Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 24 »!< DIE WAHRHEIT Seite ablehnend oder auch — es wäre Verkennung der Tatsachen, dies zu leugnen, — p o s it i v eingestellt. Es ist dies nur ein Beweis der Zerfahrenheit der österreichischen Politik überhaupt; „wie es sich christelt, so jüdelt es sich", wie einem Kunschak, der die Heimwehr ablehnt, ein Dr. Seipel, der sie entschieden bejaht, gegenüberstellt, so gibt es diesbezüglich auch bei den Juden leider keine Einheitlichkeit. Was hat der Heimwehr auch unter den Juden, wenn auch meistens nur gefühlsmäßige Anhänger gewonnen? Die Antwort ist ziemlich leicht: Ihre * wirtschaftlichen und teilweise auch kulturellen und politischen Ziele. Man kann nicht abstreiten, daß die sozialdemokratischen Wirtschaftsmethoden, insbesondere ihre Steuerpraxis in Wien auch unter der Judenschaft eine starke Mißstimmung hervorgerufen hat. Denn auch die Juden, die zum überwiegenden Teile dem schaffenden Bürgertum angehören, sind durch diese Methoden in ihren Geschäften gehemmt, und wenn auch zur Ehre der Sozialdemokraten gesagt werden muß, daß si'e aus den Steuereinkünften sicherlich Großes auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge geleistet haben, so finden es mit allen einsichtigen Elementen auch die österreichischen Juden unverständlich, daß die hierfür notwendigen Mittel in so hohem Maße gerade dem heutigen kranken Wirtschaftskörper entzogen und nicht im We<re von Anleihen auch künftigen, dem Elend des Weltkrieges entrückten Generationen auferlegt werden. Auch die kulturellen und politischen Ziele — nur von diesen sprechen wir hier — haben der Heimwehr auch unter den Juden teilweise Anhänger gewonnen. Die österreichische Judenschaft hat den von gewisser sozialdemokratischer Seite ausgehenden Kampf gegen die Kirche schon aus religiösen Gefühlen nie gutgeheißen. Sie hat aber auch für manche programmatische Forderungen der Heimwehr, die nun im Parlament von den Mehrheitsparteien, insbesondere dem Landbund vertreten werden, viel Verständnis. Wir sind sicherlich nicht der Ansicht, daß die jetzt zur Diskussion stehenden V e r f a s s u n g s - fragen das Wichtigste in unserer momentanen Situation sind; es gibt viel wichtigere Dinge zu tun, vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiete. Trotzdem begrüßen wir es, daß jetzt endlich manche Aenderungen vorgenommen werden, die wir schon längst auch vom jüdischen Standpunkt als dringend bezeichnet haben. Aus dem großen Bukett greifen wir heute nur eine Rose heraus, die bisher wahrlich sehr dornig war, dasWahlrecht. Wie leiden gerade wir österreichischen Juden unter diesem undemokratischen Wahlrecht, das sich die beiden großen Parteien für ihre eigenen Machtgelüste zurechtgelegt haben! Die Mehrheit der östereichischen Judenschaft blieb in der gesetzgebenden Körperschaft ohne Vertretung, weil — ganz abgesehen von den jüdSschnationaJen Sondierbestrebungen — eine Kandidatur eines Vertreters der österreichischen Juden bei diesem Wahlunrecht aussichtslos war. Eine gerechte Abänderung dieses undemokratischen Wahlsystems liegt daher — wie manche andere der vorgeschlagenen Reformen, z. B. die Ersetzung des Bundesrates durch eine Ständeorganisation — auch im Interesse der Juden, und deshalb gibt es nicht wenige unter ihnen, die die politischen Ziele der der Heimwehr billigen. Was aber nicht gebilligt werden kann, das sind ihre Methoden. Wir sprechen hier gar nicht besonders von dem sichtlich antisemitischen Kurs in vielen Grupnen der Heimwehr, insbesondere der Provinz, um uns nicht in den Verdacht allzu großer Wehleidigkeit zu setzen. Wir östereichischen Juden haben schon so manche antisemitische Bewegung überdauert — gerade der obige Hinweis auf unsere Hakenkreuzler, deren Macht heute erledigt ist, beweist die Stichhältigkeit unseres Optimismus — und selbst die Reden der Heimwehrführer Dr. P f r i m e r, Hofrat Pichl, Fürst Starhemberg u. a. können uns nicht erschrecken, wenn sie auch als sehr ernste Symptome zu werten sind. Diesen judenfeindlichen Aeußeruneen prominenter Heimwehrmänner stehen judenfreundliche des Major F e y, Hof rat F r i t s c h, Pater F i a 1 a — die letzteren sind bekanntlich Führer des Heimatbundes, der auch Juden aufnimmt, — gegenüber, die aber schwer die Verletzung jüdischer Gefühle durch die Reden der ersteren wettmachen können. Deshalb schon herrscht unter der Judenschaft ein gewisses, nicht unberechtigtes Mißtrauen gegen die Aspirationen der Heimwehr. Was aber die österreichische Judenschaft mit allen friedlichen Bürgern dieses Staates entschieden verurteilt, dlas ist die fortwährende Drohungmit dem Bürgerkrieg. Man kann dem neuen Bundeskanzler Schober leider nicht zustimmen, wenn er sagte: „Die Bewegung als auf Putsch und auf Bürgerkrieg abzielend darzustellen, wäre verfehlt und u n r e c h t." Die Heimwehr selbst widerlegt mit ihren Worten und Taten diese Worte des Bundeskanzlers, die vor allem das Ausland beruhigen sollten; man beachte nur die „Peitschenrede" des Dr. St e i die am 29. September! Ueber diese „Peitschenrede" urteilt sogar ein so streng bürgerliches Blatt wie die „Neue Freie Presse" wie folgt: „Mit Recht wurde von sehr maßgebender Seite dem Bundesführer Steidle in bezug auf den Artikel „Letzte Warnung" vorgehalten: Es gibt nur eine letzte Warnung, wenn man sie ein zweites Mal versucht, so kann sie nicht mehr völlig ernst genommen, wenn sie ein drittes Mal geschieht, so wird sie nicht mehr beachtet werden. So muß auch die Uebertreibung des Tones ihre Wirkung verlieren. Das Ueberschlagen der Stimme schadet in erster Linie dem, der nicht hauszuhalten weiß mit seiner Kraft. Deswegen bedauern wir es, wenn Steidle immerfort von der Hundspeitsche spricht, wenn er davon redet daß man Zirkusbestien mit der Peitsche bändige, nicht aber mit Zureden, wenn er ein drittes Mal wiederum von Bestien spricht, denen man die Peitsche um die Ohren knallen lasse. Diese Phrasen stimmen nicht mit dem großen Ernst der Situation überein und sie bieten dem Gegner billige Gelegenheit zur Invektive." Der Bundeskanzler selbst aber bewies nicht allzu croßc Zuversicht zu den „friedlichen" Absichten der Heimwehr, wenn er gleich nach der obigen Feststellung von den „Machtmitteln des Staates" sprach, die „Gott sei Dank, stark, ausreichend und