Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064236--17513-3087641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 5 den Zuständigkeitsgemeinden vermittelst der dortigen Kultusgemeinden und etwaiger Vertrauensmänner. Weitere Heilmaßnahmen: Bei Juden sehr wenig, aber doch vereinzelt vorkommendes Verbrechen durch Alkohol, Rettung durch Trinkerfürsorge; sehr stark vertreten Spielleidenschaft, Heilung durch die gesamten psychologischen Methoden der Wiener Schule: Sexualverbrechen schwach vertreten, aber doch vorhanden, Heilung durch Nervenärzte. Spezifisch für Wien und Oesterreich: Folgen der Inflation und Deflation: Kridatare, Veruntreuer, kaufmännische Rechtsbrecher. Durch die Mitarbeit tüchtiger, ethisch hochstehender jüdischer Kaufleute und Industrieller könnte eine Hebung der Moral im großen und ganzen bei diesen Leuten erzielt werden. Um Kinder und Geschwister vor unmoralischer, verbrecherischer Beeinflussung zu retten, müßte man Pädagogen zur Erziehung solcher gefährdeter Mitglieder heranziehen, die bestimmt in vielen Fällen rettend eingreifen könnten. Jüdische Jugendberatung, Ein besonderes Kapitel der Gefährdetenorganisation soll bilden, im Anschluß an das vorzüglich geleitete Jugendamt der israelitischen Kultusgemeinde (Leiter Inspektor 0 c h 1 e r). eine jüdische Jugendberatung. Die jüdische Jugend beiderlei Geschlechter soll in dieser Beratungsstelle wahrhaft väterliche und mütterliche Fürsorger finden. In allen sie quälenden Fragen, Zerwürfnissen, Berufsberatungen soll unsere neue Arbeitsgemeinschaft im eminent jüdischen Sinne helfend, schützend, beratend eingreifen können. Der taktvoll vorgebrachte Hinweis auf unsere Religion, Moral und Ethik wird eine wertvolle Unterstützung der jüdischen Erziehung, die sehr oft von Haus und Schule unzulänglich gefördert wird, bilden. Wie viel jüdische Werte können hier geschaffen werden! Die jüdischen Frauenvereine kann besonders das Kapitel Schutz der verwahrlosten und verirrten jüdischen Mädchen interessieren. Im innigsten Kontakt mit unserer jüdischen Jugendfürsorge kann auch hier die Gefährdetenfürsorge mit Takt und Vorsicht so manches Unheil verhüten, oder die Folgen einer unbesonnenen Handlung nach Tunlichkeit vermindern. Unsere Zukunftsorganisation muß stets darauf bedacht sein, mit allen Fürsorgeinstitutionen, ob jüdisch oder nichtjüdisch, in engster Fühlung zu bleiben. Jüdische Jugendfürsorge, Wohltätigkeitsämter, Krankenfürsorge, Chewra Kadischa usw., umfangreiche Korrespondenz mit dem Auslande, Uebernahme der Korrespondenz des Häftlings über seinen Wunsch (er wünscht es zwar immer). Gründung einer jüdischen Abteilung der Gefangenenbibliothek, die aber für alle zugänglich sein soll, Rat und Sitz in allen Aktionen der sozialen Gerichtshilfe, Gerichtsenc;ueten für die Fachmänner unseres zu gründenden Verbandes. Methoden der Gründungsaktion, einzelne Richtlinien: 1. Die neue Aktion übernimmt die ganze jüdische Gefährdetenfürsorge (Gefangenenfürsorge, Fürserge für derer: Angehörige, Entlassungsfürsorge, Irrenhaus- und Krankenhausfürsorge). 2. Die neue Organisation setzt sich mit dem Wiener Rabbinerverband in Verbindung und fordert ihn zur gründenden Mitarbeit auf. 3. Die Kultusgemeinde dezentralisiert in Gemeinschaft mit ihr diese jüdische Gefährdetenfürsorge. 4. Fast alle Aemter sollen hier ehrenamtlich sein, zur Vermeidung der Spesen. Männer und Frauen sollen zur Arbeit herangezogen werden. 5. Das verwahrloste Kapitel: Weibliche Strafgefangene soll beim Justizministerium in Form einer Eingabe der Reformierung zugeführt werden. Die jüdischen weiblichen Strafgefangenen sollen womöglich in einem Gefängnis unweit von Wien, z. B. Mödling. untergebracht werden. 6. Die Kosten dieser Aktion. Für Interventionsspesen. Fahrten. Porti u. dgi. hat die Kultusgemeinde bis jetzt 100 bis 200 Schilling monatlich ausgegeben. Der Staat zahlt die Seelsorge mit 50 Schilling monatlich: die private Wohltätigkeit hat im Zeiträume von sechs Monaten zirka 2000 Schilling für diese Zwecke geliefert. Mit großen Geldausgabcn ist nicht zu rechnen. In dem halben Jahre, in dem ich produktiv und fürsorglich arbeite, hat diese Aktion mit den Staatsausgaben keine 3000 Schilling gekostet und doch ist schon so viel Ersprießliches geleistet worden. Mehr als 20 Familien haben zum Teil ihre Rettung und Förderung dieser Aktion, die noch nicht organisiert ist, zu verdanken. Zum Schlüsse noch etwas Allgemeines: l. Es gibt kaum noch etwas Traurig-Interessentares als dies Hineinleuchten in hoc mare tenebrarum: Schicksale, nichts :'ils Schicksale und deren Aufbau. Schon das Gefühl. Menschen vor dem moralischen Ertrinken gerettet zu haben, soll genügen. Wir. die Retter selbst, werden dadurch zu besseren, edleren Menschen; das ist unser egoistisch-idealer Gewinn: 2. Die grenzenlose Dankbarkeit der Geretteten, ihre bedingungslose Unterwürfigkeit und ihr Wunsch, von uns wie von Eltern geleitet werden. 3. Wir schützen uns selbst und die menschliche Gesellschaft vor Rückfällen. vor Verbrechen, vor asozialen Elementen viel mehr, als die Paragraphen und die Polizei es tun. 4. Wir arbeiten im Sinne der jüdischen Ethik und Moral. Sowohl die strengreligiösen als auch die freisinnigliberalen Juden können hier mittun; auch die politischen Gegensätze bilden keine Hindernisse für diese Arbeit. Damit ist noch nicht alles erschöpft. Wir haben auch die Möglichkeit, wissenschaftliche Vorträge über dieses Thema anzuregen, und die großen Kriminalisten, Pädagogen. Aerzte. Ethiker, Psychologen, Juristen und Theologen könnten hier in dieser zu schaffenden Institution zu Worte kommen und allgemeine neue Ideen vortragen und deren Realisierung anstreben. Die Mitarbeit und Teilnahme der jüdischen Frauen könnte hier Großes schaffen. Ein kurzer Ueberblick über meine eigene Tätigkeit. Seit 1. Jänner 1928 bin ich jüdischer Strafseelsorger in Stein. Es befinden sich daselbst alle jüdischen Verurteilten mit über 4 Monate Strafe, wenn nach der Untersuchungshaft noch so viel Zeit bleibt. Stein ist eine Männerstrafanstalt. Die Frauen, die mehr als 4 Monate haben und deren Zeit mit der Untersuchungshaft nicht abläuft, werden zerstreut in die Bezirksgerichte der Provinz transportiert. Ein ganzes Jahr hatte ich nichts zu tun, als einmal im Monat hinzufahren, dort den Gottesdienst zu verrichten und zu predigen. Seitdem ich anfing, sozial-fürsorglich zu arbeiten, geht alles durch mich: sämtliche Wünsche der Gefangenen, Begnadigungsaktionen. Interventionen bei der Familie, Vorsprachen bei den Behörden, Pässe- und Dokumentenbeschaffung. Kleidung, Geldunterstützung und Auswanderung. Die Arbeit nimmt täglich zu, was die umfangreiche Korrespodenz beweist. Ich erhalte über 150 Briefe im Monat und schreibe jetzt zirka 250 Briefe nach Wien, Oesterreich und ins Ausland. Natürlich ist es nur halbe, unfertige Arbeit, die immer schwieriger wird, da sie nicht organisiert ist. Meine eigenen Pflichten meiner Familie gegenüber werden dadurch arg vernachlässigt. Zu meinen Förderern in der Wiener Kultusgemeinde gehören: Dr. Ornstein, Regierungsrat Fuchsgelb, Dr. Löwenherz, Professor Dr. Pick, Kultusvorsteher Bauminger u. a. Zu meinen Mitarbeitern zählt Dr. Feldsberg und ein ungenannter Wohltäter, der mir auch als Kaufmann mit Rat beisteht. Von größeren Spenden ist in erster Linie die meines ungenannten Wohltäters mit zirka 800 Schilling, des Präsidenten Kux mit 750, des Hauses Rothschild mit 200 Schilling zu nennen. Das Interessanteste, was ich besitze, sind allerdings die vielen Briefe, die ganze Schicksalsschilderungen enthalten und stets Neues und Tieftrauriges zu berichten haben. Prof. Dr. K. Kupfer, isr. Strafseelsorger. Jüdischer Heldenmut In dieser Zeit antisemitischer Großtuerei und hitlerischen Maulheldentums dürfte es angebracht erscheinen, auf einen wirklichen Kriegshelden hinzuweisen, der diesen soldatenspieleriden Jünglingen, die noch keinen Pulverdampf gerochen haben, als nachahmenswertes Beispiel dienen kann, nämlich auf den Juden Selig Nathan Oppenheim. Von ihm melden amtliche Dokumente: „Der Gefreite Selig Nathan Oppenheim ist 1825 geboren. Er ist am 14. September 184S in der. Dienst der 2. Kompagnie des 15. Bataillons eingetreten. In seinem Führungsattest heißt es: Der p. Oppenheim avancierte wegen seiner in den Ge fechten bei Helligbrook bei Idstedt an den Tag gelegten Bravour zum Gefreiten, zeichnete sich im Gefechte bei Missunde rühmlichst aus und wurde wegen seines während des Sturmes auf