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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 1 Dr. Adler als Vertreter entsendet. An der Beerdigung des Oberrabbiners unserer Nachbargemeinde Baden bei Wien, Dr. Wilhelm Reich, hat eine Delegation mit dem Präsidenten unserer Gemeinde teilgenommen. Vor wenigen Tagen ist der hochverdiente Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde in Budapest, Mitglied des Oberhauses, Koppe 1 Reich, im 92. Lebensjahre dahingeschieden. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde war bei der Leichenfeier durch Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang und das Vorstandsmitglied L e i t n e r vertreten und hat ihrer Trauer über das Hinscheiden dieser bedeutenden und allgemein hochverehrten Persönlichkeit durch ein Beileidsschreiben an die Budapester orthodoxe Gemeinde Ausdruck verliehen. Die während der Sommermonate behandelten einzelnen Angelegenheiten, welche der Kenntnisnahme oder Beschlußfassung durch das Plenum zugeführt werden müssen, gelangen im Rahmen der Tagesordnung der heutigen Sitzung gesondert zur Behandlung. Vizepräsident Dr. Josef Löwenher z berichtete hierauf über die Hilfsaktion für Palästina: Das Präsidium der Israelitischen Kultusgerneinde Wien hat für den 5. September 1929 die Vertreter der großen jüdischen Vereinigungen, und zwar der Israelitischen Allianz, der Union deutschösterreichischer Juden, des Verbandes der B'nai B'rith für Oesterreich, des zionistischen Landeskomitees, der Landesorganisation der Misrachi, des Verbandes sozialistischer Juden und der Vereinigung werktätiger Juden, sowie der Agudah zu einer gemeinsamen Beratung eingeladen, um das Hilfswerk für die Opfer der Ereignisse in Palästina zu zentralisieren. Mit Ausnahme der Agudah haben alle diese Körperschaften der Zentralisierung zugestimmt, und es haben sich die Vertreter als „Zentralhilfskomitee" konstituiert, welches zunächst ein Exekutivkomitee wählte. Von diesem Exekutivkomitee wurde ein Aufruf genehmigt, der sowohl durch die Presse, als auch durch Versendung an sämtliche Kultussteuerträger der Gemeinde weiteste Verbreitung gefunden hat. Es wurden überdies an sämtliche Mitglieder des Kultusvorstandes, der Bethausvorstände, der Bezirkskommissionen und der Branchenkommissionen Sammelbogen ausgegeben. Die Aktion hat bisher den Erfolg gehabt, daß ah der Kasse der Kultusgemeinde als Einzahlungsstelle des Zentralhilfskomitees bis zum heutigen Tage zirka S 40.000.— eingelangt sind: es steht ferner die Widmung von S 10.000.— seitens der Israelitischen Allianz und das Sammelergebnis der „Neuen Freien Presse" im Betrage von zirka S 15.000.— zur Verfügung. In der letzten Vertretersitzung wurde einmütig beantragt, dem Plenum des Kultusvorstandes vorzuschlagen, für die Hilfsaktion einen Betrag von S 10.000.— zu votieren. Ueber die Verwendung der einlangenden Gelder wird seitens des Zeniralhilfskomitees noch Beschluß gefaßt werden, wenn die im Zuge befindlichen Informationen Klarheit geschaffen haben weiden. Ueber die am 26. September vorgenommene Verleihung der Ignatz Blumenfeld-Widmung an 3 Studenten erstattete Vizepräsident Dr. J. Ornstein Bericht. Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein gibt seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß die Kultusgemeinde heuer durch die Zinsen der Blumenfeld-Stiftung in der Lage war, drei jüdischen Künstlern ein Stipendium zu widmen. Es sind dies die Herren Michael F i n k e 1, Bildhauer (Absolvent der Beth Zalel-Schule in Jerusalem), Robert Walter Spitz, Musiker, und Leo Schwarz, Medailleur, welche ausgezeichneten Künstler von ihren Professoren als große Talente gewertet werden. Redner gibt weiters die Anregung, daß die Kultusgemeinde, obwohl sie mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, ins nächstjährige Budget doch eine Post zur Unterstützung aufstrebender Talente aufnehmen sollte, da es Pflicht einer jüdischen Gemeinde sei, jüdische Künstler zu fördern. Diese Ausführungen des Vizepräsidenten werden von allen Vorstehern ohne Unterschied der Parteistellung mit großem Beifall aufgenommen. Die Vorlage von Lehrplänen an das Ministerium besprach Dr. Josef T i c h o und wurden die von ihm vorgeschlagenen Pläne einstimmig angenommen; wir werden auf das Referat noch zurückkommen. pmUFA-TON-KINOiM ( II Wien 11., TaborstraBe 8 - Tal. R 42-3-41 Hl Das fifmtgeater der guten GesettscQaft lilll __zeigt Iwan Mösloukin PIANOEESCU DER KONIG DER HOCHSTAPLER mit Brigitteneiin,Heinrldi 6eorge, Dlta Parlo RWiÄ.ÄWÄ ALTE KLEIDER mit Paul nordan und Megftftirted An»«» Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr _Sonn- und feiertags: ab 4 Uhr__| | Koppel ReichT) Der „P e s t e r Lloyd" widmet dem kürzlich verblichenen Budapester orthodoxen Oberrabbiner Koppel Reich folgenden Nachruf: „Eine legendäre Gestalt des ungarischen orthodoxen Judentums ist mit dem Hinscheiden des Oberhauptes der ungarischen jüdischen Orthodoxie ins Grab gesunken. Sonntag früh ist Oberhausmitglied Koppel Reich, der seit dem Jahre 1890 an der Spitze der Budapester autonomen orthodoxen Judenheit gestanden war. nach kurzem Leiden gestorben. Koppel Reich war nicht nur der große Führer seiner Glaubensgenossen, sondern auch eine in der ganzen europäischen Judengemeinschaft anerkannte und geschätzte geistige Größe, um die er sich durch profundes Wissen, tiefste Verinnerlichung der Gottesfurcht und durch sein nie versagendes üutes Herz verdient gemacht hatte. Aus ganz kleinen Anfängen stieg Koppel Reich Stufe um Stufe bis zur Höhe der Mitgliedschaft der ungarischen Gesetzgebung. Im Jahre 1838 wurde er in Verbo geboren, als Sproß einer uralten Rabbinerfamilie, die der Glaubensgemeinschaft der ungarischen Juden eine ganze Anzahl hervorragender Diener Gottes geschenkt hat. Sein Geburtsort war auch seine erste Station, die ihn stets auf dem Wege als Mittler zwischen Gläubigen und Gott wirken sah. Im Jahre 1890 wurde er zum geistlichen Oberhaupt der Budapester orthodoxen Judenschaft gewählt und von diesem Jahre an stieg er immer höher in der Wertschätzung der ihm anvertrauten Gemeinde und auch in der Ehrung der Außenwelt, die dem würdigen Gottesdiener, dem gelehrten Wissenschaftler, dem eloquenten Prediger der göttlichen Gebote die Anerkennung nicht schuldig geblieben war. König Franz Josef hatte dem verdienten Seelenhirt im Jahre 1911 den Titel eines königlichen Rates verliehen und im Jahre 1927 bei der Konstituierung des Oberhauses der ungarischen Gesetzgebung sandte ihn die autonome orthodoxe Glaubensgemeinde der Budapester Juden auf Grund der Bestimmungen über die Vertretung der gesetzlich anerkannten Konfessionen ins Oberhaus. Seine Laufbahn als Gesetzgeber, in engeren ülaubenskreisen, nahm eigentlich bereits mit dem Jahre 1869 ihren Anfang, als bei dem Kongresse der ungarischen Judenheit die Trennung der beiden Brudergemeinden auf liturgischer Basis ausgesprochen wurde. Allmählich lichteten sich die Reihen der damaligen Kongreßmitglieder und Koppel Reich war der letzte seiner Zeitgenossen, der um Jahrzehnte diesen kritischen Wendepunkt der ungarischen Judenheit überlebt hat. Sein hohes Alter — er erreichte das Patriarchenalter von 91 Jahren — hinderte ihn in der letzten Zeit seines Lebens, sich seinen v/eltlichen Obliegenheiten zu widmen, und so blieb Koppe! Reich den Kreisen außerhalb seiner Seelsorgerpflichten entfremdet. In der Abgeschlossenheit seines strenggläubigen Familiendaseins wurde er vom Tode ereilt. Vor einigen Monaten zog er sich eine Erkältung zu, die seinem durch Krankheit und Alter immer mehr geschwächten Physikum stark zugesetzt hat. Es entwickelte sich daraus eine Lungenentzündung, der er im Daniel-Biro- Sanatorium erlegen ist." — Bei der Bestattung haben sich die Liebe und Verehrung, die man allerorts Oberrabbiner Koppel Reich entgegengebracht hat, in geradezu überwältigender Weise dokumentiert. Eine Abordnung des ungarischen Magnatenhauses, des Kultusministeriums, der Budapester Stadtgemeinde, Delegationen aus allen jüdischen Gemeinden des Landes, wie Abgesandte vieler Auslandsgemeinden (die Wiener Kultusgemeinde war durch Rabbiner Dr. Feuchtwang und Kultusvorsteher Moriz Leitner, die Wiener Schiffschul durch die Vorsteher Wolf Pappenheim und Herrn Leopold Richter vertreten) eilten herbei.

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