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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 25)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 25 vollkommen verläßlich, Gefahren dieser Art in jeder Hinsicht gewachsen sind." Diese „Machtmittel des Staates" haben wir letzten Sonntag wieder in Bereitschaft gesehen und deshalb sagen wir, daß der Zustand, der sich in den letzten Jahren herausgebildet hat, auf die Dauer unhaltbar ist. Schon die Vorkehrungen, die die Staatsgewalt treffen muß, bedeuten eine schwere materielle Belastung des gesamten Volkes. Für den 7. Oktober vergangenen Jahres wurden 600.000 Schilling aufgewendet, die Oesterreich wohl für andere und nützlichere Zwecke notwendig hätte brauchen können. Was hat dieser 29. September gekostet? (Man spricht von zehn Milliarden!) Die Leitungen des Bundesheeres, der Wiener Polizei, der Gendarmerie arbeiteten einen ganzen regelrechten Mobilisierungsplan zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung aus. Verstärkte Bereitschaft der Trupnen in ganz Wien und Niederösterreich, Konsignierung der Garnisonen Stockerau, Korneuburg und Melk, Entsendung eines kombinierten Bataillons nachMödling, Heranziehung der Gendarmerie aus anderen Bundesländern für die einzelnen Gebiete Nieder Österreichs, und Abordnung von Wiener Polizeidetachements in einzelne Orte — das alles zeigt nicht nur, über welch imposantes Machtaufgebot der Staat tatsächlich verfügt, sondern auch, welches Aufgebot erfolgen, welche Mittel aufgewendet werden müssen, um für alle Fälle und Zwischenfälle bereit zu sein. Mag durch all diese Maßregeln jedweder Schaden verhindert worden sein und mag diese Kraftentfaltung uns auch die beruhigende Gewißheit schaffen, daß die öffentliche Gewalt allen Eventualitäten gewachsen ist, so bleibt noch immer die unerfreuliche Wirkung zurück, daß Ausland und Auslandpresse wieder einmal Gelegenheit hatten, sich mit Oesterreich kritisch zu beschäftigen. Und deshalb verurteilen wir österreichischen Juden, die wir in der Wirtschaft dieses Staates wurzeln, diese Drohungen mit dem Bürgerkrieg, vor dem uns Gott bewahren möge. Wenn es zur Explosion kommt, dann können wir Juden — die Geschichte des Judentums lehrt es — die ersten sein, die dem aufgestachelten Fanatismus der Massen geopfert werden, und die Saat der Hetzreden mag fürchterlich aufgehen. Aber nicht nur diese egoistischen Gründe, auch die Liebe zu unserem Vaterland, das den Frieden zu seinem Aufschwung braucht, zwingt uns, ohne links und rechts zu schauen, uns jener Volksbewegung anzuschließen, von der der neue Bundeskanzler in seiner Programmrede leider nicht gesprochen hat und die da energisch fordert: Fort mit dem Bürgerkrieg! Rüstet ab! Oskar Hirschfeld. Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint wegen der hohen Feiertage Freitag, den 18. Oktober 1929 Die vorliegende Doppeinummet l*t'32 Selten stark Der Jazzsänger. Man kennt das Stück vom Kino her, wo es in der vorigen Saison schon der hübschen Leistung AI J o l s o n s wegen unleugbar große Erfolge erzielte. Nun ist es für das Theater bearbeitet worden und wird in der Renaissancebühne aufgeführt. Es hat so den umgekehrten Weg wie in Amerika, seiner Geburtsstätte, genommen. Dort war es erst Theaterstück und dann ein Tonfilm und in beiden spielte die Hauptrolle des Jazzsängers AI Jolson, dessen Lebensgeschichte angeblich in diesem Stück wiedergegeben ist. Bei uns kam erst der Erfolg im Kino und der ließ das Theater nicht ruhen, und da auch auf der Bühne heute die Amerikanisierung vorherrscht — siehe die lange Lebensdauer von „Dreimal Hochzeit" — so wurde die amerikanische Sache nach Wiener Geschmack bearbeitet, nach Wiener Geschmack inszeniert und danach besetzt. Diesem Wiener „Geschmack" soll es vor allem der Bearbeiter Armin Friedman n recht machen. Da das Stück in jüdischem Milieu spielt, ist dieser produktive Autor, dessen Austritt aus dem Judentum erst vor einiger Zeit unliebsames Aufsehen erregte, dafür gewiß der richtige Mann! Es sieht danach aus! Wenn sonst die Umwandlung eines Theaterstückes in einen Film gewöhnlich zum Schaden des Werkes wird, so müssen wir sagen, daß hier aus einem sicherlich allzu sentimentalen Film ein kitschiges Theaterstück geworden ist. Es ist traurig, daß auf solche Weise unserer Umwelt eine Vorstellung von unserem Wesen gegeben wird, die geradezu gräßlich ist. Für den aus dem Judentum ausgetretenen Bearbeiter mag es ja erfreulich sein, daß am Ende gar zu erwartende oftmalige Wiederholungen seiner Bearbeitung ihm reichen Segen bringen, für uns ist ein solcher Gedanke widerwärtig. Diese an den Haaren herbeigezogenen Konflikte zwischen dem frommen Vater und dem jazzfreudigen Sohn sollen spezifisch jüdisch sein? Wir danken für eine solche Schaustellung, die uns nur zum Schaden gereichen kann. Und wenn unsere Gebräuche schon wirklich der Schaulust eines Theaterpublikums dienen sollen, wogegen sich wahres jüdisches Gefühl sträuben muß, dann nennt das Kind beim richtigen Namen, sagt nicht schamhaft Gebetmantel für Talles, wenn knapp vorher vom Erew Schabbes gesprochen wird, der für den Nichtjuden mindestens ebenso verständlich — oder unverständlich — ist wie der Ausdruck Talles. Auch die Aufführung ist nach dem Prinzip gemacht worden, den Kitsch zu einem sensationellen „Reißer" für Juden und Nichtjuden zu gestalten. Josef Jarno, der auch die Regie führte, spielte den Kantor recht matt und unglaubwürdig. Gisela W e r b e z i r k kam diesmal — bis auf einige „jüdische" Witze, für die wahrscheinlich Armin Friedmann, der das ja verstehen muß, verantwortlich zeichnet, — von der ernsteren Seite und fand in manchen Szenen rührende Töne, die die Zuschauer ihre Enttäuschung, daß die Komikerin Werbezirk heute Tragödin sei, vergessen ließen. Eine glatte Fehlbesetzung war Fritz Steiner, der aus dem Operettenbezirk kommend, nun einen verstoßenen Sohn agieren sollte. Er tat dies denkbar I schlecht und war um so miserabler, je mehr man

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