politisch eingestellt sei. Man unterscheide an unseren Hochschulen, sagte er, nur zwei Gruppen von Hochschülern: völkische und katholische Studenten. Weder von den einen noch von den anderen werde man behaupten können, — behauptet Dr. Jerzabek — daß sie politisch eingestellte!) sind. Die sozialdemokratischen Studenten hätten nun in einem Kiosk außerhalb der Technischen Hochschule Plakate angebracht, die den Unwillen der deutschen Studenten erregt haben. Die Unruhen hätten sich darauf beschränkt (!), daß man die Verfasser und Verbreiter dieser Plakate durchgeprügelt habe. Da die Technische Hochschule daraufhin gesperrt worden sei, seien die Studenten zur

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