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Die Wahrheit · 1929-12-06 · Heft 49 (6.12.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 49 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEH außerstande, eine solch elementare Bewegung niederzuhalten. „Jüdische Finanz und jüdische Börsenpresse", mit diesen Stichworten kämpft die Führung der uns umgebenden Mehrheit gegen wirtschaftliche Probleme, gegen die Auswirkung der Gegensätze von Stadt und Land, von Kapitalbeherrschung und Bodenbesitz. Und dies alles unter der Flagge idealer Bestrebungen, unter dem Stichwort: Kampf gegen den Materialismus, Krieg der jüdischen Weltherrschaft! Es wird die Leser dieser gediegenen Abhandlung interessieren, daß der bekannte Autor Heinrich York-Steiner auf dem 4. Sprechabend der „Union" am Donnerstag, den 12. Dezember, im Wissenschaftlichen Klub (VI., Dreihufeisengasse 1) die Entstehung seines Buches (mit Vorlesung markanter Stellen) schildern wird. Hochschulantisemitismus. Die Entlarvung einer Phrase. Nach dem berüchtigten Vorbild der ungarischen und Wiener Hochschulen ist nunmehr auch in Deutschland und der Tschechoslowakei eine angestrebte Einschränkung der Lern- und Lehrtätigkeit für Juden zur Diskussion gestellt. Die reichsdeutsche völkische Organisation „Deutsche Studentenschaft" erscheint dabei deutlich in zwei Lager gespalten. Die einen streben friedliche Bereinigung der Frage an, und haben ihren Führer seinerzeit zu der internationalen Studentenkonferenz in Bierville entsandt, die anderen sind für brutale Gewalt und haben sich jüngst nicht gescheut, auf der Berliner Universität die „Waffenhilfe" nichtakademischer Rowdys gegen Sewillctcti Romantik des Weltkrieges. Vor kurzem hat ein langwieriger Prozeß zwischen der polnischen Liquidationskommission und dem österreichischen Staat seinen Abschluß gefunden, durch welchen die jüdische Kultusgemeinde in Brody wieder in den Besitz ihres wertvollsten Thora-? ' schmuckes, der unter dem Namen „Karlskrone" bekannt ist, gelangt ist. Die Karlskrone aus der Brodyer Synagoge hat eine recht romantische Kriegsgeschichte. Es war im Jahre 1916, der Weltkrieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, die Stadt Brody wurde eben von den im Rückzug begriffenen russischen Truppen evakuiert. Nicht weit von Brody entfernt stand die österreichisch-russische Front. Böhm- Ermoli war der Kommandant der zweiten Armee, welcher bekanntlich fast der gesamte österreichische und ungarische Adel zugeteilt war. Stadtkommandant von Brody war der Inhaber des 14. Husarenregiments von Kundgraber. Auch der Platzkommandant war ein Mitglied des hohen Adels; seine Frau, die einstige Erzieherin des Thronfolgers und späteren Kaisers Karl, war Leiterin des im jüdischen Spital untergebrachten Feldspitals. Eines Tages erschien in der Kanzlei der jüdischen Gemeinde ein Offiziersdiener beim Gemeindesekretär Holzsäger und ersuchte ihn, auf die Straße zu kommen, wo zwei Offidie jüdischen Kommilitonen in Anspruch zu nehmen. Am bedauerlichsten ist es, daß auch die katholische Studentenschaft, wie sich bei einer Abstimmung in Würzburg zeigte, für den Numerus clausus gegen Juden zu haben ist. Welche Verwirrung in den jugendlichen Köpfen. Der Antisemitismus gipfelt bekanntlich in der Anklage gegen die Juden, daß sie ein Parasitenleben auf Kosten ihrer Wirtsvölker führen, deren Lebenssäfte sie wucherisch ausbeuten. Eine so begründete Politik hätte, um ihre Berechtigung darzulegen, den Nachweis von der Unfähigkeit der Juden zu erbringen gehabt, sich über die Wucher-Existenz hinaus zu entwickeln. Statt dessen hören wir den Hochschulantisemitismus Lärm schlagen, weil die Juden ihrer „HinaufPflanzung" im Sinne Nietzsches nicht nur keinen Widerstand entgegensetzen, sondern sie sich im Gegenteil höchst angelegen sein lassen und zu ihrer Erreichung weder materielle noch moralische Opfer scheuen. Solch beispielloser Feuereifer nach Bildung und Wissen straft zwar das antisemitische Geschrei vom Materialismus der Juden gründlich Lügen, liefert aber den Unentwegten vom Hakenkreuz nur ein neues Schlagwort: das von der jüdischen „Herrschsucht". Und doch haben gerade antisemitische Statistiker in ihrem Uebereifer, die Verjudung gewisser Berufe zu brandmarken, bewiesen, daß die akademisch graduierten Juden weniger der staatsbeherrsehenden Bürokratie „zustreben", als vielmehr den „freien'' Berufen der Advokaten, Aerzte usw. Wenn in diesen Berufen die jüdische Prozentnorm „erschreckend" hoch ist, so hat das seinen Grund in der Scheu der arischen Akademiker vor dem freien Wettbewerb der Kräfte. Sie betrachten ihr Hochschuldiplom als ein Versorgungsdekret an der Staatskrippe. ziere ihn zu sprechen wünschten. Nur ungern folgte der Sekretär der Aufforderung. Als er dann doch auf die Straße ging, warteten dort zwei Herren auf ihn, ein Offizier und ein Mann in Uniform mit den Intelligenzstreifen mit dem Aufdruck „Kunst". Der letztere stellte sich als Kriegsmaler Professor Adams vor. Der Offizier teilte hierauf Sekretär Holzsäger mit, daß am selben Abend die Ankunft des auf einer Inspektionsreise befindlichen Thronfolgers Erzherzog Karl erwartet werde, dem zu Ehren im Sokolsaal ein feierlicher Empfang bereitet werden soll. Das Empfangskomitee befindet sich wegen der Dekorierung des Saales in großer Verlegenheit, und da den Offizieren bekannt ist, daß die Brodyer Synagogen über viele wertvolle Synagogengeräte aus Edelmetall sowie zahlreiche kunstvoll gearbeitete Vorhänge und Decken verfügen, stellen sie an die jüdische Gemeinde das Ersuchen, einige dieser Gegenstände für die Dekorierung des Sokolsaales zum Empfang des Thronfolgers herzuleihen. Der Gemeindesekretär gab seine Zustimmung und bat die Offiziere, ihm in die große Brodyer Synagoge zu folgen. Der Tempel bot damals einen recht traurigen Anblick. Kein wertvoller Vorhang, keine Tischdecke auf dem Almemor und auch keine der teuren silbernen Geräte war zu sehen. Der Sekretär erklärte dies freimütig damit, daß die Gemeinde, als die Invasion der Kosaken bevorstand, alle wertvollen Kulturgegenstände in einer Kassette unter der Diele der Synagoge vergraben ließ, um sie vor den Plünderungen der Russen zu sichern. Nun wurde diese Kassette wieder ausgegraben. Die österreichischen Offiziere standen sprachlos da, als sie dieser unschätzbaren Gegenstände ansichtig wurden. Unter den verschiedenen silber- und goldgestickten Vorhängen fiel ganz besonders die für den Almemor bestimmte Tischdecke auf, die unter dem Namen „Kardinalsmantel" in der Schatzkammer der Gemeinde gehütet wid. Es soll das das Geschenk eines Kardinals sein, der vor mehreren Jahrhunderten auf diese Weise

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