Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHtffiBIT i«™™ Seite Ü ev$ffei%tliekunqei\ der Unicti cleutrcfocstevveicKifcKee Juden 3bapcribHmfaafe.to94«t UXcA/X «arg^aw 4 HUfc^-W-Tt-Tf Union- Versammlang. Montag, den 16. d. M. veranstaltete die „Union deutschösterreichischer Jude nli im großen Saale des Insenieur- und Architekten-Vereines eine Versammlung, die der Stellungnahme dieser Vereinigung zu den E reigrüssen in Palästina diente. Die Versammlung war sehr gut besucht, unter den Zuhörern befand sich wohl auch eine Anzahl jugendlicher Zionisten, die leider den Anlaß benützten, um die Ausführungen einiger Redner, die verständlicherweise ihr Gefallen nicht fanden, mit lärmenden Zwischenrufen zu beantworten. Dadurch wurde die ansonsten würdig verlaufene Versammlung eine Zeitlang in ihrem Ernste empfindlich gestört, es gelang jedoch dem energischen Vorsitzenden, Präsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n, bald, die Ruhe wieder herzustellen und die Versammlung schloß ohne weitere Zwischenfälle. Eingeleitet wurde sie durch eine Gedenkrede des Vorsitzenden für den kürzlich verstorbenen großen nichtzionistischen Führer Louis M a r s h a 11, die von der Versammlung stehend angehört wurde. Dr. Ornstein skizzierte in dieser Trauerrede die markanten Episoden aus dem so reichen Leben des Dahingegangenen, der in seiner Person eine ausgezeichnete Synthese für Judentum und Staatsbürgertum gefunden hat. „Das Andenken dieses großen Mannes", schloß der Trauerredner, „wird gerade in der „Union", die gemäß ihrer Einstellung viele Berührungspunkte mflt Louis MarshaM hatte, stets eim ehrendes sein." Hierauf ergriff Baurat Wilhelm K e m p 1 e r das Wort zu seinem ausgezeichneten und tief durchdachten Referate über das Palästinaproblem, einer Frage, an der, wie der Redner einleitend ausführte, kein Jude vorübergehen könne. Auch die „Union" hat sich mit diesem Problem wiederholt beschäftigt, sie konnte aber roiemaiis erwarten, daß sie eine so große Versammlung, wie die heutige, einem solch traurigen Anlasse widmen würde. Nach einem historischen Ueberblick, der mit der Eroberung Palästinas und der Zerstörung Jerusalems durch Titus begann und die Zusammenhänge aufzeigte, die seit dieser Zeit zwischen dem Judentum und dem Heiligen Lande bestehen, Gefühlsverbindungen, die insbesondere in dem täglichen Gebete der Juden ihren Ausdruck finden, besprach der Redner die moderne zionistische Bewegung, die mit Herzl einsetzte, der den uralten Sehnsuchtstraum der Juden zu erfüllen, gesucht, ursprünglich jedoch nur an die Auswanderung jener Juden gedacht hatte, die wegen ihres Judentums leiden und auf der weiten Erde ein Fleckchen Land erhalten sollen, auf dem sie als Menschen ruhig leben uud wirken können. Nun, nach zweitausend Jahren, ist der Kampf in Jerusalem wieder am 9. Ab entbrannt, wiederum hat die Klagemauer eine traurige Rolle gespielt, und am Fuße jenes Berges, auf . dem die zehn Gebote der Menschheit gegeben wurden, deren wichtigstes von dem Verbote der Tötung von Menschen spricht, wurden unschuldige £üden grausam hingemetzelt. Die Zeitungsnachrichten darüber enthalten die widersprechendsten Mitteilungen, bald wird von einer Beruhigung gesprochen, bald wieder meldet der Draht von der Entwaffnung von Arabern, die vor den Toren Jerusalems sturmbereit standen. Wichtig für die momentane Situation sind zwei Kundgebungen, die Englands, daß es am Mandat festhalte, und die des Großmufti und Präsidenten des Obersten mohammedanischen Rates, daß nicht früher Frieden und Ruhe in Palästina sein würde, bevor nicht England das Mandat widerrufen hätte. Wie England unter diesen Umständen die lösende Resultante linden würde, ist jetzt noch nicht abzusehen. Sicher aber ist, daß das Palästinaproblem ein ungemein schwieriges ist, schon der räumlichen Verhältnisse wegen, die Baurat Kempler an statistischen Vergleichsziffern zwischen Palästina und Niederösterreich, zwei Ländern, deren Flächeninhalt ein ungefähr gleicher ist, illustrierte. Auch die Möglichkeiten der Einwanderung in den nächsten Jahren faßte der Redner an Hand des Referates von Dr. Ruppin auf dem letzten Zionistenkongreß ins Auge, aus dem klar hervorgeht, daß nur fünf Prozent der Gesamtjudenheit in Palästina Platz finden könne. Wenn also eine Majorisierung der Araber durch die Juden nicht zustande kommen könne, woher dann doch die Abwehrkämpfe? Der Redner beleuchtete in sehr interessanter Weise diese Frage. Aus den verschiedensten Ländern, mit den verschiedensten Auffassungen kommen Juden nach Palästina, zum Großteil aus Gebieten mit großen Judensiedlungen, in denen sie unfrei waren und drangsaliert wurden. Ins Heilige Land aber ziehen sie mit dem Gedanken, von einer großeu Macht beschützt zu sein. Das ergibt einen gewissen Ueberheblichkeitssinn bei ihnen und in logischer Folge manchen Konfliktstoff. Die Araber gebrauchen in der Landwirtschaft noch immer ihre alten Mittel, die Juden aber sind mit modernen Mitteln ausgestattet, so daß bei den Arabern die Ueberzeugung hervorgerufen wird, daß sie durch die Juden um die Möglichkeit des Erwerbes gebracht werden. Durch die eingewanderten Juden werden zum Teil soziale Auffassungen über Besitz und Nichtbesitz ins Land gebracht, die die Araber zu Besorgnissen veranlassen. Daß die Araber unter solchen Umständen die Juden nicht mit offenen Armen aufnehmen, ist klar, besonders wenn sie sehen, daß der Zusammenhang der Juden mit ihren Brüdern in aller Welt größer ist als der Zusammenhang der Araber, die auf sich selbst gestellt sind. Schließlich ist kein Krieg so hartnäckig wie ein Religionskrieg und die Araber, die Heiligtümer der Juden als Semiten auch für sich in Anspruch nehmen, werden durch Schlagworte, die von Annektierungsgelüsten der Juden in bezug auf diese Heiligtümer sprechen, außerordentlich erregt. Der Grund, warum die Explosion gerade jetzt erfolgte, ist klar. Die Führer der Araber, die die Verhandlungen wegen der Jewish Agency mit dem größten Mißtrauen verfolgten, mußten befürchten, daß die Masse der Förderer und die Mittel für die Einwanderung der Juden wesentlich größer werden würden. Die Aktion trat deshalb gerade jetzt in Erscheinung, wenn sie auch sicherlich von langer Hand vorbereitet worden war. Es wird jetzt aller Orten gegen England Stellung genommen, obwohl es doch klar ist, daß England nicht der Juden wegen das Mandat übernommen hat. Es war wohl von Anfang an den Juden wohlwollend in dieser Frage gegenüber gestanden, aber nur aus eigenem Interesse, denn es dachte sich, daß ein Vorposten wie die intelligente Judenschaft am Suezkanal nur von Vorteil sein würde. England, das die meisten Mohammedaner unter seiner Oberhoheit hat, kann aber wegen der 150.000 Juden in Palästina seine Stellung im Orient nicht gefährden. Es kann auch nicht gesagt werden, daß England wortbrüchig wurde, denn das im Jahre 1922 erschienene Weißbuch erklärte ungemein deutlich und nicht hinterhältig, daß nicht daran gedacht werde, Palästina so jüdisch zu machen, wie England englisch sei. Am Beginn der Kämpfe hat Tempeldiener (Schames) der auch Inkasso besorgt, eventuell an Wochentagen vorbeten kann wird aufgenommen Schriftl. Offerte an Nathan Büchler, IL, Obere Donaustraße Nr. 89 JOSEffjfÄPTER lOTPBtfgBBW KUNDMACHUNG Wir beehren uns bekanntzugeben, daß anläßlich der hohen Feiertage der Flllal-Gottesdienst auch heuer im Saale „Zum grünen Tor" VIR, LerchenfelderstraBe 14, stattfindet Karten werden täglich im Sekretariate des Tempelvereines, VQI., Neudeggergasse 12, Tel. A 21-7-65, ausgegeben.