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Die Wahrheit · 1929-09-27 · Heft 39 (27.9.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 39 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 mammm&tm DIE WAHRHEIT dere hat die Wiener Tagespresse ihre fähigsten Berichterstatter nach Innsbruck entsendet, vielleicht schon deshalb, um durch sie auch jenseits unserer Grenzen zu verkünden, daß einem einmaligen Uebelstand auch in Oesterreich abgeholfen werden kann. Wir veröffentlichen im folgenden den Artikel des Berichterstatters des Wiener „Tag", Hans M a r g u 1 i e s, am Tage der plötzlichen Verhandlungsunterbrechung, weil daraus die in diesem Momente entstandene Stimmung deutlich zu ersehen ist: Der so ungewöhnliche Prozeß endete gestern vormittags auf ganz ungewöhnliche Weise. Endete — der Ausdruck ist nicht ganz richtig. Der Prozeß wurde nach zehntägiger Dauer auf unbestimmte Zeit vertagt und so aus der Ordnung fallend, wie die Anklage, ist auch die Begründung des Vertagungsbeschlusses. Das Gericht zog nach stundenlanger Beratung, wie es in der Begründung des Vertagungsbeschlusses heißt, die Konsequenz daraus, daß das Fakultätsgutachten, das zwar noch nicht zur Verlesung kam, über dessen Inhalt aber durch verschiedene Anträge der Verteidigung schon Wesentliches bekannt geworden war, den wirklichen Verhältnissen nicht entspricht. Obwohl die Unrichtigkeiten, von denen sich der Gerichtshof jetzt überzeugt hat, schon vor vier Monaten dem Gerichte zur Kenntnis gebracht worden waren, hatte sich die Ratskammer mit der Ungründlichkeit, die leider manche unsere oberen Gerichtsinstanzen auszeichnet, darüber hinweggesetzt, so daß, deutet man es richtig, die Erklärung des Vorsitzenden, der Gerichtshof sei selbst zur Ueberzeugung gelangt, daß die Grundlagen des Fakultätsgutachtens nicht richtig sind, einer vernichtenden Kritik an der Entscheidung der Ratskammer gleichkommt. Wir halten also bereits so weit, daß nicht nur der Untersuchungsrichter hat zugeben müssen in geradezu unglaublicher Weise, unter Stottern und mit Zuhilfenahme zahlloser „Erinnerungslücken", er habe alles unterlassen, was zur Ergreifung eines unbekannten Raubmörders, auf den manche Spuren und die ganze Art des Verbrechens hinweisen, hätte führen können. Ja noch viel weiter sind wir bereits bei der Feststellung, daß auch die Wissenschaft Irrwege gegangen ist, und so unvorsichtig war, sich dabei erwischen zu lassen. Zur Ehre des Vorsitzenden muß gesagt werden, daß ihm selbst der Vertagungsbeschluß furchtbar schwer fiel. Er war so bewegt, daß er kaum sprechen konnte. Und der Verzweiflungsausbruch Halsmanns, der das Entsetzlichste war. der jedem ins Ohr gellte und dort haften bleibt, erschütterte ihn sichtlich. Auch die Ergriffenheit des Vorsitzenden war ein menschlich rührender Zug. Und bei dieser Gelegenheit sei es gerne nochmals festgestellt: Der Gerichtshof, allen voran der Vorsitzende, hat den Prozeß in vorbildlicher Weise geführt, mit einer Vornehmheit, die sich so mancher Richter zum Beispiel nehmen könnte. Hiebei muß auch gesagt werden, daß der leidenschaftliche Kampf, den die Verteidigung um die Klärung des Falles und um die Befreiung ihres Klienten führt, auch bei dem Staatsanwalt auf volles menschliches und sachliches Verständnis traf. Eine vornehme Haltung, die man von dieser Seite nicht immer zu sehen gewohnt ist. Seit März hat man Zeit gehabt, den Prozeß vorzubereiten. Der neue Untersuchungsrichter hat alles getan, was in seiner Macht stand, aber von den anderen Gerichtsinstanzen läßt sich das leider nicht behaupten. Es ist unendlich viele Zeit ungenützt verstrichen. Was macht es auch aus, wenn ein Untersuchungsgefangener, der sich überdies noch dadurch unbeliebt machte, daß der Oberste Gerichtshof das Urteil gegen ihn als nichtig erklärte, ein paar Monate länger in der Zelle schmachtet! Hätte man aber diese Zeit, wie es sich gehört, wirklich zur gründlichen Vorbereitung verwendet, dann hätte Herrn Dr. Kasperer nicht vor der ganzen Oeffentlichkeit nachgewiesen werden müssen, daß er recht merkwürdige Auffassungen von seiner Pflicht als Untersuchungsrichter besitzt und dann hätte die medizinische Fakultät sich nicht so viel unangenehme Wahrheiten sagen lassen müssen..... Und doch liegt etwas in der Luft. Und wenn man den Vermutungen Glauben schenken will, so bereitet sich eine Wendung vor, die diesem so ungewöhnlichen Prozeß auch, ein ungewöhnliches Ende bereiten könnte. Währenddessen aber sitzt ein Verzweifelter in seiner Zelle, weinen zwei Frauen im Dunkeln und die Gerechtigkeit irrt heimatlos um das Gerichtsgebäude. | LouisMarshall.\ Beileidskungebungen. Herbert Hoover, Präsident der Vereinigten Staaten: Ich bin sehr betrübt über den Hingang meines Freundes Louis Marshall. Seine eminenten Verdienste um das Recht, um die Regierung der Vereinigten Staaten, um die Versöhnung der verschiedenen Teile der Bevölkerung, um das allgemeine Wohlfahrtswesen, werden unvergessen bleiben, da sie von dauerndem Wert für unsere Staaten sind. Seine jüdischen Brüder werden noch lange seiner erfolgreichen Tätigkeit im Dienste der Förderung der gegenseitigen Achtung und und Freundschaft unter den Rassen gedenkei. Von allem aber werden wir ihn im Gedächtnis behalten als einen liebenswerten Menschen und treuen Freund. James Walker. Bürgermeister von New York: Louis Marshalls stets waches Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten der Vereinigten Staaten und der Stadt New York, sein staatsbürgerlicher Geist und seine Hingabe an die Religion seiner Väter machen ihn für jeden Amerikaner zum nachahmenswerten Beispiel. Felix M. Warburg: Die Nachricht vom Ableben Louis Marshall hat alle, die den Vorzug hatten, seine nahen Gefährten zu sein, mit tiefster Trauer und dem Gefühl persönlichen Verlustes erfüllt, die nicht in Worten ausgedrückt werden können. Marshall und ich kamen beide vor 35 Jahren nach New York. Ich konnte mich zuerst seiner Bekanntschaft, dann seiner Mitarbeit und seines Rates und schließlich seiner Freundschaft erfreuen, einer Freundschaft, die sich während unseres letzten Zusammenseins in Zürich sehr vertieft hat. Ewig in Erinnerung wird mir der Augenblick bleiben, in dem — nach Beendigung der Jewish-Agency-Konferenz in Zürich — die ganze Versammlung, Repräsentanten und Judenheit der ganzen Welt, wie ein Mann aufstand, um Marshall den Tribut der Achtung zu zollen. Er hatte die Genugtuung, daß die von ihm mit soviel Hingabe ausgearbeitete Verfassung der Jewish Agency den Beifall aller gefunden hat. Sein erfreutes Lächeln, mit welchem er diese Ovation entgegennahm, drückte aus, daß dieses Gefühl der Genugtuung der einzige Lohn ist, den er von seinem Volke empfangen wollte. Eine schönere Krönung seines wundervollen Lebens konnten sich diejenigen, die ihn liebten, für ihn nicht wünschen. Ein schönes Leben ist zu Ende gegangen. Das Denkmal, das er sich in den Herzen seiner Landsleute und seiner jüdischen Brüder gesetzt hat, ist unzerstörbar; sein Andenken wird für immer seinen Freunden eine Quelle der Inspiration sein. Lord Melchett: Der Hingang meines Freundes Louis Marshall hat mich mit tiefem Schmerz erfüllt. Sein Tod schlug der Judenheit eine schwere Wunde. Sein Andenken wird stets unter uns fortleben als das eines edlen und gütigen Juden. Ich hoffe, daß in den Reihen der amerikanischen Judenheit ein Mann für wert gefunden werden wird, seinen Platz einzunehmen, um uns in der großen und schweren Aufgabe, die wir übernommen haben, zu unterstützen. Direktor Oskar Wassermann: Mit Louis Marshall ist ein Mann aus dem Leben geschieden, der für das zeitgenössische Judentum von allergrößter Bedeutung war. Der Verlust, den wir alle durch seinen Tod erlitten haben, kann nicht in Worten abgeschätzt werden. Ein überaus begabter, warmherziger und stets opferbereiter Mensch ist zu unserem tiefen Schmerze von uns gegangen; seine Werke aber werden weiterleben. Ein unvergängliches Denkmal hat er sich dadurch gesetzt, daß es ihm bei seiner unbestrittenen Autorität gelungen ist, die Einigung aller Juden beim Aufbau in Palästina zustandezubringen, und er hat als der erste Präsident des Council der Jewish Agency die Freude erlebt, zu sehen, v/elche Verehrung er auch unter den Juden Europas genossen hat Dr. Bernhard Kahn, der Leiter des Joint-Werkes in Europa: Seit dem Tode Moses Montefiores hat kein Todesfall so tief und schmerzlich alle Kreise der Judenheit bewegt, wie das Hinscheiden Louis Marshalls. Man sah zu ihm auf als zu dem Wortführer der Judenheit der Welt, als zu dem Wächter des Rechts und der Würde aller Juden, dem Helfer in allen jüdischen Nöten. Von ihm ging die Einigung aller Juden zu gemeinsamer Arbeit aus. Durch ihn fühlte man sich in Europa verbunden mit dem amerikanischen Judentum und der Gesamtjudenheit. Seit die Nachricht von dem Ableben Marshalls sich verbreitet hat, fühlten wir die Erregung und die Erschütterung in Deutschland, in Polen und im ganzen

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