Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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OVß WAHRHEn «imm«««!^^ Seite 23 Männer des Vertrauens. Seit -einer Woche steht ein neuer Mann an der Spitze der österreichischen Regierung, Polizeipräsident Hans Schober, der bereiis einmal in kritischen Zeiten die Geschicke unseres Landes gelenkt hat. Auch diesmal ist er wiederum in einem sehr bedrohlichen Zeitpunkte zur Regierung berufen worden, insbesondere mit Rücksicht auf das Ausland, das die Entwicklung der Dinge in Oesterreich mit größtem Interesse verfolgte. Denn dieses Land war in den letzten Monaten der Schauplatz beunruhigender Vorgänge, die im Auslande nicht unbeachtet blieben und Stoff für Alarmmeldungen boten. Schon mit Hinblick auf das Ausland also, auf dessen Gunst heute Oesterreich mehr denn je angewiesen ist, wurde zur Führung unserer Staatsgeschäfte ein Mann bestimmt, der sich dort seiner bekannten Rechtlichkeit wegen der größten Sympathien und Achtung erfreut. Er hat sich für seine Regierung ein Kabinett gebildet, dlas nach den gleichen Gesichtspunkten der Rücksichtnahme auf das Ausland zusammengesetzt wurde. Neben Parlamentariern, die als Exponenten der Mehrheitsparteien zu betrachten sind, erscheinen hervorragende Männer des Geistes und der Wissenschaft, so der Althundespräsiderii Dr. Michael H a i n i s c h, der vorjährige Universitätsrektor Prof. Dr. I n n i t z e r und vielleicht auch der bekannte Univiersitätsprofessor Dr. Josef R e d- 1 i c Ii, der .jetzt noch in Amerika weilt. W'ir Juden haben wohl alle Veranlassung, dieses Kabinett als dessen bezeichnendes Charakteristikum gelten mag, daß seine Kapazitäten nicht — dem Parlament angehören, mit besonderen Hoffnungen zu begrüßen. Wir tun dies als treue Staatsbürger, denn es wird dieser Regierung hoffentlich gelingen, wozu sich das abgetretene Kabinett Streeruwitz bei allem ehrlichen Willen seines Chefs als zu schwach erwies, endlich e i nmal die Ruhe und Ordnung in diesem Staate zum Wohle s e i n e r W i r t s c h a f t und seines Ansehens wieder herzustellen. Auch als Juden können wir die neuen Männer mit großen Erwartungen aufnehmen. Vor allem den Bundeskanzler Hans S ch o b e r, der in seiner Eigenschaft als Polizeipräsident wiederholt bewiesen hat, daß er, der oft für jüdische Angelegenheiten Interesse zeigte, die Gesetze auch zum Schutze der jüdischen Staatsbürger zu respektieren weiß. Er wies Verächter dieser Gesetze in die Schranken, als knapp nach dem Umsturz die Pogromstiinmung zu einer Explosion zu führen drohte, und die unter seiner Führung stehende Polizei (nicht der sagenhafte jüdische Selbstschutz) hat die Wiener Juden vor Angriffen giegen Gut und Leben taträftig bewahrt. Schober verpfändete sein Wort, als im Jahre 1925 die Abhaltung des XIV. Zionistenkongresses in Wien unsere Hakenkreuzler zu einer neuen — wie sich nun zeigt, letzten — Kraftanstrengung bewog, und er hat sein V/ort, daß keinem Juden ein Haar gekrümmt werde, gehalten. Schon dieser stets bewährte Rechtlichkeitssinn unseres Polizeipräsidenten hat uns veranlaßt, nie und nimmer in die widerliche Hetze einzustimmen, die seit dem unglückseligen 15. Juli 1927 gegen ihn von ultraradikaler Seite inszeniert wurde, eine Hetze, die nicht zuletzt zu den traurigen Erscheinungen der jüngsten Zeit geführt hat. Hans Schober wählte sich zur Mitregierung hervorragende Männer, die auch uns Juden oft ihre ehrliche Denkungsart bewiesen haben. Der Altbundespräsident Dr. Michael Hainisch, ein echter Demokrat, ist in jüdischen Fragen schon so oft in Erscheinung getreten, daß jedes Wort der Betonung seines Rechtlichkeitssinnes überflüssig wäre. Aber auch das Wirken des klerikalen Universitätsrektors Prof. Dr. I n n i t z e r ist uns allen noch in angenehmster Erinnerung. Denn dieser Klerikale hat als erster und einziger seit langen Jahren dem zügellosen Treiben der völkischen Hochschuljugend in mannhafter Weise Einhalt geboten und die Judenschaft weiß ihm Dank dafür, daß er dies allen Drohungen der Universltätsrowdies zum Trotz getan hat. So steht ein Demokrat an der Spitze des Handelsministeriums, ein gerecht Denkender soll sich der sozialen Verwaltung anehmen. Das berechtigt auch uns zu Hoffnungen. * ■* Die neue Regierung als eine Regierung der ..starken Man d" ist von einer Bewegung gefordert worden, die die Situation in Oesterreich in letzter Zeit stark beherrschte. Die Programmrede des neuen Bundeskanzlers, die im In- und Auslände mit besonderem Interesse aufgenommen wurde, mag uns Veranlassung bieten, wie er „ein offenes Wort über die Hemiwehrbewegung" zu sprechen. Wir hoffen, nicht mißverstanden zu werden, wenn wir dies mit jener Deutlichkeit tun. die diese hier zu großen Dimensionien angewachsene Bewegung erfordert- Vor allem, der viel beachtete Heimwehr-Absatz der Programmrede Schobers ist unseres Erachtens sicherlich mit Rücksicht auf den knapp bevorstehenden 29. September gesprochen worden, für welchen „T ag des Marsches auf Wien" eine beruhigende Enunziation notwendig war. Dieser taktische Gesichtspunkt erklärt aber nicht die besondere Intensität der Stellungnahme für die Heimwehr, erklärt nicht den beinahe fühlbaren Unterton des Bedauerns, daß „Vertreter dieser Bewegung der Regierung nicht angehören", erklärt nicht die Betonung der Notwendigkeit, ..einen entsprechenden K o ntakt mit den Heim wehren zu unterhalten/4 Diese Worte des neuen Bundeskanzlers, der erst vor wenigen Wochen als Polizeipräsident sehr unzweideutig über Putschversuche gebrochen hat. beweisen. dnR w>> es hier mit einer sehr ernsten Bewegung zu tun haben, die. wie Bundeskanzler Schober richtig bemerkte, „als der Ausdruck der Stimmung weiter Kreise der Bevölkerung nicht übersehen werden darf". Auch die östereichischen Juden haben diese Bewegung nicht übersehen und sieh zu ihr schon angesichts des Fehlens einer Stellungnahme von autoritativer jüdischer