Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 -inim 1 n*miMiiiniHHiMiUiui«n^nitntinnnnHiiuium-lUiuiui:iittiiHiiuiiituii;nimuin[h;n:;iiuni! qj£ WAHRHEIT sich an sein Vorbild im Kino AI J o 1 s o n erinnerte, der erst jetzt wieder ein zahlreiches Publikum im Tonfilm „Der singende Narr" entzückt. Da iindet dieser Schauspieler Gefühlstöne, die seine jüdische Abstammung verraten. Hier aber posiert ein Operettenkomiker den verlorenen Sohn, der seine Freude an Jazzliedern findet. (Und diese Jazziieder haben uns ebenso gründlich mißfallen wie dem alten Kantor.) Wirklich gut waren nur Viktor Franz (auf „Ehrenwort", das er ständig im Munde iührt) und der kleine Bocher Rudi Wasservogel. Alles in allem: ein verlorener Abend, auch iür das Judentum, das dieses Machwerk darstellen soll, so verloren wie — sein Bearbeiter. 0. Ii. Qlcrreix. Zehn Milliarden soll der ruhige Verlauf der Aufmärsche und der Versammlungen gekostet haben, die von den Heimwehrleuten und Sozialdemokraten am 29. September veranstaltet wurden. Die Führer der beiden „Volksbewegungen" könnten nunmehr stolz und selbstbewußt auf Heller und Pfennig ihren Anhängern bei nächster Gelegenheit vorrechnen, was sie zur Linderung des Elends der Aermsten an einem einzigen Tage zu leisten vermögen! An einem Tage, an dem sie angestrengt im Schweiße ihres Angesichtes nur eine Arbeit durchzuführen hätten: zu Hause zu bleiben. * * * Big Chief White Horse-Eagle aus dem Stamme der Osaka, der 107 Jahre alte Häuptling aller Indianerstämme, versicherte in einer feierlichen Ansprache, er habe es für die höchste Zeit erachtet, im Dienste zweier Aufgaben, die ihn beseelen, die europäischen Hauptstädte aufzusuchen. Die brave Rothaut will erstens Vorlesungen über die erhabene uralte Kultur der Indianer halten, über die angeblich sehr falsche Ansichten kursieren. Zweitens aber möchte der schwer aussprechliche Herr, obgleich er erst seit acht Dezennien im christlichen Glauben lebe, die Europäer an die Lehre mahnen, daß die Menschen sich als Brüder und Schwestern einander nähern mögen. Es mag ja sein, daß es dem edlen Häuptling gelingen wird, die bei den Europäern verbreitete Meinung bezüglich der einstigen menschenfresserischen Neigungen seiner Ahnen zu entwurzeln. Aber bei seiner zweiten Mission dürfte er schon größere Schwierigkeiten zu bekämpfen haben. * * * Die rumänische Akademie der Wissenschaften hatte bekanntlich als Alleinerbin eines Riesenvermögens im Sinne des von dem Großkaufmann Geias vor Jahren verfaßten Testamentes der Wiener türkisch-israelitischen Gemeinde ein jährliches Legat von 15.000 Kronen zu zahlen. Die rumänische Akademie der Wissenschaften, die Alleinerbin des jüdischen Riesenkapitals, war sehr schwer auf dem Vergleichswege dazu zu bewegen. der jüdischen Gemeinde nach dem Sturze der Krone eine höhere Rente als 7 S 50 g pro Jahr zu bewilligen. Die spontane, freiwillig übernommene Valorisierung des ohnehin bescheidenen Legates wäre zu schön gewesen. Oder verkennt man vielleicht die Motive, von denen man in Rumänien in diesem Falle geleitet war? Einem Staate, in dem seit jeher die Rechte der Juden mit Füßen getreten werden, war vielleicht aus ethischen Gründen daran gelegen, der Welt zu zeigen, daß man sich auch einmal auf den strengen Rechtsstandpunkt gegenüber Juden stellt: Krone ist Krone. * * * Die „Dötz",' die, bevor noch die Richter das Verdikt über Philipp Halsmann gefällt, ihn als den „neugierigen Meuchelmörder" verurteilt, wagt es überdies, sich in einem langen Artikel Komplimente, über ihre Objektivität zu machen! „Es fällt uns nicht ein, irgendwie in das anhängige Verfahren einzugreifen", sagt dieselbe „Dötz". „Wir haben uns streng sachlicher Berichterstattung befleißigt", sagt dieselbe „Dötz". Kann diese journalistische Nichtswürdigkeit noch übertroffen werden? Ja, der „Dötz" gelingt auch dieses scheinbar unmögliche Kunststück. * * * In dem Artikel, in dem sich die „Dötz" ihrer Objektivität rühmt, erfrecht sie sich zu behaupten, die „jüdisch-freimaurerische Presse greife, wenn ein Jude eines Verbrechens, und zwar eines Mordes bezichtigt wird, wie aluf einen von einer einheitlichen Stelle ausgehenden Befehl ein." Die „Dötz" kann es offenbar nicht fassen, daß es einem rechtlich und menschlich Fühlenden ohne Unterschied der Konfession ferne liegen muß, sich bei der Frage, ob einer ein Verbrecher ist, von der Konfession des Angeklagten beeinflussen zu lassen. Ein Jude oder ein Christ, der den schuldigen Mörder mit Rücksicht auf dessen Religionsbekenntnis in Schutz nimmt, begeht dieselbe Schurkerei, wie der Jude oder der Christ, der einen Unschuldigen wegen seiner Konfession verurteilt. Welche Tücke oder welcher Wahnsinn — wenn nicht beides zusammen — gehört dazu, das Judentum dabei interessiert zu denken, ob einer, der zufällig als Jude geboren wurde, seinen Vater ermordet hat? Wird jemand so toll sein, die Frage des Vatermordes mit der Frage des Christentums zu verknüpfen? Der Irrtum der „Dötz" im Falle Hälsmann mag, wenn wir Böswilligkeit annehmen, seine Erklärung darin finden, daß das Blatt die Auffassung des Judentums mit der des Hakenkreuzlertums verwechselt. Das Judentum braucht keinen Verbrecher zu schützen, weil es jede Schandtat verurteilt, ohne Rücksicht auf die religiöse Glaubensgenossenschaft, der der Täter angehört. Diesen Luxus kann sich, ein flüchtiger Blick in ein Hakenkreuzlerblatt genügt, um das zu erkennen, der Antisemit allerdings nicht gönnen, denn er wäre dann längst schon mit allen seinen Wurzeln ausgerottet.