Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite o Die alte Frage. Zu Rosch-Haschono und Jom-Kippur 5690. Von Dr. Adolf A11 m a n n, Oberrabbiner in Trier. Aus dem Osten brachte man in den letzten Jahren ein jüdisches Lied zu uns, es heißt: „Die alte Kaschje", die alte Frage. Der Inhalt ist allgemein bekannt. Er bezieht sich auf Israel und die ewige Judenfrage. Die Welt fragt eine alte Frage und man gibt verschiedene Antworten, aber sie bringen keine Lösungen, und so bleibt wieder die alte Frage. Seit tausenden von Jahren singt Israel dieses schwermütige Lied seines Schicksals. Seine Seufzer und Gebete, seine Gesänge und Psalmen, seine Kinot und Selichot hallen davon wider. Besonders wenn abermals ein Jahr um ist und man entsetzt bemerkt, wie wenig es im Grunde anders geworden und wie sehr noch immer der Grund zur alten Frage aus grauer Vorzeit gespenstisch in die Gegenwart hineinragt und unvermindert ruft: Hier bin ich!, da regt sich das Gefühl und drängt sich beklommen die Träne; und das Menschenherz bäumt sich auf und der Wille zu leben sträubt sich verletzt und in tausenden Variationen ertönt das Lied der alten Frage aus Gotteshäusern und Familien, aus Gemeinden und Einzelseelen. Was beherrscht denn die Jomim noroim, die „ehrfurchtgebietenden Tage" stärker als der tiefe Wehmutssang der alten ungelösten Judenfrage, die durch alle Gebete, den Kultus und den Ritus geht? Voll Bangen und Zagen und mit den Worten des Unesane-Tokef tragen wir die alte Judenfrage auf den Lippen: Wer wird leben, wer wird sterben, wer zu seiner Zeit, wer vor seiner Zeit, wer durch Feuer hinein, durch eine Menge großer Hallen und Gänge, bis wir vor einer großen Türe stehen blieben. „So", sagte der Schutzmann und wackelte mit den Flügeln. „So — da wären wir." Er klopfte an, es wurde „Herein" gerufen — und schon stand ich drinnen. Es war ein prachtvoller Anblick. An einer langen Tafel saßen weißgekleidete Engel, den Vorsitz hatte ein uralter Mann mit einem schönen, blassen Gesicht, das von einem langem, schneeweißen Bart umrahmt war. „Aha", dachte ich, „vielleicht ist das mein Urgroßvater"; so, nämlich, habe ich ihn mir immer vorgestellt. Aber ich konnte gar nicht lange Betrachtungen anstellen, denn der Schutzmann ging vor und sagte: „Himmlischer Richter, ich habe ein verdächtiges Individuum aufgegriffen, das sich in unseren Gefilden herumtreibt, auf Fragen nicht antwortet und sich benimmt wie ein Schlattenschammes am Erew Jomteff." „Wir werden sehen", antwortete der Richter, mein Urgroßvater. Und zu mir gewendet, begann er : „Was willst du hier?" „Ich — ich" stotterte ich, „ich weiß es nicht." „Du weißt es nicht? Aber dein Herumtreiben muß doch einen Zweck haben? Ohne Zweck tut ihr Menschen doch nichts!" „Ich — ich", antwortete ich, „ich — ich suche den Himmel — den Himmel such' ich, Herr Richter." und wer durch Wasser, wer durch Schwert und wer durch Hunger, wer wird zur Ruhe eingehen, wer zur Unrast? Das klingt persönlich und ist doch das Fragelied von ganz Israel. Was wird weiter sein, wer kommt jetzt daran, wo wird es nächstens wüten? Ist die Zeit des alten Grolls noch nicht um? Droht noch immer Feuer und Wasser und Schwert und Leid und Unruhe und Unrast wie vor alten Zeiten? Hat sich nichts geändert? Sind 19 Jahrhunderte angeblicher Kultur und Gesittung vergeblich verflossen? Wird der Jude noch immer verbrannt, ertränkt, erdrosselt und in Not und Tod gejagt? Die alte Kaschje! Und sie vertieft sich, nimmt Form und Gestalt an und bricht in Faustschem Vorstoß, Himmel und Erde stürmend in dem einen Wörtchen hervor, darin sich der Schrei der Jahrtausende hüllt: Warum? — Es ist der Seelenaufschrei, von dem das ganze heilige Schrifttum und alle unsere Gebete und Riten an den hohen Tagen erfüllt sind: Warum? Warum?, so klingt insbesondere der Refrain eines der erschütterndsten Gebetstücke vom Rüsttage des Neujahrsfestes und vom Jom-Kippur-Schachrit. „Warum, o Herr, stehst du von Ferne, ziehst dich zurück zur Zeit der Not? Warum, o Gott, verstoßest du für immer? Warum muß ich betrübt einhergehen, gebeugt von Drangsal und Schmach? Warum soll meine Seele des Friedens beraubt sein?"---So und dergleichen mehrere des „Warum?" werden mit David und Moses, mit Jeremia und anderen immer wieder in langer Reihe darin laut. Die alte Kaschje! England Der Richter sah mich milde lächelnd au. Ich muß gestehen, daß es mir bange ums Herz war. Ueberhaupt bin ich noch nie einem Richter gegenüber gestanden; ich habe mich immer selber gerichtet. Deshalb war ich jetzt ein wenig furchtsam. Der Richter schüttelte den Kopf: „Komisch, ihr Menschlein, sehr komisch! Erst sucht ihr und strolcht umher — und wenn man euch danach fragt, so wißt ihr nicht, w a s ihr sucht — und wenn ihr schon darauf kommt, so ist es der Himmel, den ihr finden wollt — und habt ihr ihn schon gefunden, dann wißt ihr's nicht mal — komisch, ihr Menschlein, sehr komisch . . ." „Ja", sagte ich, „sehr komisch." „Ruhe!" befahl der Richter. „Wir wollen sehen, was wir mit dir anfangen." Der Richter beriet flüsternd mit den Engeln, die, meiner Ansicht nach, eine Art Beisitzer waren. Dann winkte er mich heran, da ich inzwischen aus Respekt mich abseits gestellt hatte. „So", sagte er, „wir sind einig. Paß einmal auf, du Wurm: du kannst zweierlei wählen: entweder du willst hier oben bleiben, dann machen wir dich, mit Rücksicht auf deine echt menschliche Fähigkeit, anderen die Hölle heiß machen zu können, zum Oberheizer der Hölle — oder — oder — du willst wieder herunter, da mußt du aber einen Auftrag ausführen. Der Auftrag ist für dich, Feigling.