Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 39 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064235--17497-3087624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
an manche nichtmohammedanische Völkerschaften richten könnte, die sich ihrer modernen Kultur und Zivilisation rühmen und doch so oft den mörderischen Hetzern gegen die Juden freien Spielraum einräumen. * Die Juden, die mit unver welkbar er Dankbarkeit die Namen der Edlen bewahren, die je laut und unzweideutig ihre Stimme für sie erhoben, werden es nie vergessen, mit welch hinreißender, leidenschaftlicher Erregung Winston Churchill für sie eingetreten. Sie werden es auch zu würdigen wissen, daß der greise Qraf Albert Apponyi anläßlich der Palästinadebatte in Genf die dringende Aufforderung an die Mandatsmacht richtete, den Juden, die im Vertrauen auf sie nach Palästina zogen, ihren vollen Schutz angedeihen zu lassen. Daß der sprachgewaltige Staatsmann, von dem überdies auch bekannt ist, daß er persönlich stets ein Verächter des Antisemitismus war, in Genf nur in gedämpften Tönen die Brandmarkung der in Palästina gegen die Juden verübten Greueltaten vollzog, ist begreiflich. Wie hätte dieser Mann sprechen können, wenn ihn die Erinnerung au sein eigenes Vaterland nicht doch einige Reserve auferlegt hätte? * * * Für einen Kulturhistoriker vielleicht dereinst doch kommender besserer Zeiten dürfte es lohnend sein, eingehender bei dem Umstände zu verweilen, daß in Genf die Palästina-Ereignisse fessellos, von Rücksichten und Bedenken frei, nur von dem — abessinischen Delegierten erörtert würden. Andarju Massi, dies ist der Name des undiplomatischen, eine christliche Macht Afrikas vertretenden Diplomaten, schreckte sogar vor der Kühnheit nicht zurück, im Namen des Christentums darüber Klage und Anklage zu erheben, daß auch der christliche Klerus in Palästina bei diesem Anlasse sich nicht seiner hehren Aufgabe gewachsen zeigte, ja, statt den Arabern entgegenzutreten, auch an den Demonstrationen teilnahm. Der Abessinier gab schließlich dem Wunsche Ausdruck, von Genf aus mögen die Christen in Palästina ermahnt werden, sie sollen sich — mindestens korrekt verhalten. Diese Stimme aus Afrika, die Europa über menschliche und noch mehr über christliche Pflichten belehrt, verdient wahrhaftig schon als Kuriosum Beachtung. * * Die „Dötz" legt sich auch weiter keinerlei Zurückhaltung in der Behandlung des Halsmann- Prozesses auf. Im Gegenteil, sie wagt es immer ungenierter, hierbei auch dem Gesetze ins Antlitz zu schlagen. Die Aussage des Gendarmerieinspektors Weiler, daß der Angeklagte auf dem Tatorte für alles, was um ihn vorging, Interesse zeigte, wurde von sämtlichen Wiener Tagesblättern unter harmloser Aufschrift mitgeteilt. Die „Dötz" aber bringt sie unter der Aufschrift: „Der neugierige Meuchelmord er!" Das Blatt ist nicht erst neugierig auf das Verdikt der Richter. Es kümmert sich einen Pfifferling darum, daß selbst der Vorsitzende und der Staatsanwalt in diesem Stadium eines Prozesses sich einer Gesetzesverletzung schuldig machen würden, wenn sie den Angeklagten bereits als einen überwiesenen Meuchelmörder bezeichneten. Für die „Dötz" gibt es keine Zurückhaltung, keine gesetzliche Schranke; ohne sich von Anzengrubers Geist auch nur berühren zu lassen, scheint sie mit seinem Steinklopferhans zu denken: „Es kann dir nichts geschehen . . ." * * * Die „Dötz" ist aber vielleicht doch zu unvorsichtig. Sie übersieht ganz die Möglichkeit, daß der legale Verteidiger flalsmanns, wenn er es der Mühe wert fände, seinen Klienten gegen die „Dötz*4 zu schützen, auch die voreiligen tückischen Verurteiler des Angeklagten auf die Anklagebank bringen könnte. Täte er dies, würde selbst ich jedem, der das Gesetz respektiert, raten, gefälligst abzuwarten, als was der hierzu berufene Richter es qualifizieren wird, daß die „Dötz" schon am vorigen Dienstag Philipp Halsmann als einen „neugierigen Meuchelmörder" bezeichnete. Bis dahin sollte man sich begnügen, das Verhalten der „Dötz" als unqualifizierbar zu bezeichnen. Viel bemerkt wurde das hübsche Manöver, durch das ein „unbekannter Täter" seiner Meinung, wie der Prozeß geführt werden müsse, Ausdruck gegeben hat. Der unbekannte brave Mann hat nämlich das Kreuz, mit dem in der Skizze des Untersuchungsrichters der Tatort bezeichnet gewesen, in ein — Hakenkreuz verwandelt. Welch zarte Andeutung! Wie rührend der verräterische Wunsch, die Wahrheit im Innsbrucker Sensationsprozeß möge nicht im Zeichen des Kreuzes gesucht werden, das jedem Christen auch an das heilige Gebot inahnt, sondern im Zeichen des Hakenkreuzes, das so oft schon die Lehren des Hasses, der Lüge und Verleumdung gegen die Juden sanktionierte. # * * In der Sonntagsnummer eines ungarischen Blattes, das von der Ueberzeugung ausgeht, daß man in den maßgebenden Kreisen die Nutzlosigkeit, ja — Nichtsnutzigkeit des Numerus clausus bereits eingesehen, lesen wir u. a.: „Erstaunlich ist bloß, daß er noch besteht, dieser unglückselige Numerus clausus, der Ungarns guten Ruf im Auslande geschädigt hat und noch immer schädigt. Aber auch in Ungarn selbst muß man sich immer fragen, welche Kräfte denn am Werke sind, um den Numerus clausus bestehen zu lassen, den kein Staatsmann von Rang und Ansehen billigen kann." Donnerwetter, denkt der erstaunte Leser, ist das ein kühnes, radikales Oppositionsblatt, das so gegen das Kabinett Bethlen loszugehen wagt, das Staatsmännern wie Bethlen und Klebelsberg als willen- und kraftlose Schwächlinge charakterisiert, die sich von geheimen „Kräften" zwingen lassen, den Numerus clausus aufrecht zu erhalten. Aber wie erstaunt muß erst der Leser sein, wenn er die eben zitierten Worte just im offiziellsten Regierungsblatte, dem „Pester Lloyd" findet. Am erstauntesten aber müßten die Grafen Bethlen und Klebelsberg sein bei dem Gedanken, welchen Eindruck es machen muß, wenn die leitenden Minister eines Staates sich an leitender Stelle in einem ihnen so nahestehenden Blatte sagen lassen, daß sie Niemande sind, die sich ganz gegen ihren „Willen" von dunklen „Kräften" zur Aufrechterhaltung und Vertretung von Dingen mißbrauchen lassen, die Ungarns guten Ruf schädigen. Ganz abgesehen auch von dem guten Rufe der Grafen Bethlen und Klebelsberg. " Ego.