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Die Wahrheit · 1929-10-04 · Heft 40-41 (4.10.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 40-41 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen ^udi^WcJmiJu^t mit dmm Veröffentlichungen der „Union denfschdsferr. Juden4* und den »Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kulfusgemeinde Wien" V(!»;«<"<| ^'MUMmwnWilMMHHnifflM^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 4. Oktober 1929 Nummer 40/41 „ Wir aber beugen das Knie, wir bücken uns Eine Betrachtung zu d Von Dr. Viktor Kur Den ehrfurchtgebietenden Tagen ist ein Symbol von Wucht und einschlagender Kraft vorbehalten. Bei „Alenu" und in der „Abodah" fallen die Beter in Israels Bethäusern nieder, berühren mit dem Leib die Erde, mit den Stirnen den Boden und bekunden so ihre Unterwerfung unter die Hoheit Gottes. Das Stolze wird gebeugt. Der Mensch mit steifem Nacken, steifem Rücken und stolzer Stirne liegt im Staube, entkleidet sich seiner Würde, um sich vor Gott, dem Hohen und Erhabenen, zu erniedrigen. Bei uns Juden, die wir sonst stehend oder sitzend beten, ist das Niederknien und Niederfallen an diesen besonderen Tagen des Jahres immer ein Ereignis. Deshalb ist es wohl bemerkenswert, daß das Niederfallen bei der „Abodah" von den Kodifikatoren nur als Minhag, als „Brauch" bezeichnet wird und ihm nicht die Bedeutung einer göttlichen Vorschrift zukommt. Es läßt sich auch nicht feststellen, wann diese Sitte in die Gotteshäuser Israels Eingang gefunden hat; man kann nur sagen, daß sie Isak Or Sarua bereits kennt. Der Wille, einer tief innerlichen Frömmigkeit einen starken, äußerlichen Ausdruck zu geben, hat sie bereitwillig aufgenommen und in Uebung gebracht; sie ist heimisch geworden und gehört bereits zum festen Rituale der hohen Tage. Gerade deshalb, weil auch Kirchen und Bekenntnisse auf die Einrichtung, die Unterwerfung des gottgläubigen Menschen vor dem Herrn der Welt sinnfällig zu bekunden, nicht nur nicht verzichten, sondern von ihr ausgiebig Gebrauch machen, wird sich eine Zeit und ein Geschlecht, das sich gewöhnt hat, das Haupt recht hoch zu tragen, den Rücken nicht gerne zu beugen, die richtige Einstellung zu diesem demütigenden Dienste vor Gott suchen sollen. Ein Bild von bezwingendem Kolorit zeichnet die Bibel. König David tanzt hinter der Bundeslade. Seine hochmütige Gattin Michal sieht vom Fenster aus dem Tun des Königs zu und gibt ihrer Geringschätzung darüber Ausdruck: „Wie ehrenvoll hat sich doch heute ein König vor den Augen der Mägde und Diener bloßgestellt; wie sich bloßstellt einer der Leichtfertigen!" David erwidert ihr die unsterblichen Worte: „Vor dem Gotte, der mich deinem Vater und seinem ganzen Hause vorgezogen en hohen Feiertagen. rein, Linz a. d. D. --vor diesem Gotte habe ich getanzt uncfTfatte ich mich noch mehr gedemütigt und wäre ich niedrig in meinen eigenen Augen, so würde ich doch bei den Mägden, von denen du sprichst, geehrt sein.*' Michal hat kein Verständnis für eine Frömmigkeit, die keinen Stolz und Hochmut, nur eigene Kleinheit und Unzulänglichkeit vor Gott kennt, ist in ihrer Gesinnung die Sprecherin aller jener, die es in ihrem Persönlichkeitskuitus nicht ertragen, der Religion einen Kniefall machen zu müssen. Sobald die Feiertage anheben und die Religion zum Dienste ruft, teilen sich die Menschen in zwei Gruppen: diejenigen, die sich in Demut Gott nähern, und jene, welche gleichsam vom Fenster ihres Palastes zusehen und nur hochmütige Ablehnung für das Tun der anderen übrig haben. Es ist Tatsache geworden, daß die Weltanschauung, die sich das „Völkische" zum Inhalt des Lebens und Denkens gemacht hat, den Dienst für das Göttliche, den sogenannten „Kultus** mit bewußter Konsequenz ablehnt. Gegen das Recht, sich seine Weltanschauung zu wählen, darf man heutzutage keinen Einspruch erheben. Wenn aber alle Parteien an der Religion und allem, was mit ihr zusammenhängt, ihre Kritik üben dürfen, so darf auch die Religion an dem, was man „Partei" nennt, Kritik üben. Der Gedanke, daß sich die Menschen in Parteien einteilen müssen, ist scheinbar nicht neu, hat schon im Altertum die Menschheit beherrscht, ist nur heute wieder zu besonderer Reinkultur emporgediehen. Wenn es in dem Neujahrsgebete heißt, daß „sich vor dir alle Geschöpfe beugen sollen und einen einzigen Bund allesamt bilden mögen, um deinen Willen mit ganzem Herzen zu tun", so ist es die „Partei von heute", die diese Taktik der Religion buchstäblich übernommen hat. Man wirft der Religion Fanatismus und Zelotismus gegen alle Nichtgläubigen vor. Was aber ist der Fanatismus und Zelotismus der Religion gegenüber dem des Parteigottes? Der Gott der Rache des alten Testaments ist längst zu einem Waisenkind im Vergleiche zu dem terrorisierenden Parteigötzen geworden, der verlangt, daß alle vor ihm demütig im Staube liegen und rufen: „wa'anach'nu kor'im", „Wir beugen vor dir das

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