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Die Wahrheit · 1929-09-20 · Heft 38 (20.9.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1 Seite 12 "mrT|im' DIE WAHRHfeji die Mandatsverwaitung wohl schwer enttäuscht, da sie damals Recht, Sicherheit und Ordnung nicht gewährleistete, aber ein allgemeiner Tadel gegen England vom Standpunkte des Wiederaufbaues sei zu verurteilen, denn ohne England gibt es nach der Ansicht des Redners keinen Wiederaufbau. Kein anderes Land kommt für das Mandat in Frage, die Uebernahme durch Amerika wurde bald dementiert, die durch Polen ist wohl nur als Scherz zu betrachten und auch Frankreichs und Italiens Aussichten sind gering. Es mehren sich aber auch in England die Stimmen für eine Rückgabe des Mandates, und es ist unter diesen Umständen nur eine amikale Lösung des Verhältnisses zwischen Juden und Arabern möglich. Die „Union" hat in der Palästina-Frage seit jeher eine vollkommen eindeutige Haltung eingenommen. Die Wiederauibauaktion zeigt von der ungeheuren Vitalität und Aktivität der Judenschaft, ist aber nur in religiösem Sinne, nicht in nationalpolitischenij zu lösen. Das Festhalten am letzteren Standpunkt ist der Kardinalfehler der ganzen Aktion. Auf den möglichen Einwand, daß ein Kritisieren jetzt leicht sei, sei betont, daß die „Union** von Anfang an eine reinliche Scheidung zwischen Palästinaaufbau und jüdischnationaler Agitation vorgenommen hätte. Die zionistische Führung zeigte wohl stets den größten Eifer, sie mußte aber mehr als jeder andere wissen, was sich in Palästina vorbereitete, einen ernsten Apell an die Judenschaft hat man von ihr nie gehört. Es kommt sogar jetzt vor, daß die traurigen Ereignisse in Palästina zu propagandistischen Zwecken mißbraucht werden. Als Lehre aus diesen Ereignissen, deren Entwicklung vor allem von England abhangt, ist zu ziehen: Ablehnung deis nationalen Chauvinismus, jedoch weiter Förderuns des Aufbauwerkes in religiösem Sinne. Wenn der nationale Chauvinismus keine Aenderung erfährt, dann wird das Aufbauwerk gefährdet sein. (Lauter Befall.) Dr. Ernst Feldsberg stellte in temperamentvoller Weise fest, daß wohl die ganze Judenschaft, die die Opfer in Palästina beklagt, die Pflicht habe, diesen Opfern mit Rat und Tat beizustehen und ihr Andenken als das von Märtyrern zu bewahren, daß sie aber ebenso die Pflicht habe, darüber nachzudenken, wie derartige Ereignisse in Zukunft zu verhüten sind. Mit der Balfour-Deklaration hat England der Judenheit gewissermaßen ein delphisches Orakel gegeben, denn es stand W17 noch lange nicht fest, wer das große Völkerringen für sich entscheiden werde. Ebenso wie England die Juden für sich zu gewinnen suchte, hat es auch die Araber in ihren Aspirationen bestärkt und als der Krieg gewonnen war. stellten sich zwei Gläubiger ein, so daß England in der jüdischarabischen Frage eine Politik des Laviereus einnahm. Durch das Mandat ist diese Frage nicht gelöst, denn England hat es nicht aus philosemitischen Gründen, sondern aus egoistischen Motiven übernommen, da Palästina für England den Schutz des Suezkanals und des freien Durchzugs nach Indien bedeutete. England hat also gleichzeitig die jüdischnaüonale Politik in Palästina gefördert, konnte sich aber in kritischen Momenten immer auf jene Bestimmung der Balfour-Deklaration zurückziehen, daß die Rechte der Araber nicht angetastet werden sollen. Dr. Feldsberg untersuchte hierauf die Triebkräfte der Hetze in Palästina, wobei er der Ansicht Ausdruck verlieh, daß auch bedeutende Weltmächte hinter den Kulissen geschürt hätten. Seine Ausführungen über die nationalen Minderheitsrechte, gegen die er sich mit besonderer Schärfe wandte, fanden Widerspruch bei den anwesenden Zionisten, seine Forderung nach Zusammenschluß aller Juden im Kampfe für Freiheit und Gleichheit des Judentums lösten aber gewaltigen Beifall aus, und er schloß unter lebhafter Zustimmung der Versammlung seine Ausführungen. Ein junger Zionist wollte die Begeisterung der Jugend für den Zionismus damit erklären, daß diese der Nationalismus mehr „ziehe" als die Religion. Ein anderer Zionist, der ehemalige jüdischnationale Bezirksrat Kohn, bedauerte lebhaft die Störungen durch die anwesenden zionistischen Jugendlichen und betonte als Zionist, daß er den Standpunkt der „Union" in dieser Frage verstehe, in der angesichts des traurigen Unglücks in Palästina alles Trennende vermieden werden sollte. Regierungsrat Dr. Max Lenk führte aus, daß Palästina wohl ein großes Ideal darstelle und daß es auch richtig sei, daß der Nationalismus dem Judentum neue Kräfte zugeführt hat, diese Idee aber, die im 19. Jahrhundert, im Jahrhundert des Nationalismus auch bei den Juden entstanden ist, dürfe nicht dahin führen, daß die Juden in ihrer ruhigen Entwicklung in ihren Heimatsiändern gestört werden. Man mag eine neue Heimstätte aufbauen, aber die alte Heimstätte zu zerstören, ist eine Vermessenheit. Was im jahrhundertelangen Kampfe für Freiheit und Gleichheit errungen wurde, dürfe nie und nimmer verloren gehen. (Stürmischer Beifall.) An die zionistische Jugend! In der am Montag stattgehabten Versammlung wurde uns von einem jugendlichen zionistischen Redner der Vorhalt gemacht, daß die Jugend nur in den zionistischen Reihen zu finden sei, und das nur deshalb, weil der nationale Gedanke allein fähig ist, die Jugend zu begeistern. Man muß zugeben, daß diese Behauptung zum Teil leider berechtigt ist. Ich sage „zum Teil", weil auch wir junge Leute genug in unserer Vereinigung haben, aber sie treten nicht in dieser Art auf, wie es die zionistische Jugend tut. Wir jungen Unionisten pflegen prinzipiell gegnerische Versammlungen, aus welchem Anlasse immer sie stattfinden, nicht durch, gelinde gesagt, lautes Benehmen zu stören, wir verstehen es, die Gesinnungen Andersdenkender zu respek* tieren, und vor allem sind unsere Argumente besser fundiert, als daß sie kräftiger Stimmwerkzeuge bedürften. Ich sagte vorhin aber auch „leider". „Leider" nicht vielleicht deshalb, weil wir so kleinlich sind, dem Zionismus den größeren Anhang Jugendlicher zu neiden, sondern „leider" deshalb, weil wir es im Interesse der Menschheit, der wir Juden vor allem zu dienen bestrebt sein sollen, bedauern, daß die heutige Jugend es noch immer nicht gelernt hat, das Menschheitsdeal auf Höheres einzustellen als auf nationalen Chauvinismus, weil wir es bedauern, daß eine Generation, deren erste Kindheitseindrücke Not und Hunger, Haß und Mord, Trauer und Schmerz um gefallene Väter und Brüder, um verkrüppelte, hilflos gewordene Angehörige waren, den Nationalismus, den Urheber unseres Kindheitsalpdruckes, nicht zu überwinden versteht, weil wir es bedauern, daß eine Generation, der ein Gräser, ein Zweig, ein Remarque und viele, viele andere ein aufwühlendes Memento zurufen, noch immer sich Reden gefallen läßt, ohne aufzuschreien in heller Empörung, wie sie ein bedeutender zionistischen Führer jüngst gehalten hat, deren Tenor an die wüsten Kriegshetzreden aus der „großen Zeit" erinnerte und deren Höhepunkt mit dem Ausspruch erreicht wurde: „Es Ist süß, fürs Vaterland zu sterben!" Welcher Hohn, uns, uns unglücklichen Kindern einer erschütternden Zeit, ungestraft das sagen zu dürfen! Nein, ihr Chauvinisten, tausendmal nein, wir Jungen lassen uns das nicht mehr einreden, wir Jungen werden uns nicht durch solche Traktätchen systematisch zu willigem Schlachtvieh erziehen lassen, wir Jungen wollen leben und wirken für die Menschheit. Und darum allein bedauern wir es, daß Ihr im national-chauvinistischen Lager noch mehr seid als bei uns, weil wir mit Entsetzen erkennen, daß die Jugend nichts gelernt, aber alles vergessen hat. Unser Kampf gilt dem höheren Ideale der Völkervereinigung, einem Ideale, das die helle Begeisterung der Jugend verdient. Wir Juden waren immer Pioniere der Ethik und mußten bittere Opfer deshalb auf uns nehmen. In diesem Sinne bedauern ijnd beklagen wir unsere gefallenen Brüder und Schwestern in Palästina, soll aber ihr Tod nicht limsonst gewesen sein, dann geht in Euch, jüdische Altersgenossen aus dem zionistischen Lager, und schreibt mit uns auf Eure Fahne, was Ihr im Gruße jp im Munde führt: „Scholaum!" f Benno Low.

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