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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite? «^«^itoaiiiBwi^tasawuoiniioiBhM DIE WAtlRJiEll Knie und werfen uns vor dir nieder!" — Man wirft der Religion vor, daß sie ihre Bekenner zu Bigotterie, zu Dummgläubigkeit und zu knechtischer Urteilslosigkeit künstlich heranzüchte. Der Parteigötze von heute, wie er sich in den Parteiblättern offenbart, ist in diesem Belange ein Kapitel für sich. Wehe dem, der da wagt, an den „Wahrheiten" der Partei zu zweifeln oder nicht gewillt ist, ihre Dogmen gläubig nachzubeten. Ihm droht eine Parteiinquisition, die den Aermsten nicht eher frei gibt, bis er nicht den berühmten Kanossagang geleistet und sein „peccavi" oder „chotosi" auf den Knien gestammelt hat. S c h u b a r t hat den Satz niedergeschrieben: „Priesterhaß erlöscht nicht eher, als bis er den Gegenstand seiner Wut zerstört hat." Man kann hier getrost und wahrhaft das Wort „Priesterhaß" durch „Parteihaß" ersetzen. Vor Gott und Religion wird heute von einem großen Teil der Kniefall versagt, aber willig und gerne vor dem Gotte „Partei" getan. Der Religion hat man furchtbar verargt, daß sie Ehrerbietung, Respekt und das Recht auf Heiligkeit für sich von den Menschen fordere; der Parteigott ist unduldsamer, ehrsüchtiger und kleinlicher als jeder Weltenschöpfer. Der Freigeist leugnet Gott, verachtet ihn, weil er durch seine Priester um Opfergaben bettelt, beugt aber Knie und Rücken, auch Geist und Gewissen vor dem Parteigötzen, den er anbetet, dem er opfert, von dem er sich aussaugen läßt, und dennoch an ihn fest und heilig glaubt. Die Menschen sind nicht „gottlos" geworden, haben nur einen neuen Gott, der sie aus ihrer Not erretten soll, ein neues Bethaus, in dem sie Trost und Erbauung suchen, eine neue Religion, zu der sie sich bekennen, die heißt: „Parteigeist". Man achtet die Feiertage Gottes gering, erscheint aber vollzählig und feiertägig geschmückt zu den Seullle&cn. Das neue Jahr wird gut! Von Josef Kaplan (Fulda). Glauben Sie es mir, denn ich weiß es ganz genau, direkt aus erster Quelle: Das neue Jahr wird s o schön und s o vollen Glückes sein, daß wir unsere reine Freude daran haben werden! Ich sage dies nicht etwa den Miesmachern zum Trotz, oder den Schwarzsehern zum Aerger, sondern weil ich mich im — Himmel verpflichtet habe, es allen laut und deutlich zu sagen, damit sie es wissen. Es fing so an: Ich hörte gerade einen sehr interessanten Vortrag mit dem Thema: „Was wird uns die Zukunft bringen?", als ich, angeregt von einem gähnenden Nachbarn, ebenfalls zu gähnen anfing, und zwar so reichlich und ausgiebig, daß ich mir sofort gesagt habe: entweder jetzt oder nie — das heißt einschlafen. Und so reckte ich mich denn ein wenig, neigte gar anmutig meinen Kopf auf die Seite und begab mich schnell entschlossen ins Traumland. Ich befand mich irgendwo. Die Sonne lachte munter und lustig übers ganze Gesicht; ein wenig „heiligen Parteieinberufungen" und Parteitagen unserer Zeit. Wer immer die betenden Menschen sieht, wie sie sich bücken und beugen, wie sie Hymnen und Loblieder zur Ehre Gottes anstimmen und dann verärgert und in vermeintlicher Aufklärung von „Volksverdummung" sprechen, eile nur in die Partei Versammlungen jeder Art und frage sich: „Ma nischtane?" Was ist der Unterschied? — Im Aeußerlichen hat der Götzendienst seit jeher dem Gottesdienst alles abgeguckt und gleichgetan und der falsche Prophet verstand immer schon so zu sprechen, daß er vom echten kaum zu unterscheiden war. Wer eines vom anderen unterscheiden will, muß ein Gefühl für Wahrheit und Wahrhaftigkeit in sich haben, muß über jene innere Stimme verfügen, die sich nicht täuschen und betrügen läßt. Er wird auch heute noch sehen, daß viele, die vor der Tora nicht aufstehen, vor einer Parteihymne in Verzückung dastehen, die bei dem „Dreimalheilig" den Rücken kehren, ihn vor der Heiligung des Parteiführers demütig beugen und diejenigen, die lächeln, wenn sie eine fromme Menge vor Gott auf den Knien liegen sehen, in tiefstem Ernste und seelischer Erschütterung vor dem Parteigebot im Staube liegen. Die Menschheit gleicht heute zum großen Teil der stolzen Michal und hält sich ferne, wenn sie vor Gott niederfallen und sich bücken soll. „Und Michal", so heißt es in der Schrift, „blieb kinderlos bis an den Tag ihres Todes." Der Parteihochmut ist eine unfruchtbare Sache und baut für die Zukunft schlecht vor. Vielleicht wird es nicht allzulange dauern und man wird sich von der unfruchtbaren Michal abwenden und reumütig zur Weltanschauung Davids, zu einer Wahrheit, die alle Parteien überdauern wird, zurückkehren, zu der Wahrheit, die heißt: „Wir aber beugen das Knie, wir bücken uns und bekennen den König aller Könige." abseits hing der Mond und ruhte sich aus, während er neue Kraft schöpfte, um am kommenden Abend wieder „Guter — stiller — Mond" sein zu können: ein milder Wind wehte hin und her und umgekehrt, zustimmend bewegten sich die Bäume im Takte. Allerwärts zwitscherten Vögelein, Nachtigallen veranstalteten ein köstliches Wettsingen und der Kuckuck machte unauhörlich „Kuckuck" — kurz: es war ein feines W'etter. So schlenderte ich dahin auf moosbedecktem Boden, sah hierhin und dorthin, las aufmerksam die Straßennamen und dachte: nun, bald muß ich doch da sein? Weit kann es nicht mehr sein! Und wie ich so dahingehe, kommt mir ein weißer Schutzmann entgegen, mit riesigen Flügeln auf dein Rücken, und sagt freundlich: „Sie, Jungermann, was haben Sie hier herumzustrolchen? Was suchen Sie hier, wie?" Ich wurde ganz verlegen, denn ich konnte ja die Fragen gar nicht beantworten; ich wußte ja selber nicht recht, weshalb ich hier war. „Bäh", machte ich und begann zu stottern, wie ein jahrelanger, prämiierter Stotterer. „Bäh", grinste der Schutzmann, „Hier treibt man sich nicht herum, so planlos, so ohne Sinn, wie bei euch da unten — marsch mitgegangen!" Er faßte mich am Arm und so wurde ich mitgenommen. Es dauerte gar nicht lange, so kamen wir vor ein riesengroßes Gebäude. Wir gingen

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