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Die Wahrheit · 1929-09-27 · Heft 39 (27.9.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 39 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Diese wurde durch drei Chorvorträge des Jüdischen Gesangvereines eingeleitet, der unter Leitung seines Dirigenten Professor A. Dzimitro vsky an diesem Abend eine besonders meisterhafte Leistung vollbrachte und wahre Beifallsstürme erntete. Hierauf brachte Fräulein Margarete B a c h in formvollendeter Weise den der Feier gewidmeten Prolog des Herrn Prof. Heinrich Glücksmann, Dramaturg des Deutschen Volkstheaters, zum Vortrage und verstand es, dieser herrlichen Schöpfung aus Glücksmanns bewährter Meisterfeder eine ebenso feinfühlige wie glänzende Interpretin zu sein. Dem Autor und der Vortragenden wurden begeisterte Ovationen bereitet. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Festrede Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. 1. Taglicht, dem es ausgezeichnet gelang, einem zum größten Teile Laienpublikum darzutun, was der Philosoph Moses Mendelssohn seiner Zeit und was er uns Juden noch heute bedeutet. Er skizzierte das Leben dieses Geistesheroen, der sich von kümmerlichen Anfängen zu einer Höhe emporgeschwungen, wie sie nur wenige erklommen haben, erzählte von seiner Freudschaft mit L e s s i n g, der ihm im „Nathan der Weise" ein bleibendes Denkmal gesetzt und untersuchte hierauf in geistreicher Weise seine philosophischen Werke auf ihren Zusammenhang mit Talmud und Bibel. Schließlich sprach er vom Juden Mendelssohn, der seinen Glaubensgenossen den Kreis deutscher Kultur geöffnet, dennoch aber stets selbst am Väterglauben festhielt und auch seine Brüder zur Treue für diesen Glauben aneiferte. So entrollte sich vor den Augen der begeisterten Zuhörer ein Bild vom Wesen und Schaffen Moses Mendelssohns, festgehalten von einem Meister des Wortes und der Gedanken. Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n sprach allen Anwesenden aus dem Merzen, als er Rabbiner Dr. I. T a g i i c h t ebenso wie allen anderen, die zum Gelingen der schölten Feier durch ihre Mitwirkung beigetragen, den herzlichsten Dank der „Union" aussprach. Den Abschluß bildete ein Chorvortrag „Josua" des Jüdischen Gesangvereines, der besonders wirksam war und bei dem die Altstimme der Solistin Grete Körner sehr angenehm auffiel. Alle Teilnehmer der Feier waren einer Ansicht, daß ein solcher Abend zu den schönsten gehört, die im jüdischen Wien in letzter Zeit veranstaltet wurden. Er wird ihnen allen in guter Erinnerung bleiben. * Prolog zur Mendelssohn-Feier der „Union". Von Prof. Heinrich Glücksmann. In Dessau war *s, im Heim des Judenlehrers, In enger, dumpfer, dichtbehauster Stube, Vor zweimal hundert Jahren just, da schallte Ein erster Lebensschrei in Welt und Zeit. Und Welt und Zeit, sie mochten andachtsam Dem Gruß des Neugebor'nen lauschen und Mit stolzbeglücktem Willkommen ihn bedanken, Denn der da in dem Wiegenkorbe lag, Ein Bote Gottes war er an die Menschen, Bestimmt zum Herold einer Himmelsbotschaft, Zum Finder und zum Künder jener Lehre, Der Weisheit Liebe ist und Liebe Weisheit, Zum Fackelzünder und zum Fackelträger Des deutschen Geistes für sein eig'nes Volk. Auch er, auch Moses Mendelssohn, er schritt Getreu in seines großen Ahnen Spuren Und führte aus Gefangenschaft und Wüste Die Brüder in ein Land des Heils, des Licht's Und schlug mit seiner Seele an den Felsen, Davor sie durstend standen, und erschloß Den Born gar reicher Labnis ihren Seelen. — Er, dem das „Lernen" Lebens Sinn und Zweck, Er lernte ohne Rast, wiewohl er hungernd Den magern Brotlaib sieb'mal für "die Woche In Schnittchen teilte, und was er auch lernte, Das wurde Saat und Blütenduft und Frucht Den Volksgenossen und den Zeitgefährten. Denn um die Not des Leibes übersah Er nicht die allgemeine Geistesnot, Er zog die Spekulanten um ein Nichts, Die über morschen Blättern kauerten. Zu rechten Wahrheitsforschern, blies die Glut Der Landesliebe in die dorren Herzen. Die Biene seiner Güte flatterte Zu seiner Nächsten heimatlicher Enge, Umkoste sie, trug ihnen Honig zu, Enthob die lange eingepferchten Sinne Aus trüber Haft zu weltweitem Geschehen, Ließ innern Reichtum aus gedüngtem Boden Des äußern Elends quellen, schwelten, reifen . . .

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