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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT hat ein Gelöbnis getan, eine Heimstätte stellte es den Gejagten und Gehetzten in Aussicht, Ruhe und Schutz hat es ihnen zugesagt, aber „warum hast du mich hintergangen?" fragen die Enttäuschten mit Jakob bestürzt. Das Judentum hat der Welt die Bibel gebracht, Seher, Lehrer und Propheten. Das Beste an Gütern der Kultur und Bildung stammt von Juden. Künstler, Dichter, Denker und Wissenschaftler sind Israel entsprossen und es muß mehr als einmal ebenfalls mit Jakob klagen: „Warum habt ihr mir das zuleide getan?" und gequält mit Josef fragen: „Warum habt ihr vergolten Böses für Gutes?" Ungezählte Demütigungen und unverdiente Zurücksetzungen drängen uns täglich und allerorten, mit den Töchtern Zelophchads die Frage hinauszurufen: „Warum doch so gering geachtet?" „Warum machst du es so arg diesem Volke?" werden wir mit Moses zu fragen veranlaßt, wenn wir die ewig stereotyp sich wiederholenden alten und neuen Martern des Judentums betrachten. „Warum vergißt du uns gänzlich, verläßt du uns schon so lange Zeit?" klagt und fragt mit Jeremia die verstoßene Masse der jüdischen Heimats- und Staatenlosen, die von Land zu Land, von Grenze zu Grenze erbarmungslos geworfen werden, schreiend nach einem Stückchen Heim, lechzend nach einem Bissen Ruhe. Und „warum hat alles dies uns getroffen?" rufen mit Gideon in die weite Welt hinaus und hinauf zum hohen Himmel die vernichteten und überlebenden Opfer der neuesten gewaltigen Katastrophe im Heiligen Lande. Die alte Kaschje! Und zu dem grübelnden „Warum?", dem kein „Parum!" folgt, gesellt sich das aufbäumende, ungeduldige, sehnsuchtsverzehrte: „Wie lange?" hinzu. „Wie lange noch?" rief schon Jesaja, als ihn vollkommen ungefährlich, er rettet dir aber dein sündiges Leben. Wähle also, Bursche!" Ich antwortete: „Ich habe mich soeben für den Auftrag entschlossen." „Gut", antwortete der Richter, „so höre denn: du hast weiter nichts zu tun, als alles mit anzuhören, was wir jetzt hier besprechen werden. Dann wirst du zurück nach unten expediert und du hast nun weiter nichts zu tun, als den Menschen alles wörtlich wiederzugeben, was du hier jetzt hören wirst." „Schön", sagte ich, „das mache ich." Darauf wendet sich der Richter zu den Engeln und sagte: „Zwei Sünden begehen die Menschen jedesmal beim Jahreswechsel: sie sind falsch und undankbar. Falsch sind sie, wenn sie das neue Jahr bejubeln und befeiern und schöne Sprüche darauf verfassen — während sie insgeheim das neue Jahr mißtrauisch betrachten, es im stillen verwünschen, wobei sie sich vornehmen, ein achtsames Auge auf den neuen Ankömmling zu halten. Undankbar — sind sie dem alten Jahre. Wenn es zu Ende geht, dann kommen die Menschen und beschimpfen es, zerren hervor, was es ihnen an Unannehmlichkeiten gebracht hat, besudeln es auf viele Arten, wobei sie nie bedenken, um wieviel schlimmer es hätte werden können, wenn es gewollt hätte. Diese Sünden, meine Herren, müssen nun aufhören." der Herr in die Ferne schauen und ihn das Judenleid blicken ließ, und die Frage ward seitdem nicht stille. Schon vor achthundert Jahren schien es Ephraim ben Isaak aus Regensburg kaum noch länger ertragbar und er rief im Refrain seiner „Ahawa", die der Minhag Aschkenas noch jetzt am Sabbat vor Schwuot und Tischo-beab vorsieht, das alte Jesaja-Wort immer wieder hinaus: „Wead mossaj adonai", „wie lange denn noch, o Herr?" Wie lange denn noch sollen wir für alle Treue und Hingebung an das Wohl der Welt, für den ehrlichen Arbeits- und Friedenswillen die Opfer jeglicher Politik und jedes Machtspiels, jeder Tücke und jeder Hinterlist werden? Wie lange noch? Die alte Kaschje! Und auf die alte Kaschje versuchte man neue Teruzim, neue Antworten zu geben. Die Emanzipation gab eine Antwort und die Assimilation eine, die Reform eine und der Nationalismus eine, der Kapitalismus eine und der Radikalismus eine. Juden, ihr müßt nur gleichgestellt werden, gleiche Pflichten und gleiche Rechte haben. Juden, ihr müßt euch nur anpassen, weg mit allem Spezifischen, Eigentümlichen. Juden, euren alten Kultus müßt ihr ändern, den Kirchen müßt ihr ihn. angleichen. Juden, ein Volk wie alle anderen Völker müßt ihr euch nennen, die Religion zur Nebensache machen. Juden, an die Mächtigen müßt ihr euch schließen, am Kapitalismus euch emporranken. Juden, von den Mächtigen, den Klassen der Herrschenden müßt ihr euch wenden, den Aermsten der Armen, dem Proletariat müßt ihr euch an die Brust werfen. Lauter Teruzim, aber kein Teruz, lauter Verstärkungen, Komplizierungen der Frage, aber keine Lösung. Und zu mir sagte er fortfahrend: „Damit nun ein für alle Mal das Lamentieren, das Falschsein und die Undankbarkeit der Menschen ein Ende haben, so sei dir verraten: das neue Jahr wirdein gutes und glückliches sein — das heißt, wenn die Menschen verstehen, das Gute und das Glück darin zu sehen! Was das alte Jahr betrifft, so wisse: es wäre tausendmal schlimmer geworden, wenn nicht so viel Glück darin enthalten gewesen wäre! Gehe, du Irdischer, und sage es den Menschen, damit sie es wissen." Sofort erschien der Schutzmann wieder und sagte zu mir: „Marsch hinunter, los!" Da gab es einen mächtigen Knall, es fing an zu zischen und zu donnern, ein Abgrund öffnete sich vor meinen Augen, ich begann zu fallen und--- „Was fällt Ihnen ein, hier zu schlafen, Sie Nachtwandler, Sie." „Sie, Herr, haben Sie vielleicht ein paar faule Aepfel bei sich? Ich möchte sie dem Redner da vorne an den Kopf werfen." „Quatsch", antwortete ich und erhob mich vom Boden. „Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe". Ich nahm mich zusammen, reckte mich und ging schnurstracks nach Hause, um dies hier niederzuschreiben. Damit es die Menschen wissen.

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