Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-09-27 · Heft 39 (27.9.1929) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 39 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064235--17496-3087623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT iMuliUifflfflnuriwiWffitwtt Seite 9 Osten. Von überall kommt uns Kunde der Trauer um diese große jüdische Persönlichkeit und der Liebe zu ihr. Man ist überzeugt, daß sein jahrzehntelanges Wirken so tief und nachhaltig gewesen ist. daß es über seinen Tod hinaus fortdauern wird, und daß in seinem Geiste die jüdische Arbeit in allen Ländern fortgesetzt werden wird. Bei der Familie Louis Marshall sind n a h e z u 1000 B e ileidstelegrammc aus allen Ländern der Welt eingelaufen. __ Ein Todesopfer der Zustände auf der polnischen Paßstelle. Ein alter Rabbiner vor Aufregung vom Schlag getroffen. Die Verhältnisse ärger als im Kriege. Vorige Woche hat sich auf der polnischen Paßstelle in Wien ein erschütternder Vorfall abgespielt. Ein alter, weißhaariger Rabbiner, der sich seinen Paß verlängern lassen wollte, ist vor Aufregung über die Plackereien vom Schlag gerührt, gestorben. Wir erfahren darüber: Der 60jährige Rabbiner Szlome Feibus Rybak aus Astrow in Lomzach war zum Weltkongreß der Aguda nach Wien gekommen, und hatte sich das polnische Visum gerade nur für die Dauer des Kongresses besorgt. Hier in Wien hatte der Mann einen Spezialarzt konsultiert, der ihm dringendst eine Kur verordnete, da der Rabbiner an Arterienverkalkung leidet. Der Arzt bescheinigte dem Rabbiner in einem gestempelten Zeugnis, daß er schwer herzleidend und absolut transportunfähig sei. Mit dem Zeugnis ging der Mann zur polnischen Gesandtschaft, und wies es vor, um schneller eingelassen zu werden. Der Portier ließ ihn aber nicht ein, sondern verhielt ihn, aui der Straße zu warten, weil in dem ärztlichen Zeugnis nur geschrieben stand, daß der Rabbiner infolge der Arterienverkaltung in Wien bleiben müsse. Der Portier gab dem alten Manne die Nummer 22. Nun stand der Rabbi auf der Straße und wartete. Dann kam er ins Stiegenhaus. Dort wurde er zum ersten Male von Lieblichkeiten befallen und mußte sich niedersetzen. Aber noch immer ließ man ihn nicht in das Konsulat, obgleich er sein ärztliches Zeugnis hochhielt. Endlich nach zweieinhalb Stunden Wartezeit kam er in den Vorraum, und dort bedeutete ihm der Beamte, daß es Vorschriften gebe ... und daß er das ermäßigte Visum wahrscheinlich nicht bekommen werde. Das war dem Herzkranken zu viel. Mit einem Schrei stürzte er zusammen. Und jetzt hatten es die Beamten auf einmal eilig. Ein Wachmann wurde geholt, die Rettungsgesellschaft gerufen, aber es war zu spät. Der Rabbi war vor Aufregung gestorben. Dieser Vorfall wirft ein grelles Schlaglicht auf die unerhörten Zustände, die auf dem polnischen Konsulat herrschen. Die Warteräume sind eng, schmutzig, mit einigen ungefügen Holzsesseln ausgestattet: aber diejenigen, die in diese Warteräume gelangen, sind ja eigentlich schon die Glücklichen. Viel schrecklicher ist der Weg, den man zurücklegen muß, bis man in das „Heiligtum" gelangt. Die polnische Paßstelle ist anscheinend der Ansicht, daß die Erteilung eines Sichtvermerkes eine Gnade sei, abhängig von der Laune des Herrn Beamten. Im Tag werden kaum mehr als fünfzig polnische und fünfzig Auslandspässe vidiert, wenn auch der Herr Konsul behauptet, daß 250 Pässe im Tag abgestempelt wurden. Da nur eine ganz kleine Zahl von Paßwerbern wirklich abgefertigt wird, beginnt tagtäglich in den frühen Morgenstunden, oft auch schon am späten Abend, der Anmarsch der Paßwerber. Man fühlt sich in die schlechten Tage der Kriegszeit versetzt, wenn man spät nachts über den Rennweg geht und auf kleinen Sesseln, oft aber auch nur auf den Randsteinen der nahen Konditorei Menschen sitzen sieht, die v/arten. Endlos warten, bis es den Herren Beamten beliebt, ins Büro zu kommen. Und gerade die Armen sind es, die am ärgsten daran sind. Denn für ein Visum muß man 240 Zloty bezahlen. Nur auf ganz komplizierte Art und Weise gelingt es, eine Ermäßigung zu erreichen. Endlich um 9 Uhr morgens beginnt die Ausgabe der Nummern. Der Portier verteilt, er sagt, unparteiisch (!) die Marken. Und dann heißt es noch mindestens drei bis vier Stunden warten. Zunächst auf der Straße. Wachleute müssen hier Ordnung schaffen: es gibt Tag für Tag erregte Auseinandersetzungen zwischen den Menschen, die hier Polonaise stehen und dem polnischen Amtskäppi, das sein „Schluß" brüllt und die Leute wegschickt. Weinende Frauen erzählen, daß sie schon den vierten Tag warten, ohne das Visum bekommen zu haben. Hat man endlich das Haustor passiert — ob schön, ob Regen müssen die Leute im Freien stehen —, so muß man auf der zugigen Treppe warten, bis man endlich in dem hölzernen „Trichter" förmlich zum Schalter gepreßt wird. Damit ist der Leidensweg aber noch immer nicht zu Ende. Freundlichkeit scheinen die Beamten der Paßstelle nicht zu kennen. Die Beamtinnen und Beamten, ja selbst die Vorzimmerdiener suchen einander an Unhöflichkeit und Arroganz zu übertrumpfen. Und so ging es auch dem armen alten Rabbiner, der gezwungen war, sich einen polnischen Paß verlängern zu lassen. Und so geht es jedem, der mit Polens Paßstelle zu tun hat. Polen ist in die Reihen der großen Staaten eingetreten. Findet die polnische Republik es nicht für unwürdig, daß ihre Beamten, die Repräsentanten des Landes, nur weil sie exterritorial sind und sich exterritorial fühlen, derartige Zustände erlauben? Qfejrren* Winstori Churchill, der frühere britische Schatzkanzler, den noch niemand verdächtigte, daß er von Juden abstamme oder mit Juden verschwägert sei, hat in einer Studie über die Ereignisse in Palästina u. a. zwei Tatsachen festgehalten. Erstens, daß die Juden den Arabern nichts als gute Gaben ins Land gebracht haben, erhöhten Wohlstand, vermehrten Handel, verdoppelte Quellen des Gewinnes, gesteigerte Zivilisation, vervielfachte Beschäftigungsmöglichkeiten, höhere Löhne usw. usw. Zweitens, daß in jüngster Zeit durch einen von Hetzern arrangierten Ausbruch religiöser und Rassenleidenschaft 200 Morde größtenteils an wehrlosen Juden verübt wurden. Winston Churchill meint, entsetzt über die Unduldsamkeit und Grau-, samkeit der Araber, hingerissen von glühender Begeisterung für Menschlichkeit und Gerechtigkeit, daß diese Leistungen der Juden auch ohne Balfour- Deklaration den starken Schutz und die Sympathien aller freien und gerechten Menschen verdienen würden. Die Juden haben sicherlich keinen Anlaß, für die Bekenner des Islams Milderungsgründe zu suchen, aber sie würden es doch begreifen, wenn die Araber dem edlen, vorurteilslosen Churchill die Antwort gäben, daß er seine zürnende Rede auch Hl KLEIDERHAUS SCHACHTER XII., MEIDI. HAUPTSTR.26-TEl.R313 76 Größte Auswahl in fertigen Herren- und Knabenkleidern in besterQuaütät "J*r Eigene Werkstatte für feine Maßarbeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.