Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite ä Der Jude hingegen wurde schon im Ghetto zu der Auffassung erzogen, das Studium als Selbstzweck zu schätzen. Der Ostjude, der den Talmud „lernt", findet es auch heute noch ganz natürlich, sich sein Brot auf eine mit seinem Studium in keiner Weise zusammenhängende, oft harte und demütigende Art zu verdienen, so wie dereinst der Westjude Spinoza das ihm angebotene Lehramt an der Heidelberger Universität abgelehnt und lieber durch Brillenschleifen den Unterhalt für sein der Philosophie geweihtes Leben gesucht hat. Deshalb ist es von grotesker Komik, wenn heute vorzugsweise die Kostgänger des Staates, das hei(3t der Allgemeinheit: die Beamten, die Offiziere usw. durch das Hochschulstudium der Juden deren „parasitäre" Neigungen bestätigt finden wollen. Die größte Heuchelei ist es aber, wenn auch Universitätsprofessoren sich zu solcher Ansicht bekennen. Denn bei diesen handelt es sich nur darum, einen Keil zwischen die jüdischen und arischen Privatdozenten zu treiben. Diese werden zwar ebensowenig wie jene ins Kollegium zugelassen, wo die Lebensfragen ihres Standes, Habilitierungen und Neubesetzungen zur Entscheidung gelangen, aber sie dürfen sich wenigstens „völkisch" mit den Gralshütern der akademischen Würden eins fühlen. Leider scheinen die arischen Studienbeflissene] 1 diese Ehre nicht ganz nach Gebühr . einzuschätzen, sonst wäre ihr Andrang zur Dozentur so groß, daß die Angst vor der „Verjudung" des Standes auch den größten Schwarzsehern im völkischen Lager absurd erscheinen müßte. Wäre es den Machthabern an Deutschlands hohen Schulen ernst mit dieser Angst, dann müßten sie eine Verbesserung der sozialen Lage der Privatdozenten herbeiführen, statt sich einer solchen zu widersetzen. Denn die heutigen Verhältnisse in diesem Stande locken nur Idealisten, die im Dienste der Wissenschaft auch vor Hunger S. SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT L, Bauernmarkt Nr. 10-12-14 ¥ll., raarlahlilerstraße Nr. qa (Ecke Zieglergasse) IPV TEPPICHE,, VORHÄNGE raOBEE§TOFfE E1NOEEUM HECKE! Größte Auswahl! Billigste Preise! und Elend nicht zurückschrecke*!. Wenn nun die Tatsachen lehren, daß dieser Umstand die „Verjudung" der Hochschulen fördert, dann beweist dies eben aufs neue, auf welcher Seite die wahren Idealisten zu suchen sind. Zum physischen Hunger, der jetzt noch durcli die Entwertung der Vorkriegsstipendieu verschärft ist, treten für den jüdischen Akademiker auch seelische Demütigungen als Nagelprobe seines Idealismus. Dieser hat aber alle Heimsuchungen ungebrochen bestanden, und ein Mittel, die Wege zu Bildung und Wissen dem, der ehrlich und opfermutig danach strebt, zu verrammeln, gibt es nicht. Man kann ihm im schlechtesten Falle die offizielle Bescheinigung über seine Kenntnisse vorenthalten, doch niemals die Kenntnisse selbst. Die wahre Macht liegt aber im Wissen und nicht in den Diplomen! Schon im tiefsten Mittelalter haben sich die Juden wissenschaftlich durchzusetzen verstanden; es ist durchaus irrig, wenn man den Einfluß, den sie damals zeitweilig allen sozialen Hemmungen zum seine Freundschaft für die Juden bekundet habe und den Wunsch äußerte, daß aus diesem Mantel eine Decke für jenen Tisch verwendet werden solle, auf welchem die Thora zur Verlesung gebracht wird und die heiligen Akte des Gottesdienstes vollzogen werden. Die Offiziere wählten die schönsten Stücke, darunter auch die herrliche Thorakrone, für die Dekorierung des Sokolsaales aus, und nun handelte es sich darum, diese Gegenstände auch unbemerkt zum Festsaale zu bringen. Da verfiel Sekretär Holzsäger auf eine originelle Idee. Er lud die gewählten Gegenstände auf eine Totenbahre, bedeckte sie mit dem schwarzen Bahrtuch und schaffte sie mit Hilfe seines Bruders an den Bestimmungsort. In der Stadt dachte man nicht anders, als daß der Sekretär mit seinem Bruder eine „arme Leiche" auf den Friedhof schaffe, und so gelangten die seltenen Dekorationsstücke aus der Brodyer Synagoge in den Sokolsaal. Der Empfang für den Thronfolger an jenem Abend verlief in sehr gehobener Stimmung. Nach dem Bankett hielt Erzherzog Karl Cercle, im Verlaufe dessen er den Vertreter der jüdischen Gemeinde über den Schaden, den die Juden der Stadt durch die Russeninvasion erlitten haben, befragte und das Versprechen gab, daß der Schaden gutgemacht werden würde. Der Thronfolger besichtigte nun die einzelnen Dekorationsstücke und blieb wie gebannt vor der herrlichen Thorakrone stehen. Lange betrachtete er dieses seltene Kunstwerk und meinte schließlich, als er erfuhr, daß es von der jüdischen Gemeinde beigestellt wurde: „Die Krone ist ein prachtvolles Stück. Sie gefällt mir außerordentlich, ihr Platz wäre eigentlich im Wiener Hofmuseum." Die anwesenden Vertreter der Judengemeinde blieben wie versteinert, als sie diesen befehlsartigen Wunsch des Thronfolgers vernahmen. Bald hernach wurde eine Kiste unter besonderen Schutzmaßnahmen von Brody nach Wien befördert. In der Kiste befand sich wohl auch eine herrliche Thorakrone. aber es war nicht diejenige, welche im Sokolsaal zur Dekoration für den Empfang des Thronfolgers gedient hatte. Diese war als ein nicht nur wertvoller und kunsthistorisch seltener Gegenstand, sondern auch als historische Reliquie für die jüdische Gemeinde von so großer Bedeutung, daß sich die Vertreter der Gemeinde nicht von ihr lossagen wollten, und so beschlossen sie, dem Wunsche des Thronfolgers wohl zu entsprechen, indem sie eine der Ausführung und im Wert kaum abzuschätzende Thorakrone ans Hofmuseum in Wien beförderten, die andere jedoch wieder in Sicherheit brachten. Hofrat Schlosser vom Hofmuseum erkannte wohl sofort, daß er nicht das richtige Stück erhalten habe, aber auch dieses Kunstwerk hat am Hof große Bewunderung hervorgerufen, was schon aus dem folgenden Dankbrief ersichtlich ist: „K. k. StatthaJterei in Brody, 13497—1916, den 4. Juni 1916. An den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Brody! Lieber Wunsch seiner kaiserlich und königlichen Hoheit übersandte die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde in Brody dem Hofmuseum Kaiser Franz Josefs eine silberne Thorakrone. Seine kaiserliche Majestät Kaiser Franz Josef befahl, dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Brody für dieses den Sammlungen des Monarchen gewidmete Geschenk den Dank auszusprechen, wovon die Statthalterei in Brody den Kultusvorstand hiermit in Kenntnis setzt." Unterschritt unleserlich. Im Jahre 1918 war die Befreiung Polens vollzogen und eine Liquidationskommission begann die Verhandlungen wegen Herausgabe aller Kunstgegenstände und wertvoller Güter, die